Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 7 (15.2.1895)
- Date
- 1895-02-15
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608378--0218-9608382- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 100. DescHurun. Nr. 7. mm erlaubt sich der Sohn, seinen Brüdern den schlasenden Later zu zeigen, damit sie ihn ungestört verspotten? Aber die beiden Bruder solgcn ihm nicht darin! Wer seine Eltern, seine Familienehre nicht achtet, wird ein Sklave bleiben, wird im Leben stets zu denen gehören, die keine Ehre verdienen und keine erlangen. Wer dagegen nicht imstande ist. Über die Eltern auch nur zu lächeln, dem wird im späteren Leben der Zusammenhang mit dem Elternhause ein Antrieb zum Guten bleiben. Diese Begründung wird ein Schüler der Mittelstuse, wenn ich sie ihm nicht steif und gelehrt, sondern mit warmherziger Beziehung auf die Eltern vorbringe, wohl mitempsinden, und das ist mehr, als begreifen. Und dabei handelt es sich hier um eine der Geschichten, die vom Standpunkte des Berfasters aus am meisten angreifbar erscheinen könnten. Noa must sich eben nicht grade in seiner Trunkenheit wälzen, es braucht von einer Erwah keine Rede zu fein, und doch fehlt kein wesentlicher Zug der (beschichte. Aus welchem Grunde die Sintflut nun diesem Alter vorenthalten werden sollte, meist ich nicht. Das Wind späterplötzlich mit dem bekannt machen, was man ihm aus erziehlichen Gründen früher glaubte verschweigen zu müssen, das bessert an der Sache nicht viel, sondern vermehrt nur (wenn die Erzählung solche Seiten haben sollte) bas Uehcrraschende und ruft den Zweiseisinn durch die jähe Plötzlichkeit mit der der Schüler daraus geführt wird, noch heftiger hervor. Daß die Menschen gewaltthätig waren? Daß Gott sie durch Noah hat warnen lassen und ihnen eine Besterungsfrift von 120 Jahren gelasten hat? Daß Gott die Sünder schließlich gestraft hat? Wenn man hierin etwas das Gefühl Empörendes sehen will, so streiche man alles, was Sodonr betrifft (also auch die Fürbitte Abrahams für die Sünder)! So streiche man die Strafen, die über Pharao und Egvpten gekommen sind, so beseitige man die meisten Erzählungen des Wüstenzuges. Za, man ändere den Gottesgedanken, man leugne in oer einseitigen Anerkennung des Gottes, der Wohlthaten erweist, d i e Liebe Gottes, die »ich in der st rasenden Seite zeigt, man entferne den Begriff der Sünde überhaupt als für das kindliche Gemüt nicht angemesten, also auch den Begriff der menschlichen Verantnwrtlichkeit und der Buße. Wenn unser Zeitalter für diese Begriffe nicht mehr empfänglich sein sollte, so haben wir diese Wege nicht mitzumachen, sondern in einem Geschlechte der Genußsucht, der Anbetung des Vorteils und der einseitigen Streberei <diese Eigenschaften unserer Zeit haben die Verblendung unter den Vertretern des Antisemitismus hervorgerufen, so daß sie vieles Verwerftiche gar nicht empfinden), die Verantwortung gegen Gott so früh wie möglich im Witibc znm Bewußtsein zu bringen. Und dazu dienen diese angeblich abstoßenden Geschichten um so eher, als uns soviele andere Stellen Gelegenheit bieten, die Allgüte Gottes recht wirksam hervortreten zu lasten. 'Jiur auf der Grundlage dieser Empfindungen giebt es einen Nofch Hafchono und Jom Wippur; ohne dies Gefühl der Verantwortlichkeit und ohne das Bewußtsein, daß wir vor dem Allgütigen, aber vor dem Richter stehen, verlieren auch diese Feste ihr inneres Leben und werden zu Gewohnheitssesten von unklarer Empfindsamkeit. „Die Erzählungen für die ersten Jahrgänge dürfen nur gute Vorbilder, keine abschreckenden Beispiele enthaltend. h. eö darf diesem Alter nichts Unedles vorgeführt werden. Alles soll nur aufs Treffliche Hinweisen; daß es auch eine .Kehrseite des Menschentums giebt, soll das .Umb erst später erfahren. Wir wollen nicht darüber streiten, ob dadurch nicht von vornherein ein falsches Weltbild im .(Ende sich abzeichnet, besten Unwahrheit sich später verhängnisvoll geltend macht und zum Weltschmerze und zur Menschen - Verachtung treibt, (sieben mir Herrn Abraham selbst diese Notwendigkeit zu — wo wird er diese Forderung verwirklicht nnden? In der „hübschen" Geschichte Josephs, wie er sich ausdrückt? Nun, Joseph bringt üble Neben vor den Vater; Jakob beweist ihm seine besondere Gunst durch den bunten Nock: Joseph rühmt sich, nachher sogar vor dem Vater, seiner Träume; die Brüder wollen ihn töten; Neuben ihn durch Zweideutigkeit retten; die Brüder verkaufen ihn um zwanzig Silberlinge; die Frau des Potiphar verleumdet ihn, und er sinkt in "tan Werfer; Joseph, der emporgekommen ist, behandelt seine Brüder mit Schroffheit, ängstigt seinen greisen Vater', bis er sich endlich, von Rührung übermannt, zu erkennen giebt. (Und das fünfte (siebot sollte grade hier besprochen werden können?) Also — fort mit der Joseph geschichte? Dahin können wir' ohne jede Spitzffndigkeit kommen, wenn wir derartige Forderungen aufstellen und die Bibel mit einem Maßstabe meisten wollen, der für sie zwerghast klein ist. Mit solchen Urteilen über das Erhabene und (siroße der Bibel kehren wir zum Geiste Gottscheds zurück, wir klemmen jene einfachen und großen Gestalten der Vorzeit, grade dein Windesherzen so verständlich, in eine enge Lchnürbrust ein, eine butterweiche Menschheit tritt an Stelle der wirklichen und die Bibel muß sich von uns die Vorwürfe gefallen lasten, welche von judenfeindlicher Seite dagegen geschleudert werden: Ein Buch, das in seinen wesentlichen Teilen (die geschlechtlichen Beziehungen ab gerechnet), nicht einmal der reiferen Jugend bekannt gemacht werden darf, das muß aus den Inder gesetzt werben — wie kann das ein Gottesbuch sein? Wir werden aus fortgeschrittener Stufe allerdings von Jephta, von Ehud und Jael erzählen, gleichviel, ob dadurch von unseren Vorfahren ein übertrieben guter Begriff erweckt wird. Das wollte die Bibel gar nicht, als ne bei Jcrotaam und feinen Nachfolgern stets hinzufügte, „er that, was übel war vor Gott." Und soll dem überstrengen Beurteiler der Bibel zuliebe eine (siestalt, wie die des Limfon, aus der Geschichte schwinden? Wollen wir nicht aus die Stimme des jüdischen Schulmannes hören, so mußten die Urteile eines Wellhausen, Stade, Eornill eingeholt werden, da wird sich ganz anderes kundthun. Jene Richterzeit mit ihren wilden, aber riesigen und kernigen Heldengestalten -- sie wird auf die Empfindung unserer Jugend mindestens eben so gut wirken, wie das 'Nibelungenlied mit feiner Brunhilde, mit Hagen und Wriemhilde, die man heute der Jugend nicht mehr vorenthält. Das sind keine Gegenstände, die die N c l i g i o n s st u n d e füllen, wird mir Herr Abraham sagen, Gleichviel! Etwas für das Windesgemüt Ungenügendes darf auch die Litteraturgeschichtsstundc nicht bieten. Nun, jene Geschichtsbilder der Bibel, seien sie auch düster, sie gehören zur Geschichte Israels. Mag die Jugend misten, daß unsere Vorfahren nicht nur engbrüstige Seufzer, sondern auch Männer der kräftigen That gewesen sind; mag sie dabei erfahren, daß in den Zeiten, da man die Thora vergaß, alle jene Heldenkraft, wie die eines Simson, leider ans