Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 7 (15.2.1895)
- Date
- 1895-02-15
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7. JescHururr. Seite 99. Woher aber dieser UnterschiedV Ich will keine apodiktische Behauptung aufstellen, meine aber, daß der Unterschied daher rührt, daß die neueren Provinzen schon vor 1866 eine Kirchenverfassung bezm. eine Synagogen-Ordnung hatten, die als berechtigte Eigentümlichkeit nicht angetastet wird. Beide Ausdrücke sind nicht gerade sehr anheimelnd. Erstens haben wir keine Kirche, sondern eine Synagoge, und zweitens haben wir nicht erst jetzt eine Synagogen-Ordnung, sondern eine uralte talmudische, und wenn man nur diese befolgte, so wäre die Misere gehoben. Beweis: Rußland. Gleichwohl, wenn man anch orthodoxerseits sich gegen jede hierarchische Staatseinrichtung sträubt, so meine ich doch, selbst alle etwaigen Unzuträglichkeiten zugegeben, ist es doch besser, wenn die zum Teil unerhörten, in keiner Religionsgemeinschaft sonst vorkonnnenden Plackereien der Religionsdiener aufhören, als wenn eine zu zarte Rücksichtnahme auf die Gewissensbedenken einiger Orthodoxer obwaltet, dabei aber die Plackereien bestehen bleiben. Was nun die vorgeschlagenen Schritte betrifft, die man zur Abhilfe thun will, also eine -Petition an die Staatsregierung, so habe ich natürlich nichts dagegen, und würde mich nur freuen, wenn sie zum Ziele führten. Man vergesse aber nicht, daß das Judentum in Preußen keine gleich den anderen Konfessionen anerkannte Glaubensgemeinschaft ist. Vielmehr haben die Juden nur die religiösen Korporationsrechte und dabei die Pflicht, den Religionsunterricht der Jugend zu erteilen. Nicht einmal das Recht auf Erteilung eines obligatorischen Religionsunterrichts haben sie, da der einzelne sich der Verpflichtung, denselben zu genießen, entziehen kann. Letzteres wird ihm allerdings jetzt von den Aufsichtsbehörden erschwert. Grätz sagt in seiner Geschichte der Juden: Die Gleichstellung der Juden als vollberechtigte Glieder ist so ziemlich durchgedrungen, die Anerkennung des Judentums unterliegt noch schweren Kämpfen. Er meint die welthistorische Anerkennung. Auf diese können wir gewiß nicht warten. Wir wollen eine st aa t s recht lich e Regelung, die ungerechtfertigte Behandlung der Religionsdiener verhindert. Es ist übrigens gar nicht wahr, daß die Anerkennung der Juden so ziemlich durchgedrungen ist. Wenn mir auch vom dem Antisemitismus abfehen, so kann ich mich doch nimmermehr als gleichgestellt nnsehen, so lange ich das Bewußtsein habe, daß inan mich als Angehörigen einer inferioren Religion betrachtet. Hier müßten die Hebel angesetzt werden, um die Anerkennung des Religionsbekenntnisses nötigenfalls zu erzwingen. Ich las in Ihrer gesch.Ztsch.einen beachtensivertenArtikel über Dogmen im Jndentume. Wenn auch solche nicht in dem Sinne existieren, ivie beim Ehristentum, daß sie Grundprinzipien seien, von denen und aus denen alles muß abgeleitet werden (denn da haben wir die verschiedensten Fassungen), so muß, soll das Judentum eine Religion sein, doch manches allen Gemeinsame existieren, und es muß sich dieses Gemeinsame auch in Worte fassen lassen. Man einige sich doch darüber, und lay'e die berufenen Autoritäten zu Worte kommen. Freilich müßte erst die Selbstsucht, die nur an sich und das eigene Fortkommen denkt, besiegt werden, es müßten auch die religiösen Zeitschriften nicht lediglich die Abonnementsfrage als das beivegende Prinzip ihres Thuns und Lassens betrachten. Es wird also manches Opfer kosten, aber sie müssen im Interesse der Sache gebracht werden. Auch der projektierre D. I. L. B. könnte, indem er dem Religionsunterricht sein Augenmerk widmete und diesen ans die ihm gebührende Höhe hebt, segensreich wirken. Etwas «am biblische» Geschichtsimtmichte. Von Rabb. Dr. L. A. Rosenthal, Rogaien. II. -Mein erster Artikel war auf die Anfangsbetrachtung des Herrn Abraham bereits abgegangen, als mir nun der zweite Teil ins Auge fiel, der mich zu weiteren Erörterungen veranlaßt. Da in Rr. 4 der ganze Gedankengang völlig ersichtlich vor mich trat und ich fernerhin nur weiteres in demselben Sinne erwarten konnte, so habe ich mit der schnellen Beantwortung der ersten Bemerkungen durchaus nicht einseitig gehandelt. Herr Abraham hat nun doch wohl eine Ahnung davon gehabt, mit welchen Gründen man gegen seine Erörterungen auftreten könnte; er führt solche schon selbst an und widerlegt sie. Ta er nun „Die Sintflut" „Hams Spott" als nicht „für die Unterstufe" hiifftellt, so muß auf den ersten Artikel zurückgegriffen werden, wo aus Gründen des wissenschaftlich Feststehenden und Festzustellenden dieSchöpfungsgeschichte und die P aradi esc s gef ch ich te für die erste Stufe fortfallen sollte. Hält cs Herr Abraham deshalb für unnötig, dies zu erwähnen, weil es schon früher geschehen ist, so weife ich auf die Gegengründe hin, die ich im ersten Artikel ausgesprochen habe. Sollte er aber inzwischen bezüglich jener Urerzählungen anderer Meinung geworden sein, so erkenne ich das mit Freuden an. Wenn er für die Unterstufe manches beschränkt wissen will, weil dort eine Erörterung und Berichtigung der kindlichen Anschauungen nicht gut möglich ist, so wollen wir deswegen nicht mit ihm streiten, aber wir geben es nur unter dieser Begründung zu. Ta man hier außerdem überhaupt die Zeit zu Rate halten und den Geist der Kinder nicht überladen darf, um auch nur etwas zu erzielen, so werden manche Gegenstände von selbst nur andeutungsweise genonnnen werden können. Tiefer Beschränkung dürfen aber nicht Erzählungen, wie die genannten aus dein ersten Buche Moses (Kain und Abel, Sintflut) zum Opfer fallen, sonst bleiben sie dem Geist etwas erst in zweiter Linie Gewonnenes, nicht ursprüglich Vertrautes. Ich null über Hams Spott mit Herrn Abraham nicht streiten, zumal in vielen Büchern die Erzählung fortgelassen worden ist. Bestreiten muß ich nur, daß sie nicht mit gutem Erfolge zur Veredelung des Kindes angewandt werden könnte. Wir leben nicht in einer Zeit, wo ein im Rausche schlafender Stammvater eine unbegreifliche Erscheinung ist. Unsere Kinder sind gar nicht so harmlos, daß sie den Spott über Eltern nicht kennen. Da ist es durchaus nicht von klebet, wenn dem Kinde diese ganz in seinem Gesichtskreise liegende Erzählung zur Warnung nahegebracht wird. Was hat Noa nicht für feine Kinder' gethan! Er hat sie durch seine Erziehung vor den Wassern der Sintflut gerettet! Uno