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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-02-15 · 7 (15.2.1895) · p. Seite 98

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
7 (15.2.1895)
Date
1895-02-15
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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Seite 98. KefcHurun. Nr. 7. zwischen reichen und armen Juden hin. Auch vom (Gegner kann man lernen. In den Tagen gemeinsam erduldeter Verfolgung blieb dieser (Gegensatz latent; je mehr die antisemitische Bewegung zu einer antikapitalistischen sich auswächst, umsoschärfer wird leider der (Gegensatz zwischen armen und reichen Juden hervortreten. Unsere Großen haben deshalb nicht nur die moralische Pflicht, ihren ärmeren Glaubensgenossen mehr als bisher zu helfen — eine derartige Thätigkeit würde vielmehr auch im höchsten Mage „staatserhaltend" sein. HM Euer |liilorr trocken! Der „Kampf der Alten und der Jungen", so lautete unlängst die Ucberschrist eines Leitartikels in der Staatsbürgerzeitung, welcher den ausgesprochenen Zweck hatte, die Leser der antisemitischen Kollegin namentlich vor den „Jungen" im israelitischen Lager zu warnen, da diese letzteren — so denunzierte ‘ sie in ihrer bekannten gewissenhaften Weise — die Unterwerfung der Christen unter ihre Herrschaft als vornehmste Aufgabe betrachteten. Diese Auslassungen haben wir pflichtschuldigst niedriger gehängt, ohne freilich dabei zu ahnen, daß wir sobald schon in die Lage kommen würden, unsererseits die hellseherische Gabe der verehrten Kollegin vollauf bestätigen zu müssen, obwohl mir sonst durchaus keine "Neigung besitzen, den Propheten der Gegenwart irgenwie Gegenliebe zu zollen. Diesmal aber bewundern wir rückhaltlos den Scharfsinn der Zeitung, die den Kampf der Alten und der Jungen vorausgesehen, so daß wir, wenn uns der Sinn für das Praktische, der heutzutage ein ostentatives Zurschautragen des Judenhasses erheischt, bei unserer Kollegin nicht zu bekannt wäre, beinahe auf den Gedanken gekommen wären, es hätten vermaledeite Juden bei Abfassung jenes Artikels die Hände im Spiele gehabt. Der Kampf der Alten und der Jungen ist da, der Krieg der beiden hat begonnen — aber im antisemitischen Lager. Ehren-Ahlwardt zieht mit Wilberg und Bodeck gegen die Staatsbürgerzeitung offen zu Felde, indeni er eine neue Fraktion und — was für die Zeitung der Bürger, mit denen kein Staat gemacht werden kann, besonders interessant fein dürfte — eine neue Tageszeitung gründet, die jedenfalls noch viel bunter werden wird, als der Bundschuh. Das genannte dreiblättrige Kleeblatt wackerer Helden stellt demnach die „Jungen" dar, während wir, - so unritterlich dies einer Dame gegenüber auch sein mag, der Staatsbürgerzeitung leider einen Platz, aber einen Ehrenplatz, bei den „Alten" zumeisen müssen. Es unterliegt für uns keinem Zweifel, daß in diesem Kampfe, der die radikale judenfresserische Züchtung, die aus ihren demagogischen Gelüsten durchaus kein Hehl macht, zur Herrschaft bringen soll, das besonnene, gemäßigte Element unter den Antisemiten mit der Staatsbürgerzeitung an die Wand gedrückt werden wird, denn die Erfahrung lehrt, daß der Sieg auch bei Kämpfen geistiger Natur stets da ist, wo die größere Entschiedenheit ihren Platz hat. Das ist aber entschieden bei Ahlmardt und Genossen der Fall, weil sie in diesem Kampfe materiell und moralisch nichts zu verlieren, dagegen alles zu gewinnen haben, wenn ihre Schlußfolgerungen und Spekulationen richtig sind. Den größten Schaden dürfte daher die Staatsbürgerzeitung haben, die mit der in Sicht stehenden Ahlmardt-Gründung die angenehme Aussicht hat, einen schönen Teil ihrer Abonnenten auf billige Weise los zu werden. — Obwohl nun hier der alte Satz vom TVrtius gaudet sehr nahe liegt, wollen mir doch nicht verfehlen ausdrücklich zu betonen, daß mit dem Zwiespalt bei unseren Gegnern für uns nichts geivonnen ist. Wie nicht anders zu erwarten, wird mit der „Fraktion" Ahlmardt - Bodeck - Wilberg die radikale antisemitische Rich tung die Führung erlangen und, wenn auch nur für kurze Zeit, die besonneneren Elemente mit sich fortreißen. Die Feindseligkeiten gegen uns dürften daher für die nächste Zeit eher eine Zuals eine Abnahme erfahren. Dazu kommt aber, daß der einzige Kitt, der diese ganze Gesellschaft zusanunenhält, der blinde rücksichtslose Judenhaß ist. Dieser gleiche Haß bei allen wird alle einigen, sobald es irgend einen Schritt gegen den gemeinsamen Gegner gilt, mögen sie untereinander sich noch so sehr zersteischen. Daraus folgt für uns, daß mir uns keineswegs irgendwelchen Illusionen, noch viel weniger der Ruhe hingeben dürfen, sondern vielmehr auf der Wacht sein und die Augen offen halten müssen. Das antisemitische Gift hat sich schon so tief in den Körper des deutschen Volkes eingefressen, daß wir alle Ursache haben, heute mehr als je aus unserer Hut zu sein. Darum: Haltet Euer Pulver trocken! J. M. Dir Wagt i>rr Kultusdrauckn. Von L. Weinberg, Bodenieldc. lieber dieses Thema hat Ihre geschätzte Zeitung sehr bemerkenswerte Artikel gebracht. Der jüngste Artikel regt mich dazu an, auch einmal mein Heil in der Schriftstellerei zu versuchen. Der Herr stellt einen Vergleich an zwischen der Stellung der deutschen und der russischen Beamten. Dies möchte ich vervollständigen. Es ist auch in Deutschland die Lage der Kultusbeamten nicht überall die gleiche. Es sindet beispielsweise in Preußen ein Unterschied statt zwischen den altpreußischen und den neuen Provinzen. Beispielsweise in Provinz Hannover sind sowohl die Landals auch die Stadtrabdiner lebenslänglich angestellt. Tie Negierung dringt darauf. Ich weiß z. B., daß, als ein Rabbiner, der auf eine bestimmte Zeit angestellt war, nach Verlauf dieser Zeit wieder angestellt werden sollte, die Negierung auf lebenslängliche Anstellung bestand. Was die Kantoren betrifft, so sind, wenn ich nicht sehr irre, in den größeren Städten, bespielswcisc Hannover, auch diese lebenslänglich angestellt (sie müssen allerdings naturalisiert sein). In den mittleren und kleineren Städten sind aber die Kantoren zugleich öffentliche Lehrer und können als solche ohne Genehmigung der Auff'ichtSbchörde, das sind die Landrabbiner, nicht entlassen werden. Nach den Schilderungen Ihrer gesch. Zeitschrift besinden sich demnach in Hannover die Kultusbeamten in einer verhältnismäßig günstigen Lage. Aehnlich aber wird es in Hessen-Nassau sowie in Schleswig-Holstein sein. Daß hin und wieder Reibungen Vorkommen, die zu Ungunsten der Kultusbeamten ausgetragen werden, will ich gar nicht in Abrede stellen.

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