Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 7 (15.2.1895)
- Date
- 1895-02-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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ligenreine Berlin, 15. Keörnar 1895. Bezugspreis: viertetjährs. 2 Mir. Herausgeber: Ä. Levin, Berlin. Ml Erscheint an jedem Kreitag. Bezugspreis für das Auslands Wir. 2,50. Zu beziehen durch die Post unsere Expedition oder den Buchhandel. Ziedalrtion und Verlag: Hr. Aamburgcrstr. 21. Än'/igcn, die Zeile 25 Bl., nehmen alle Annoneen-Erpeditionen sow'e unser Bureau entgegen. Zu dem Kapitel vom „Ausmchmsjudcn". Haltet Euer Pulver trocken. Vou I. Ai. Die Notlage der Kiiltusbeamteu. Vou L. Weinberg. Vom bibl. Geschichtsunterricht. Vou Dr. L. A. Roseuthal. Dante al» Verteidiger des Talmud. Vou Tr. Ad. Ielliuct. Der Dichter der „Deborah". Vou M. Andorn. Des Vaters Schuld. Vou Moritz Scherbe!. Aus meinem Leben. Vou Ai. (st. Saphir. Gedichte. — Wocheuchrouik. — Kalender. — Anzeigen. Zu dkl« KaMkl «um; ‘ das neulich hier abgedruckt worden ist, wird der „Oesterr. Wochenschrift" aus Berlin eine nicht uninteressante Ergänzung geschickt. Ter ungenannte Verfasser betont in erster Reihe, es sei irrig, wenn Dr. Friedländer Wien auf der einen und Paris-London-Berlin aus der anderen Seite gegenüberstellt; die Berliner Verhältnisse seien vielmehr den Wiener Zuständen ähnlicher, als jenen im Westen. Das sei auch ganz natürlich, da die Vorbedingung, eine starke antisemitische Strömung, ans Berlin ebenso zutrisft, wie aus Wien. Es ist eine alte Erfahrung, daß religiöse oder pseudoreligiöse Verfolgungen energischen Widerstand nur in der Blasse der Bevölkerung finden, während sie die oberen Klassen leicht zur Fahnenflucht veranlassen. So hebt Lecky (Essays) hervor, das; die Katholikenverfolgungen zur Wende des Jahrhunderts die irischen Großen in erheblicher Anzahl zur Annahme der protestantischen Religion und zum Uebergang in's protestantische Lager geführt' haben. Zum Nachteil der Juden kommt indessen noch in Betracht, das; sie nicht, wie die Katholiken, au einer starken Zentralgewalt außer Landes einen Rückhalt besitzen. Tie Desertion der oberen Zehntausend mußte auf die Katholiken Irlands einen umso geringeren Einfluß üben, als ihre Kultureinrichtungen und ihr Klerus von dem Wohlwollen der Großen unabhängig waren. Anders in der Judenschaft, die bei der Autonomie der einzelnen Gemeinden und der Freiwilligkeit ihrer Leistungen von den Stimmungen ihrer Plutokratie weit abhängiger ist. Die wohlhabenderen Gemeindemitglieder betrachteten es deshalb auch fast als eine Art Recht, im Gemeindevorstande vertreten zu sein; zu den Ehren, die die Gemeinde zu vergeben hatte, führte häufig nicht Eifer, sondern bürgerlicher Einfluß und Vermögen, nicht I ntcrcsse, sondern Interessen. Alan betrachtete es nicht als Ehre für das Ge nie ind e in it g li e d, die Gemeinde vertreten zu dürfen, sondern für die Gemeinde, so einflußreiche und gesellschaftlich hochstehende Personen zu Vorstandsmitgliedern zu zählen. Als es nicht mehr fafhionabel war, Jude zu fein, waren die Deserteure deshalb besonders zahlreich in den Familien der Gemeindevorstände. Wir haben es sogar erlebt, daß Vertreter der Gemeinde demissionierten, um am Tage darauf zum Ehristentum überzutreten. Hierzu kam die allgemeine Demokratisierung der Anschauungen, und so war eS kein Wunder, daß man bei der Wahl zu Vorstaudsmit-. gliedern Männer, die Liebe zur Sache hatten, den dekorativen Persönlichkeiten vorzog. Die jetzigen Vorsteher der Gemeinde sind daher durchaus nicht schlechter als die früheren, und weit entfernt, die gute, alte Zeit zu beklagen, möchte ich vielmehr glauben, das; die jetzigen Zustände gesündere Keime tragen. Es scheint besonders irrig, zu beklagen, daß uns Männer verließen, deren Väter an der Spitze der Gemeinde gestanden hatten. Die Schuld liegt nicht an den Söhnen, sonderd an den Vätern. Kenner unserer Verhältnisse haben mit Recht betont, daß die Eitelkeit im eigenen Lager gefährlicher ist, uls die Angriffe unserer Feinde. Die Eitelkeit — das ist der wahre Amalek. Wer in die Herzen der Kinder die Eitelkeit streut, der züchtet Deserteure, mag er auch in seinen Mußestunden unser Vorstandsmitglied sein. Denn zu einer Minorität zu gehören, bringt keine äußeren Ehren; das Bewußtsein getreuer Pflichterfüllung muß für solche entschädigen. Damit, daß man alle Eigenschaften hat, ein vortrefflicher Börsenrat oder Kommerzienrat zu sein, ist man noch lange nicht ein geeigneter Vorstand für die Gemeinde. Wir dürfen es deshalb gar nicht einmal beklagen, daß die „Großen" von uns nichts wissen wollen, wir wollen von ihnen ebenso wenig wissen, in unserem Sinne ist der ein „Großer," der für uns denkt und strebt. Soviel vom Standpunkt der jüdischen Interessen. Die Frage hat indessen noch eine wichtige sozialpolitische Seite. Der a r m e Jude hat das Odium zu tragen, welches der reiche Jude durch seinen Reichtum erregt. Er muß sich sagen, das; diesem Nachteile Vorteile für ihn nicht gegenüberstehen, das; seine reichen Glaubensgenossen für die A l l g e m e i n h e i t mehr Opferwilligkeit besitzen, als für die e n g e r e G e m einscha s t. Er sieht in ihrem Reichtum deshalb nicht nur die Ursache seines materiellen Elends, sondern auch seiner bürgerlichen Aechtung. Und wenn ihn seine Religion hind/rt, allen Bestrebungen der Sozialisten zuzustinnnen, so führt sie ihn andererseits — bei dem Streben nach ausgleichender Gerechtigkeit, welches die jüdische Religion mit anderen Religionen teilt — dahin, die ökonomischen Bestrebungen derZozialistischen Parteien freudig zu begrüßen. In einer Sitzung des österreichischen Reichsrats im Jahre 1890 wies der Abgeordnete Lueger auf den Interessengegensatz