Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 6 (8.2.1895)
- Date
- 1895-02-08
- Page
- Seite 92 (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 02. 5<fc^urun. Nr. 6. s i tt en 'B a n kier o b. l'i endelsso t)n ist ein Prozen auf die Zinsen aus diesem 1 800 000 Mark betragenden Legat von dem Advokaten Sr. Äug. Bein in Budapest angestrengt worden. Ser zu (Gründe liegende Sachverhalt ist folgender: Bor ca. zwei Iabren inachte ein in Budapest in küunnerlichen BerHältnissen lebender Hausierer namens Maier Hirsch Mendelssohn die Entdeckung, daN er ein Enkel dev Gründers oben genannter Stiftung sei. Er zog daher mit seiner Tochter nach Deutschland, um seine Ansprüche geltend zu machen, wurde jedoch biv aus weiteres wegen genauerer Prüfung u. f. w. abgewiesen. Sie Zinsen entfielen seit Jahrzehnten, da von Berivandten ein Anspruch nicht erhoben worden war, aus mehrere jüdische Gemeinden in Scutschland. Alv die letzteren von deni Austauchen dev Enkels in Kenntnis gesetzt wurden, sllchten sie dessen Ansprüche zu hintertreiben. Ihren gemeinsamen Bemühungen gelang es, die Tochter zu veranlassen, eine Erklärung an das Kuratorium der Stiftung gelangen zu lassen, in welchem sie bekundet, das; ihr Baker am 9. November v. I. in Frankfurt a. Bi. ge storben sei. Sie hat für diese Erklärung eine grössere Summe Geldes erhalten und ist bald daraus verschwunden. Ser Hausierer aber hat nunmehr den Advokaten Sr. Bein mit seiner Sache betraut, und da letztere sich aus den Sokunlenten von der Nichtigkeit der Angaben überzeugt hat, strengte er nickt nur gegen den Kurator, sondern auch gegen die interessierten jüd. Gemeinden den Prozeß an. Ser Prozen verspricht interessant zu werden, umsomehr, als Sr. Bein zu den tüchtigsten Advokaten der ungarischen Hauptstadt gerechnet wird. - So zu lesen in gegnerischen Blättern. — In Sachen des Lehrcrbundes erfahren wir, daN die Borarbciten des Gemeindebundes nunmehr beendet sind rrnd das; der Entwurf der Statuten resp. des Organisationsplans in den nächsten Tagen an sämtliche Borstände und Mitglieder der Provinzialverbände zur Bersendung gelangen wird. Sa man eine große Zahl von Amendements, Berbesserungs- und Aenderungsvorschlägen seitens der Beteiligten erwartet, die sämtlich geprüft und thunlichst berücksichtigt werden sollen, so dürste die Einladung der Selegierten zur konstituierenden Bersammlung erst für die Psingst serien zu erwarten sein- Es wäre darum wünschenswert, das; heuer die Lehrerversammlungen erst nach der Selegiertenversammlung abgehalten würden, damit die Selegierten über das Nefultat ihrer Beratungen in den ordentlichen Bersaunnlungen Bericht erstatten könnten. Wir sind selbstverständlich bereit, dieser nicht unwichtigen Trage die Spalten unseres Blattes zu össneu. * Aus den Littcratnr-Bereiricn. In Hamburg sprach Herr l>r. K a r p eles über „Glaubenstreue und Glaubenswechsel". Einleitend bemerkte der Nedner, das; bei der Trage des Glanbenswechscls die historische, die statistische und die ethisch-vwchologische Seile zu betrachten sei. Wahrhaft gebildete Menschen würden niemals die Neligion anderer verspotten und angreisen. Sie bedeutendsten jüdischen Gesetzeslehrer des Mittelalters Iehuda ha Levi und Maimonides hätten anerkannt, das; das Ehristentum einen Tortschritt der Kultur bedeutet und viele Segnungen der Kultur gebracht habe. Bon jeder Neligion gelte noch heute das Wort «Gottes an Moie: „Ziehe Seine Schuhe, aus, denn hier in ein Heiligtum" (2. Bch. M. 0,Ö). Sie Taufe sei jüdischen Ursprungs. Sie im alten Testament vorgeschriebenen Neinigungsbäder seien mit peinlicher Gewissenhaftigkeit beobachtet worden. Aus dem Kreise der Essäer sei auch Johannes der Täufer hervorgegangen, der in ein weißwallendes (bewand gehüllt, auf den Straften Jerusalems predigte, das;, wenn das ganze Bolk sich in dem Wasser des Jordan bade, der von den Propheten verheisiene Messias erscheinen werde. Bon dem Augenblick an, wo die christliche Kirche sich als die allein seligmachende betrachtete, habe sie die Andersgläubigen verfolgen müsset,. Aus diesen, Gesichtspunkt ließen sich die satt zweitausendjährigen blutigen Judenverfolgungen erklären. Sas Ehristentum habe schon früh viele Juden zu sich hinübergezogen; bereits im 0. Jahrhundert nach Ehr. sinden mir einen jüdischen Bischof in Metz, zugleich die erste geschichtliche Nachricht von dem Auftreten der Juden in Deutschland. Ein beliebtes Bekehrungsmittel der Juden seien im Mittelalter die sogenannten NeligionsdiSputationen gewesen; es fei das Zeugnis über eine solche erhalteu, die von Benedict I V. geleitet wurde. In Spanien zur Zeit Isabella'ö und Ferdinand's des Katholischen hätten sich viele Juden taufen lassen, aber sie hätten dadurch doch nicht den Schutz des neuen Glaubens erlangt, denn eine von irgend einer Seite eiugelaufene Denunziation habe genügt, um sie vor die Schranken der Inquisition zu bringen als Abtrünnige. Sie Inquisition bezeichne eine der dunkelsten Blätter in der (beschichte der Berirrungen des »lenschlichen Geistes. Aus der neueren Zeit erwähnte Nedner besonders den Uebertritt Nahel's, der Gemahlin BarnHagen'S, und den Heine's. Nabel Beit, eine der geistreichsten Trauen ihrer Zeit, habe die geschichtliche Bergangenheit des Judentums nicht gekannt, und Heine habe die Taufe als ein Entrc'cbillet für die europäische Kultur betrachtet. Heute sei es anders geworden. Sie Kultur werde nicht nur von der herrschenden, sondern auch von der unterdrückten Neligion gefördert, und gcrneinsam arbeiteten alle am Fortschritt der Menschheit. — Zn F r a n k s u r t a. M. sprach Provinzial-Nabbiner Sr. Munk aus Marburg über „die Fabel bei den Juden". Ob der llrfprung der Fabel bei Indern, (Griechen oder Semiten zu suchen sei, ist noch zweifelhaft. Ser Name des Aesop, des griechischen Sklaven und FabelersinderS, ließe sich auf hebräischen Ursprung zurücksühren. Jedenfalls aber haben die Juden an der Fabcldichtung der Kulturvölker einen hervorragenden Anteil, und der unverhältnismäßig größte Prozentsatz aller in der europäischen Litteratur umlausenden Fabeln ist durch jüdische Bermittlung ins Abendland gekommen. Ser Neferent ging von den ältesten Fabeln der Bibel, Pstanzensabeln im Buche der Nichter und im Buche der Könige, aus, verfolgte sodann die Geschichte der Fabel in, Talmud und Midrasch und gab interessante Beispiele. Sa begegnen uns die Zeder auf dem Libanon, der Sornstrauch, der Weinstock, der Tuchs und der Wolf, der von Neinecke geprellt wird, der Löwe, dem ein Knochen im Halse stecken bleibt, und der den Netter aus dieser Not für hinreichend durch den Nuhm belohnt erachtet, in, Nachen des Löwen gewesen und doch nicht gefressen worden zu sein. Es begegnet uns ferner der lhörichte Nabe, der allerdings nicht den Käse beim Singen aus dem Schnabel fallen läßt, wohl aber beim Fund eines Aales durch fein Treudengefchrei den Adler herbeilockt und von diese,,! um seinen Fraß gebracht wird. Auch ein Pendant zu der römischen Fabel de>.- Menenius Agrippa vom Magen und den (Gliedern findet sich in der jüdischen Litteratur, wo es die Zunge ist, die mit den Gliedern um den Borrang streitet und dabei auch ge-