Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 6 (8.2.1895)
- Date
- 1895-02-08
- Page
- Seite 91 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4794838-9608360-9608361--0208-9608372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
Nr. 6. JescHururr. Seite 91. Gemeinde, Synagoge «nd Schule. * Berliner Nachrichten. Am 30. Januar d. I. hielt der „Talmud-Verein" seine jährliche Generalversammlung im Vcreinslokale Oranienburger-Straße 64 ab. Der Vorsitzende Herr -Will). Goldschmidt eröffnet die Sitzung abends 73/4 Uhr und erstattet den Verwaltungsbericht. Demselben entnehrnen wir u. a.: Die Uebersiedlung ins neue Lokal Oranienburger- Straße 64, die Einweihung desselben, den Zuwachs von 24 Mitgliedern, darunter 8 infolge des neuen Lokals, 6 immerwährende Mitglieder mit dem Beitrage von 1700 Mk. Dagegen beklagt der Verein das Hinscheiden des langjährigen Lehrers Dr. Deutschländer, — welchem er eine Gedächtnisfeier veranstaltet hat, — und noch zweier anderer Mitglieder, gegen welche, wie immer, die Liebespflichten erfüllt werden. An Stelle des Dr. Deutschländer ist Herr Rabbiner Höxter einstimmig gewählt und fungiert bereits. Einem Vostandsmitgliede drückte der Vorsitzende Anerkennung für seine Thätigkeit aus. Zum Kassenbericht, der bereits gedruckt in Händen der Mitglieder sich befindet, bemerkt Herr Prager, daß die Revisoren jeden Posten und die Belege sorgfältigste geprüft und alles korrekt und ordnungsmäßig befunden haben, worauf Decharge erteilt wird. Sodann verliest der Vorsitzende den schriftlichen Bericht des erkrankten Lektors des Vereins Herrn Dr. Hoffmann, aus welchem hervorgeht, daß derselbe wöchentlich 8 Stunden Vorträge hält, und im abgelaufenen Jahre 120 Blatt aus dem Trakt. Kotub. und Job. mit Raschi und Tossophot, ferner Mischna, Mag. Abr. und Or. Chajim, Pent., mit Raschi und Ranlbain, Pirke Abot, Kusari k. vor zahlreichem Auditorium vorgetragen hat. Keinesfalls war der Besuch schwächer als im alten Lokale, Namens der Unterrichtskommission zollt Herr Prager denr Herrn Dr. Hoffmamr vollste Anerkennung und berichtet, daß der Knabenunterricht volle Befriedigung gewähre. (Die unliebsamen Vorgänge übergeht er.) Herr Höxter begann den Unterricht Mitte November 1894 mit 4 Schülern, nachdenl am vorhergehenden Unterrichtstage noch 22 Schüler teilnahmen. Heute werden in 3 Klassen 28 Schüler unterrichtet: I. Klasse 5 Talmud, II. Klasse 6 Mischnojot mit Barterora, Hl. Klasse 17 Mischnojot. Die Schüler lernen eifrig und zeigen genügendes Verständnis. — Unter Leitung des Herrn Schreiber wird alljährlich der ganze Talmud von mehreren Gelehrten je ein Traktat gelernt und beendet. Die letzte Sijum-Feier war erhebend. Er bittet alle utit_ Förderung dieses hehren Zieles. Herr Engel wünscht Aufklärung über die unliebsamen Vorgänge. Hierauf berichtet der Präsident etwa folgendes: Ter selige Dr. Deutschländer hatte zwei Vertreter gestellt, welche ini letzten Quartal vom Vereine bezahlt wurden. An einen: Unterrichtstage meldeten beide brieflich, daß sie am Nachmittag sowie überhaupt den Unterricht nicht mehr erteilen werden, die Schüler vielmehr in denselben Lehrgegenständen und in denselben Stunden in der Religionsschule Adas Jisroel zu unterrichten übernommen hätten. Die Schüler wurden unter unwahren Angaben nach der Adas Jisroel-Schule bestellt. Das etwa vor sechs Wochen erhaltene Honorar sandten sie an Herrn Lömcnbcrg zurück. Es gelang indes noch, Herrn Rabbiner Höxter für diesen Tag zum Unterricht zu gewinnen, welcher mit 4 Knaben begann. Run erhob sich Herr Altnmnn mit der Bemerkung, daß diese Darstellung gefärbt fest aber er wolle darüber nicht sprechen und bittet, das Thema zu verlassen. Die Herren Loewenberg, Chaim, Goldschmidt und Prager belehrten ihn, daß die Darstellung streng sachlich war, und viele Einzelheiten, die Aerger und Aufregung verursachten, unerwähnt blieben. Herr R. mißbilligt die Form in welcher der Streich der Lehrer ausgeführt wurde, das Verfahren selbst hält er für gerechtfertigt. Run beantragt Herr Engel die Namen der Lehrer vorzumerken. Dies geschieht ohne Widerspruch. — Die eingegangenen Anträge betreffend das Lokal befürworten M. Saul und Jtzkowsky und wünschen von dem bevorstehenden Kündigungsrecht Gebrauch zu machen, weil sie es der Lage wegen nicht geeignet halten und nennen manche Mängel. Von Prager wurde auf die Unrichtigkeit ihrer Angaben und den pekuniären Erfolg sowie aus die unparteiischen Behauptungen des Herrn Dr. Hoffmann und den Zuwachs von Mitgliedern hingewiesen. Herr Wedell widerlegte durch Anführungen von Thatsachen die Bemänglungen des Herrn Engel. Zum Staunen aller erklärt Herr Dr. Rawitzky, er habe heute Herrn Dr. Hoffmann ärztlich besucht und dieser beauftragte ihn seine schriftliche Mitteilung hinsichtlich des Lokals und regen Besuches zu ergänzen; nachdem er aber Jtzkowskis Darlegung gehört, führe er seinen Auftrag nicht aus. Schlußantrag wird angenommen, die noch eingeschriebenen Redner kommen nicht mehr zum Wort. Es wird beschlossen daß aus der Mitte der täglichen Besucher eine Kommission von 5 Mitgliedern gewählt werde, welche geeignete Lokale denr Vorstande vorschlagen soll. Schluß der Sitzung 10Ir Uhr. —g— — Am vorigen Dienstag-Abend hielt, wie schon kurz berichtet, Herr Rabbiner Dr. Weiße in dem Lokale der Gesellschaft der Freunde einen mit großenr Beifall ausgenommen Vortrag über das Tema: Hellenismus und Judentum. Der Vortragende ging davon aus, daß zu aller Zeit bei dem Bekennerir des Judentunrs zwei Merkmale besonders charakteristisch hervorgetreten seien, nämlich die Anhänglichkeit an den angestammten Glauben und die Angliederung, an die Nationen, mit dem sie in Berührung kommen. Treffend erweise sich dies in der Verbindung des Hellenismus und des Judentums. Ter Redner zeigte sodann in seinen Ausführungen die entgegengesetzten Wirkungen des Hellenismus im jüdischen Lande, wo er unter Antiochos Ephiphanes die Verzweiflung des Volkes, dort aber auch sich selbst den Untergang schuf, während er in der Diaspora in Egypten die innigste Verschmelzung des Judentums mit dem Griechentum und damit die Verbreitung der jüdischen Lehre über die ganze Erde bereitete. Der Oniastempel, die Entstehung der Saptuaginta, sowie die vorzüglichsten Träger der Litteratur dieser griechischjüdischen Epoche, namentlich Philo fanden ihre volle Würdigung. Der letztere, der in seinen Werken die griechische Philosophie und die Lehre der Bibel zu verbinden suchte, wurde den Zuhörern in das hellste Licht gerückt, wie auch die Einwirkungen seines Geistes auf die Geschichte der damaligen Zeit erörtert wurden. Besonders interessant war der Rachweis, daß auch die heutige Predigt beim Gottesdienste ihre Entstehung dieser Periode verdankt. Die Einwirkungen der griechischen Philosophie auf die Fassung des neuen Testaments sind bekannt, daher hier wohl nicht besonders hervorzuheben. I. M. — Ein Millionenprozeß. Gegen den Kurator der Felix Berthold Mendelssohnschen Stiftung, gegen den hie-