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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-02-08 · 6 (8.2.1895) · p. Seite 90

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
6 (8.2.1895)
Date
1895-02-08
Page
Seite 90 (sequence 10)
Language
German
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Nr. 6. m Seite 00. DescHurun. 1 : III vuu^ der Fraktion erfolgen. Die „Denlsche Wacht" nennt die Beweise gegen Ahlwardt geradezu vernichtend. Für d e n A usschlnff A h l w a r d l s war nach der „Dägl. Nundschau" maßgebend „das eigentümliche, mit der Wahrheit im schroffen Widerspruche stehende Verhalten des A., der es fertig brachte, in Bauern Neben zu halten, die mit den Grundsätzen der deutsch-sozialen Nesormpartei unvereinbar sind, diese Neben sodann vor der Fraktion verleugnete und auch eine entsprechende, genau gesaffte Erklärung unbedenklich unterschrieb, aber schon am nächsten Tage mit allerhand leeren Ausflüchten abstritt und wirknngszu machen suchte." — Daff Ahlwardt vorher weit ärgere Dachen gemacht hatte, war aber kein Hindernis für seine Zulassung als Hospitant der Fraktion gewesen. UebrigenS ist eS recht schade, daff A. ausgeschloffen worden ist; er hat so schön in die Partei hineingevafft! — Dr Böckel verläßt seinen Nedaktionsfollegen Ahlmardt nicht, sondern erklärte seinen Austritt aus der deutsch-sozialen Nesormpartci. „ .... Da ich mit reaktionären Bestrebungen keine (Gemeinschaft zu haben wünsche, so Halle ich eS für das bene, schon jetzt aus der Fraktion auszuscheiden. Indem ich Ihnen und den Herren von der Fraktion aus dem betretenden Wege den ge bü h ren d en Erfolg wünsche, verbleibe ergebendstcr Dr. Böckel." — Es ist schwer für uns Juden, es allen recht zn machen. Die Firma Wertheim hier in Berlin beteiligte sich an der Illumination aus Anlaff des Geburtstages des Maliers, das ist für den „Vorwärts" (‘20. Januar) ein Grund, hämisch zu konstatieren, „daff eS zum wesentlichen jüdische Geschäfte waren, die einen heUleuchtenden Wetteifer ihrem Kaiser öffentlich zn dokumentieren suchen". Die „Staatsb. Ztg." t‘2^i. Januar» ist auch entrüstet, aber weil die Ausschmückung des (Geschäftshauses „ganz besonders aufdringlich, also dem jüdischen Eharakter entsprechend" war. Was hätte sie erst gesagt, wenn das Warenhaus ohne Schmuck gewesen wäre! * Das lotend der^Iuden i« 0-alizierr. Es hat lange gedauert, ohne daff die drückende Notlage der Juden in Galizien einer Beachtung wertgesunden worden wäre. Man vernahm wohl hie und da etwas von jenen abgezehrten Jammergestalten, die in den verschiedenen Drtschastcn ein schauerliches, jeder Beschreibung spottendes Dasein fristen, allein gethan wurde nichts, diese Not auch nur zum Teile zu lindern. Erst die imrnc^ mehr drohende Gefahr eines gänzlichen Nuins von ungefähr einer halben Million Menschen hat die maffgebenden Persönlichkeiten aus ihrem Schlafe geweckt und sie an ihre Pflicht gemahnt, sich aufuraffen, um dem so nahen Nebel zr» steuern. Nach mehreren während der letzten Neichsrats- und LantagSfeffion abgehaltenen Konferenzen sind, wie die Wiener „‘Neuzeit" meldet, die galizischen Abgeordneten jüdischen Bekenntnisses, aufferdem andere jüdische Notabilitäten zu einem Hilfskomitee .zusammengetreten, das sich am ‘24. Januar konstituiert lmt. Zum Präses des Komitees wurde Dr. v. Napaport, zu deffen Stellvertreter Dr. Byk und zum Kassierer Dr. Goldmann gewählt. Das Komitee stellt sich zur Ausgabe, der Armut der jüdischen Bevölkerung in Galizien entgegcnzuarbeiten. Es wird sich vor allem über die materiellen Verhälniffe der Israeliten in den einzelnen Städten (Galiziens informieren, der jüdischen Bevölkerung Arbeit verschaffen, und sie aus neue Erwerbsquellen verweisen, ferner dafür Sorge tragen, daff der jüdischen Jugend die praktische Ausbildung im Handwerke und in der Landwirtschaft ermöglicht werde, endlich» wo es unmöglich ist, materielle Hilfe leisten. Es wurden bereits an viele Persönlichkeiten des Landes Dueftionnaire versendet, mit der Bitte, dem Kontitee die nötigen Informationen und Natschlägc zu erteilen. Vorläufig hat das Hilfskomitee beschlossen, Maffregeln zur Hebung der Tallisweber in Kolomea, die sich einst in so blühendem Zustande befand, heute aber verfallen ist, zu ergreifen. Zu diesem Behuse werden dortselbst mehrere Webewerstätten errichtet und einem erfahrenen Fachmanne die Leitung derselben übertragen werden. * Dic russischen Juden. Die sogenannte Fleisch- und Kerzensteuer, mit welcher die Juden in Nuffland belegt sind, die seil der Negierung Nikolaus J. hier besteht und unter dem Negime des zweiten Nikolaus ausgehoben werden soll, bildet seit jeher den Gegenstand bitterster Klagen, denn von dieser Besteuerung wurden hauptsächlich die armen Juden hart betroffen. Die Versuche, die speziellen Besteuerungen auszuheben, welche unter Alerander II. unternommen worden waren, scheiterten an der Opposition der Ministerien des Innern und der Volksaufklärung, welche die Ansicht vertraten, daff die im Neiche bestehenden Elementarschulen für Juden nicht vom Staatsschätze, sondern durch eine spezielle Iudensteuer erhalten werden müssen. ‘Nun werden nach Aushebung dieser 'Steiler die jüdischen Elementarschulen vom Staate erhalten werden, watz einer Gleichstellung der jüdischen Volksbildung mit jener der othodoren Nüssen gleichkäme. — Andererseits soll die Negierung, wie der Grashdanin meldet, den früher bestandenen Plan, die im Neiche bestehenden jüdischen Ackerbau-Kolonien ihrer Autonomie zu berauben, definitiv fallen gelaffen haben. Dadurch ist die Bitte der jüdischen Kolonisten um Belastung ihrer Selbstverwaltung erfüllt worden, was für das Vertrauen der Negierung zu den jüdischen Kolonisten deutlich spricht. In der Auswanderung der Juden aus Nuffland, die übrigens schon in beiden letzten Jahren sehr abgenommen hatte, ist in den letzten Wochen eine weitere bemerkenswerte Abnahme eingetretcn. Während früher den Zentralauswandererbahnhof in Nuhleben täglich Hunderte von Vertriebenen aus Nuffland passierten, treffen dort höchstens 10 bis ‘20 Personen von dem Zarenreiche täglich ein, um über Hamburg oder Bremen weiter zu reisen. Dies ‘Nachlassen der Auswanderungslust in Nuffland wird auf die erhoffte Bcfferung der Zustände seit dem ‘Negierungsantritt des jungen Zaren zurückgcführt. — Etwa 00 jüdische Emigranten, die vor ungefähr zwei Jahren nach Amerika geflüchtet waten, langten am‘27. v. M. auf dem Lehrter Bahnhof in Berlin an. Sie behaupteten, drüben um den Nest ihrer Habe während der verhältnismäffig kurzen Zeit gekommen zu fein und sich einer Eristenzlofigkeit gegenüber gesehen zu haben, daff ne sich zurücksehnten nach dem Zarenreiche. Der Ncgierungsantritl dev neuen Zaren, seine Proklamation habe sie, die eigentlich noch garnicht ausgewiesen gewesen, diesen Wunsch zum Entschluß und letzteren zur Ausführung reifen gelaffen. Eine johlende Straffenmenge verfolgte die in drei Droschken zusammenge pferchten Frauen und Kinder, die mit dem Gepäck davonsuhren, um jedenfalls für ein Domizil zu sorgen, während die Männer zu Fuff folgten. — Herr Kollegienrat Dr. med. Arie in Ddeffa ist „wegen hervorragender Leistungen im Dienste der Humanität" als erblicher Ehrenbürger in den Adelstand erhoben worden. i!! 1

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