Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 6 (8.2.1895)
- Date
- 1895-02-08
- Page
- Seite 89 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6. JescHurun. Seite 89. m null Jetzt. (*£ qab eine Zeit, doch ist sie verschwunden, Wo Freude und Liebe verkürzte die Stunden, Wo alles entzückte, beglückte! Es gab eine Zeit, wo die Sonne hell strahlte, Mit purpurner Glut sich der Himmel uns malte, Wo alles noch spielte, noch fühlte! Es gab eine Zeit, wo das Herze noch lebte, Wo es in den innersten Fibern erbebte, Und hoffend noch träumte und schäumte! Wie viel, ach! wie viel doch jetzt schon verschwunden Woran einst die Seele ihr Glück hat gefunden, Wofür sie ihr Leben gegeben! Ach, viel ist verwelkt, was srisch einst noch blühte, Was Trost und Entzücken gewährt dem Gemüte, Verheißend den Frieden hienieden! Der Traurigkeit Schleier hat alles verhüllet, Mit heimlichen Kummer die Seele erfüllet! Wir suchen den Frühling des Lebens — Vergebens! Schein nttb Sein. Aus dem Persischen des Omar Ehajjnm übersetzt von F r i e d e r i ch B o d e n st e d t. Du sahst die Welt, doch was im Weltenall Zn deinen Augen kam, ist bloßer Schein; Du sahst und hörtest viel, doch auch der Schall, Wie ihn dein Ohr vernahm, ist bloßer Schein; Von einem Ende dieser Welt zum andern Trug dich dein Fuß — Nun ruhst du aus, sinnst über manchen Fall — Was darin wundersam, ist bloßer Schein. Gerechtigkeit ist die Seele der Welt, Die das Weltall als Körper znsammenhält, Die Engel dienen als Sinne nur, Und alle sonstige Kreatur, Samt Urstoff, drin alles sich auflöst wieder, Bildet des Weltenleibes Glieder. Das ist das ewige Eins im All, Und alles andere Trug und Schall. Hast du Verstand, lern' ihn bemeistern, Soll der Wein der Ewigkeit dich begeistern; Doch wenn du nie Verstand besessen, Kannst du ihn und dich selber nicht vergessen, Dich nicht dem Schein der Zeit entheben, Im Sein der Ewigkeit zu leben. Es werden des Selbstvergessens Wonnen Nicht von jedem Selbstvergessenen gewonnen. Wochen-Chronik. Bürgerliche Verhältnisse. * Der Beobachter. Ein konfervtiver Parteitag für Berlin hat am Donnerstagabend stattgefunden, bei welcher Gelegenheit der aus der Aera Tivoli noch bekannte Rechtsanwalt Dr. Al lasing aus Bielefeld über die Stellung der Konservativen zur „Judenfrage" referierte. Die Konservativen, sagt er, hätten keine Gemeinschaft mit den Verächtern des alten Testaments unter den Antisemiten. Jene politischen Eintagsfliegen hätten in politischer und wirtschaftlicher Beziehung abgewirtschaftet, aber die Konservativen dürsten die Judenfrage darum nicht versumpfen lassen. („Stürmischen anhaltenden Beifall" verzeichnet hier der Bericht.) Al an habe mit der den Deutsche!: eigenen Noblesse die Juden freiwillig ausgenommen, jetzt sei man im Stande der Notwehr gegen dieselben. Freilich seien auch Christen unter den Wucherern, im allgemeinen aber sei der Wucher spezifisch jüdisch. Man müsse die Aufhebung der Emanzipation der Juden erstreben und inzwischen sich an kleineren Mitteln genügen lassen. — Hier wollte nun der Beifall gar kein Ende nehmen. Die in diesen Sätzen ausgesprochenen Beschuldigungen gegen die Juden und die in diesen: Zusammenhänge gebrauchte Redensart von der „Noblesse der Deutschen", sie sind hier schon so oft, vielleicht zu oft widerlegt worden, so daß dieser feindselige A::griff und die noch feindseligere Drohung wortlos zu den andern gelegt werde:: können. — Ein Reichenberger Antisemiten-Blättchen „Die ^Neuzeit" hatte den bekannten Aegpptologen und Ron:anzier Georg Ebers zun: „Juden" gemacht. Ebers richtete daraufhin an den Herausgeber des Blättchens folgendes Schreiben: „Ich bin Posthumus, das heißt nach des Vaters Tod geboren. Vierzehn Tage nach ihm kam ich vor beinahe 58 Jahren zur Welt und mein Vater, jetzt auch leider n:eine teure Mutte ruhei: ii: den: Ebers'schen Erbbegräbnisse auf dem Dreifaltigkeitskirchhofe zu Berlin. Neid und Niedertracht denunziert e n m i ch schon n:ehrmals lügenhafterweife als getauften Juden, während ich, wie gesagt, von christlichen Eltern stamme und von der besten Christin, die mir je begegnet, nreiner Mutter, ii: ihrem Sinne erzogen bin". — Sehr trvffenb bemerken hierzu die „Mitteilungen aus den: Abwehrverein": SP sehr n:an auch zustimmen muß, daß Prof. Ebers eine falsche Nachricht richtig stellt, so erscheint uns doch der Ton der Berichtigung nicht vorurteilslos. Es ist doch keine Schmach, Jude zu sein, nüthin ist es auch keine „Denunziation", wenn :nan jen:ai:den fälschlich zum Juden niacht. _— Die antisemitische Reichstagsfraktion hat bereits einen Riß erhalten. Die Fraktion beschloß am Donnerstag, Ahlwardt auszuschließen wegen seines Verhaltens der Fraktion gegenüber. Ahlwardt selbst war zur Fraktionssitzung nicht erschienen. Der „Deutschen Wacht" zufolge mußte der Ausschluß erfolgen, nach den: Ahlwardt durch eine Reihe sich widersprechender Handlungen und Erklärungen ein Zusammengehen mit seiner Person für jeder: denke,:den Politiken unmöglich geinacht hat. lieber die unmittelbaren Gründe des Ausschlusses soll demnächst eine offizielle Erklä-