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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-02-08 · 6 (8.2.1895) · p. Seite 88

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
6 (8.2.1895)
Date
1895-02-08
Page
Seite 88 (sequence 8)
Language
German
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Seite 88. AefcHurun. Nr. 6. alledem; in einer sumpfigen Ebene, von keiner lebendigen Partie unterbrochen oder schattiert, liegt dieser Crt wie ein Eierfladen aus flacher Schüssel. Und dieser Ort mit seinen Lehmhütten und seinen strohgedeckten Bauernfutteralen hatte dennoch sein abgesondertes Ghetto an dem einen Ende und sein Zigeunerdörschen am andern Ende. Die einzige Zierde dieses Dorfes war ein sehr schönes Schloß mit einem schönen, ausgedehnten Park, von der einen Seite umgeben mit einem tiefen Graben und von der anderen Seite mit einem schweren, eisernen Gitter. Ich erinere mich kam», das Innere dieses Gartens je betreten zu haben. "Nur einmal wagte ich mich mit kindischer Neugier in den Garten und staunte die Lauben, die Statuen, die BoskettS u. s. w. an, da kam ein Gartenhüter mit einer dicken Peitsche und hieb unbarmherzig auf mich loS; das Blut strömte über mein "Antlitz, aber er verfolgte mich mit Hieben bis an die Dhüre und unterbrach seine Amtsführung durch nichts, als durch den Asruf: „Eredj te zsido! Eredj Pokolba!“**) Das waren die ersten Spaziergänge eines Lovas-Berenyer Poeten! Ich muß bei meinem Großvater wieder anfangen, und damit verbindet sich sonderbarerweise der Name: Kaiser Josef. Den "Namen Saphir hat mein Großvater angenommen, als auf Befehl Kaiser Josefs die Israeliten Familiennamen annehmen mußten. Mein Großvater hieß Israel Isreel. Als die Verordnung der Familiennamen ins Werk gesetzt wurde, berief ihn zu diesem Behufe der damalige Stuhlrichter, dem dieses Geschäft oblag, zu sich und fragte ihn, wie er heißen wolle; mein Großvater wußte es anfangs selbst nicht, doch da er einen Siegelring als Erbstück an seinem Zeigefinger trug, in welchem ein Saphir saß, so sagte der Stuhlrichcr: „Heißen Sie sich Saphir!" Und so geschah cs. Allein noch in interessanterer Beziehung verknüpft sich das Andenken an meinen Großvater bei mir mit dem an Kaiser Josef. Wenn ich auch in Einzelheiten vielleicht nicht mehr ganz im klaren bin, so kann ich doch für den wesentlichen Kern dessen, was ich eben erzähle, bürgen, und es ist mir im Gedächtnis treu aus den Erzählungen meines Großvaters verblieben. Er war ein großer, stattlicher, ansehengebietender Mann. Noch steht er im Geiste vor mir, schneeweißes Haar und schneeiger Bart gaben ihm ein ehrwürdiges, eine edle Nase und zwei seurige, blitzende Augen gaben ihm ein patriarchalisches Ansehen. Er trug einen großen, dreikrümpigen Hut und einen großen Stock mit silbernem Knopf, so daß er einem früheren französischen Maire nicht ganz unähnlich war. Er lebte früher in Esor, einem ganz kleinen Orte, wenn ich nicht irre, ebenfalls jenseits Stuhlweißenburg. Er war reich, sehr reich; Ursache genug, daß ihn die Bauern seines Ortes haßten; denn beute kam Ferenez und hatte kein Geld und ließ sich von ihm Geld auf seine nächste Wcinfechsung geben; morgen kam Iozfi und ließ sich von ihm Geld auf seine nächste Schafwolle geben; übermorgen kam Miska und ließ fich von ihm Geld auf feine nächste Kornernte geben u. s. w. "Wenn aber die Zeit kam, wo der Wein gekeltert, die Wolle geschoren und das .Uom ei »geführt ward, da wollten Fcrencz und Iozfi und Miska kein Geld bezahlen, aber auch keinen Wein und keine Wolle und kein Moni an den „Zfido" *•) „Hinaus Jude, fchrr dich zum T . . geben, sondern dasselbe an andere für baresGeld verkaufen, und da wurde der „Zsido" verflucht und beschimpft und verlästert! Und so kam's, daß in einer schönen "Nacht das Haus meines Großvaters brannte, und niemand löschte und niemand durfte löschen! Und Ferenz und Iozfi und Miska glaubten, das Schuldenbuch des „Zfido" wäre auch verbrannt, es war es aber nicht. Niein Großvater baute das Haus am Csorer Bache wieder auf, und sieh' da, cs brannte wieder, zufällig, ganz zufällig, und alle, die löschen sollten, lachten, zufällig, ganz zufällig, und meine Großmutter nahm ihre zwei Kinder auf den Rücken, und mein Großvater nahm etwas Solideres, nämlich einen großen Sack voll Dukaten und Edelsteine und warf ihn heimlich in einen tiefen, verfallenen Brunnen, der in seinem Garten war, imb sie ließen Haus und Hof brennen und sie bekamen in ganz Esor kein Obdach, und sie wunderten in finsterer Nacht, nur schwach von der Helle ihres brennenden Häuschens beleuchtet, sie wunderten die Nacht durch, abgebrannt, mit zwei kleinen Kindern, und sic wunderten bis Stuhlweißenburg, und sic pochten ans Thor und jammerten und die Kinder winselten, und sie erhielten zur Antwort: Ein „Zsido" darf in der Nacht nicht in dieser königlichen Freistadt sein! Da ließ mein Großvater sein Weib und seine Kinder in dem Hause eines Fischers vor der Stadt, bei dem er stets Fische kaufte und sagte zu ihr: „Ich geh' gen Wien". Sie fragte: „Zu wem willst du da gehen in Wien?" Und er sagte: „Ich weiß schon, zu wem ich werde gehen — ich werde gehen zu Kaiser Josef!" Und er ging nach Wien und er kam bis zu Kaiser Josef. Die Persönlichkeit meines (Großvaters war gewinnend und imposant, sein Wesen gerade und offen, und er mußte sich doch Verdienste erworben haben; denn Kaiser Josef kannte ihn. Er hatte wohl bei Rekrutierungen, bei Militärspitälern, bei Regulierung der sogenannten Toleranzgelder (er war Steuereinnehmer im Komitate) sich Verdienste gesammelt, ich weiß es nicht mehr so genau, aber es genügt, daß er zurückkam und vom Kaiser Joses die dazumal kaum glaubliche gnädige Auszeichnung bekam, sich in der königlichen Frcistadt ansäffig zu machen. Mein Großvater kehrte mit diesem Gnadenbricfe Kaiser Josefs zurück; allein jetzt, wo es ihm freistand, da zu wohnen, sagte er: „Ich will nicht da wohnen," und er zog nach Lovas-Bereu», nachdem er in einer günstigen Nacht seine Dukaten holte und in Lovas-Berenp ein neues Haus zu gründen begann. Wo aber das denkwürdige Dokument Kaiser Josefs hinkam, wiffen wir nicht. Mein seliger Vater gab sich Blühe, es zu ergründen, ich selbst fragte schon beim Komitate nach; vielleicht ist's damals beseitigt worden. Diese kleine, wahrhafte Episode ans jenen Zeiten mag den Geiß schildern, der dazumal über den Sümpfen von Velentzc und Sarrcl und am Flusse Esurgo schwebte! Ein lichterer Himmel lacht jetzt über jener' (legend, ein milderes Geschlecht blüht auf jene Fluren, eine geistigere, humanere, edlere Gesinnung lebt jetzt in den biedern Bewohnern jener ehemaligen Krönungsstadt, und der Segen des vorwärtsgehenden Zeitgeistes hat seine Hand auch über jenen Landstrich ausgedehnt!

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