Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 6 (8.2.1895)
- Date
- 1895-02-08
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6. Jefchrrrirn. Seile 87. „Dabei kommt wenig heraus", meinte der Bankier, und versuchte dem Gespräche eine andere Wendung zu geben. Das war auch unserein Eduard recht, der sich ungern in fruchtlosen Erörterungen erging, und fruchtlos mußte auch die jetzige bleiben, bei dem Opponenten, dem er sich gegenüber sah. Der junge Ulrich hatte seinen Eltern bereits Mitteilung von dem Umgang gemacht, den er mit der Neinfeld'schen Familie hegte, nachdem er-zuvor schon viel von der trefflichen Acquisition gesprochen, die er in der Freundschaft Ludwig's gemacht. Hierdurch fühlte sich sein Vater veranlaßt, diesen einzuladen, daß er doch bei den: nächsten Ferienbesuche seines Sohnes dessen Begleiter sein möchte. Ludwig ging gern darauf ein. Er wurde bei seinem Eintritt in das Haus des Handwerkers von einem Wohlgesühl erfaßt, das er sich nicht erklären konnte. Einfache Räume, einfache Möbel, schlichte, freundliche, aufrichtige Gesichter. Wie wohlthätig das in seiner Natürlichkeit abstach gegen den luxuriösen Aufwand im elterlichen Hause! Meister Ulrich hatte zum Empfange des vornehmen Besuches seine Sabbatgewänder angelegt, ein gleiches hatten die Damen des Hauses gethan. In die Freude des Wiedersehens mit dem geliebten Sohn und Bruder mischte sich noch auf's angenehmste die Genugthuung, dessen Freund im Hause aufnehmen zu können, und ein wenig Neugierde, wie denn der erwartete Gast beschaffen sei, den freilich schon die Empfehlung Eduards auf's beste eingeführt hatte — gab sich selbstverständlich bei dem weiblichen Teil der Familie kund. Die Formalitäten der Vorstellung und Begrüßung gingen schnell vorüber. Das Auge Ludwigs glitt von einer der ihm vorgesührten Personen auf die andere, er fand an allen den Ausdruck der Herzlichkeit vor, aber er blieb länger hangen bei der unter seinem Blick tief und stark errötenden Emilie. Wir haben bereits die amnutige Erscheinung der jüngeren Tochter Ulrichs mit all den schönen Gaben der Natur, die sich in ihr vereinigten, zu schildern versucht. Es sind indes zwei Jahre darüber hingegangen und die damals teilweise verschlossene Knospe war nunmehr zur völligen Blüte gelangt. Der Sohn der Haupt- und Residenzstadt stand überrascht, fast verblüfft vor diesem Naturbilde, das ihm die Provinzialstadt darbot. Er hatte Mühe das Gleichgewicht in seiner Seelenstimmung wieder herzustellen, die Gelassenheit wieder zu erringen, welche er, wenn er sich nicht lächerlich machen wollte, doch in jedem Falle bewahren mußte. Es gelang ihm schließlich. Ludwig war im Hause Ulrichs ein lieber, werter Gast, und jeder Einzelne suchte es ihm an Beweisen hierfür zuvor zu thun. Nur Emilie machte eine Ausnahme hiervon, freilich nur in der ersten Zeit. Eine gewisse Schüchternheit, die sonst ihrem Charakter ganz und gar fern lag, hielt sie den jungen, hübschen, in seiner Bildung so hoch Tiber ihr stehenden Studenten fern, und es waren nur einzelne, oft abgebrochene Worte und Sätze, die sie mit ihn: wechselte. Später jedoch überwand sie die Befangenheit und unterhielt sich, wie die andern gern mit ihm. Der Sohn des Bankiers fühlte sich in dem Kreise dieser guten Leute, die alles aufboten, ihm seine Anwesenheit in L. so angenehm wie möglich zu machen, so heimisch und behaglich, daß ihm Berlin und alle seine Herrlichkeiten ganz aus dem Gedächtnisse kamen. Vier Wochen waren in dieser Weise bereits vorübergegangen, und er wußte nicht, wo ihm die Zeit geblieben war. Er hatte dabei Gelegenheit gehabt wahrzunehmen, wie es in dem Hause der gläubigen Juden zugehe, erfreute sich an der traulichen, gehobenen Stimmung, welche die Freitagabende in das Haus brachten, und bewunderte die Gewissenhaftigkeit und Strenge, womit die Heiligkeit des Sabbats aufrecht erhalten wurde. Das war in der That ein Tag der Ruhe und Erholung nach dem mühevollen Schaffen der sechs Arbeitstage. Im elterlichen Hause hatte er diese angenehme Abwechselung niemals eintreten sehen, da auch die Sonntage in dieser Beziehung kein anderes Bild boten. Er hörte hier von einem Gotte sprechen und es waren dies fast fremde Klänge für sein Ohr. Er sah den alten Ulrich nach der Synagoge gehen und mit dem Ausdruck befriedigten Seelenverlangens heimkehren, er hörte Tischgebete sprechen, sah Zeremonieen üben — alles ihm so fremd, und doch so anheimelnd und eine gewisse Poesie tragend. Und dabei immer in der Nähe des Mädchens, das von den: ersten Augenblick, wo er sie sah, einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht und jetzt, je länger er um sie war, jemehr er von seinen edlen Eigenschaften kennen lernte, immer lieber und teurer ihm wurde. (Fortsetzung folgt). Aus rnrinnn Frben. Von M. G. Saphir.*) I. Meine Wiege zwar stand nicht im deutschen Klima! Ich glaube, da, wo ich geboren wurde, ist gar kein Klima, da war kein Klima, keine Luft, keine Witterung, da war blos Ausdünstung! Ich zweifle, daß die Grazien an meiner Wiege gelächelt haben, ich glaube überhaupt nicht, daß die Grazien lächeln, wenn sie eine Wiege sehen! Meine Wiege stand in einen: ungarischen Dorfe unweit der Komitatsstadt Stuhlweißenburg, lateinisch: Alba regia, ungarisch: Szekes-Fejervar; da stand ehemals das römische „Floriana", da fand Swatopluk sein Ende, auf diesem Sumpfgebiete lagerte Arpad mit seinen bärtigen Helden; in der verfallenen Krönungskirche setzten sich die ungarischen Könige die Krone auf, und in den Grüften allda ruhten Stephanus, Colomanus, Matthias Corvinius u. a. m.! Das war einst! Zu meiner Zeit zeichnete sich diese Stadt nur dadurch aus, daß sie viel Korduan fabrizierte und kein Jude über Nacht in ihr bleiben durfte. In der Nähe dieser einst so merkwürdigen Stadt liegt das Dorf „Lovas-Bereny", und in diesem Dorfe stand meine Wiege. Lovas-Bereny und seine Situation bietet gar nichts dar, um die Kindheit eines Dichters romantisch auszttschmücken. Da gab's keine „dunklen Wälder mit auf- und abwandelnden tiefen Gedanken, zwischen denen der Knabe fein Gemüt nährte und umdüsterte", da gabs keine „Schluchten und wundersam geformte Felsenmassen, an denen die Phantasie des Kindes groß und wild wurde", da gab es keinen „langgestreckten See" , der morgens die tiefblauen Augen aufschlug und das Kind ansah und ihm zuflüsterte aus den sagenvollen Wogen u. s. w.", nichts von '*) Aus Anlaß seines 100. Geburtstages am 8. Februar geben mir einige charakteristische Stellen aus den „Gesamt. Schriften" Saphirs wieder.