Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 6 (8.2.1895)
- Date
- 1895-02-08
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 86. P e f c$ u r u n. Nr.- 6. fragmenten des Prinzen zu schließen, Wort gehalten. Das; es mindestens in dein, was wir gewöhnliche Menschen «noralität nennen, nicht sehr wirksam war, es wohl auch nicht sein wollte, ist klar. Der Prinz, 28 Jahre alt, in der Fülle männlicher Schönheit, mit einer Million Tlialer Schulden, lebte mit der jungen, sanften Henriette Fromm in einer (freiwilligen) Ehe und genoß mit ihr in einem kleinen Hause oder ans seinem Schlosse bei Magdeburg die Freuden einer bürgerlichen, ehelichen Liebe, mit Nahe! die einer idealen platonischen Liebe, während er mit der leichtsinnigen schönen Pauline Wiesel (dem Original der Philine in Wilhelm Meister) nach ihrer Liaisons mit Schuwalow, Hatzfeld, Gentz und dem exzentrischen Kriegsrat Wiesel, das Entzücken der wilden, leidenschaftlichen Liebe kostete. Sein Tod zeugt wieder von dem Prinzen edler Natur. Wüteitd darüber, daß man 1805 Oesterreich im Kampfe gegen Napoleon allein gelassen, zog er 1806 mit Todesahnungen in den schlecht vorbereiteten Krieg gegen den französischen Eroberer, indem er sich in seinen« gewohnten Freimut laut gegen die alterSschivachen Führer (Braunschweig rvar 72 und Möllendorf 82 Jahre alt) aussprach. Bei Saatfeld stand Prinz Louis Ferdinand mit 5000 Neitern des ganzen Armeekorps Laues (85000 Mann) gegenüber. Fünf Stunden lang «vährte der Kampf und als immer noch keine Verstärkung herankam, beschloß er, seine Niederlage nicht zu überleben; schiver ver- «vundet veriveigerte er, sich zu übergeben und erhielt de«« tätlichen Hieb, den er erivünscht erwartete. „Teufel! das ist gut!" rief Laneü bei der Botschaft aus, „das «vird Sensation in der Armee machen." Die Trauer in der Armee und im Lande «var allgemein. Bier Tage nach des Prinzen Tode existierte die Arinee Friedrich II. nicht mehr, der König «var flüchtig, Preußen lag zu Boden, und Graf Schulenburg, der Platzkonnnandant von Berlin, der sich zum Empfange des Eroberers bereitete, erklärte: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht." So «var die Eileichgiltigkeit des deutschen Volkes, die Gleichgiltigkeit seiner ersten Schriftsteller gegen das Vaterland gestraft; Schiller und Goethe, Herder und Lefsing, hatten die Vaterlandsliebe als ein enges, kleinliches Gefühl gebrandmarkt, hatten Menschenliebe, Kosmopolitismus an ihre Stelle gesetzt. Es bedurfte harter Schläge, um uns eines Besseren zu lehren. Nadel «var eine der Ersten, die es aussprach: „Es ist schrecklich, es ist schimpflich," schrieb sie, „daß «vir nicht eine Nation sind «nie die Franzosen; die Sprache, das Schwatzen genügen nicht, «vir müßten unter einer Negierung, unter gleichen Gesetzen stehen, aus einer Kaste zehren." Feuilleton. vts llalkts Ziliiild. Erzählung von Moritz Scherbel. «Forvcyuiig. Sic hatten sich zusammcngefundcn in Berlin, diese beiden Studenten aus so verschiedenen Häusern. Mochte bei ihren« ersten Begegnen in den Hörsälen auch nur der Zufall thärig geivesen fein, so ging doch das zivifchen ihnen.fich entivickelnde freundschaftliche Verhältnis mehr ans ihren gemcinfainen Anschauungen hervor und fand seinen Boden in einer ge hciinen Neigung, «velche die beiden Jünglinge zu einander zog. 'Nach zivei Jahren treffen «vir sie als ausgesprochene Freutide, als die im höchste«« Grade für einander sich interessierenden Kommilitonen an. Ludwig Neinfeld hatte in dieser ganze«« Zeit seinen« Freunde keine Mitteilung davon gen«acht, daß er dem Judentuine nicht «««ehr angehöre. Er glaubte dabei kein Unrecht zu begehen, nah»«« vielmehr an, daß die (Geheimhaltung dieses von ihn« selbst nicht gutgeheißcnen Glaubenswechsels mit Nücksicht auf seinen Vater, der dabei nicht die beste Nolle spielte, recht angebracht sei. Eduard «var inzivischen mit der Faiuilie Ludivigs bekan««t geivorden u««d vom alten Neinfeld des öfteren zum Verkehr in feinen« Hause eiitgeladen. Der Bankier hatte in der ersten Zeit keine große Sympathie für den Freund seines Sohnes. Derselbe war Jude, u««d die nun eimnal bei Neinfeld vorhandene Abneigung gegen seine Stammesgenossen trat auch in diesen« Falle bei ihr,« lebhaft zu Tage. Im Laufe der Zeit aber hatte man an dem Eharakter des jungen Mannes so viele Lichtseiten «vahrgenontmen, daß inan ihm den dunklen Punkt, als Jude geboren zu sein, schließlich hingehe«« ließ und mit stets gleichbleibender Herzlichkeit entgegenkam. Ed««ard hatte bald herausgefunden, «vie inan in dem Haufe des Bankiers über .Juden und Judentunr dachte und von welcher Art der letztere vertreten wurde. Allein er nahm davon «venig Notiz, da ihn der religiöse Standpunkt der Familie «venig berühren konnte und er nur mit dem gesellschaftlichen Verkehr zu thun hatte. Dispute über Glaubenssachen schien inan priitzipiell zu vermeiden. Nur einmal fand sich der alte Neinseld veranlaßt, aus dem politischen Gespräch heraus, in dem «nan sich eben befand, eine«« Sprung auf das konfessionelle Gebiet zu thun. Der NeichStag tagte eben, rvobei auch ein Stück Judenfrage zur Debatte gekomruen «var. Die Zeitungen brachten hierüber ein Langes und Breites. „Und Sie, «««ein lieber Herr Ulrich", «vandte sich der Vater Ludivigs an diesen, „meinen Sie nicht auch, daß die Juden, so lange sie bei der Sonderstellung bleibe««, die sie in Milte de't übrigen Staatsbürger mit ihrer Neligion ein nehmen, kaum einen Anspruch erhebe«« können als vollberechtigte Deutsche zu gelten?" „Doch, sie können es, - «vas ih««en das Neckt hierz«« gicbt, ist ihre allgemeine Zugehörigkeit zun« deutschen Staat, die nur die bösartigste Sophisterei iu Zweifel ziehen kann. Es gäbe ««ichls Falscheres und Ungerechtfertigteres in der Welt, «vollte man ein staatliches Zugeständnis, ein politisches Necht von der Konfession abhängig machen". „Sie sehen aber doch, daß solches geschieht unb «velche Schranken man schon der Strebsamkeit der jüdischen Jugend gesetzt und hören Sie, «vas ich Ihnen sage, daß «««an noch nicht bei der letzten angekommen ist". „Mag sein, aber die Juden haben in ihrem lausendjährigen Kampf gegen die Nechtlostgkeit, soviel mir bekannt, moralisch noch nichts eingebüßl. Was ihnen au materiellen Besitztümern verloren gegangen, koinint nicht in Vergleich zu der historischen, ich «nöchte sagen rein idellen Leistung, die iu der Forterhaltung des .iubeitlichen Gottesgedankens liegt, welcher dem Judentum initeivohnl. Ein schönes Bewußtsein dies, das uns für vieles andere entschädigt".