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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1895-02-08 · 6 (8.2.1895) · p. Seite 85

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
Issue
6 (8.2.1895)
Date
1895-02-08
Page
Seite 85 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 6. I e s <H u r rr n. Seite 85. seines Volkes wird der Name Dr. Adolf Jelliüeck unsterblich lind ruhmbestrahlt bleiben, solange das Buch der Thora geheiligt, der Gottesglaube unser Schild und unser Schutz sein wird! Dik Ziidtil von Berlin zu Ende des vorigen und Anfang des jetzigen Jahrhundert!,.. Von V. Simon, Posen. V. Im Jahre 1801 war sie mit ihrer Freundin, der Gräfin v. Schlabrendorf, Nichte des unseren Lesern gewiß aus Barnhagen bekannten „Einsiedlers in der Straße Richeleau" in Paris. Sie wohnte bei der Gesandtin Frau v. Humboldt, die als Caroline v. Dacheroden ihre intime Freundin gewesen war, und lernte hier die französische Gesellschaft und ihre Umgangsweise kennen und noch mehr schätzen, als dies schon früher der Fall war. Bei uns in Deutschland kennt man eigentlich nur die vertraute Freundschaft und die Staatsvisite; jene angenehmen geselligen Beziehungen, welche zwischen beiden die Mitte halten, die wohl etwas Gleichgiltigkeit, aber noch mehr Achtung und den Wunsch zu gefallen in sich schließen, waren oder sind in Deutschland fast unbekannt. Das hatte Rahel in Paris gefunden, und gleich Goethe schätzte sie es sehr hoch. Darum unterhielt sie auch stets die freundschaftlichsten Beziehungen zur Frau v. Genlio, und als die Tochter Neckers (Frau v. Stasl) nach Berlin kam, schlug sie bei Rahel ihr Hauptquartier auf und plagte auch hier die deutschen Schriftsteller und Gelehrten, denen sie den Stoff zu ihrem berühmten Werke „Ueber Deutschland" abpreßte. Der junge Spalding mußte ihr die Philosophie Fichtes erklären: ein Buch, klagte der Arme, „das ich selbst nicht verstehe und in einer Svrache, der ich nicht mächtig bin." Besser ging es ihr endlich mit August Wilhelm Schlegel, der vortrefflich Französisch verstand, den Frau von Stael aber damals noch nicht an sich zu fesseln vermochte, weil er in Herzensbeziehungen zur Schwester Tieck's, seines Freundes und Mitarbeiters (an der Uebersetzung Shakespeare's) der geistreichen Schriftstellerin Sophie Bernhardt, nachher verheirateten v. Knorring stand. Schiller, den die Stael schon in Weimar durch ihre ewige Ruhe und Geschwätzigkeit ganz krank gemacht hatte, mied sie, als er nach Berlin kam, sorgfältig. (Sie hatte in Weimar in einem Hause gewohnt, wo es spuken sollte und rühmte sich, keine Gespenster gesehen zu haben. „Das glaube ich wohl," sagte Schiller, „selbst ein Satansgefährter möchte ja mit ihr keine Gemeinschaft haben.") Auch Goethe fand sich von ihr ermübet. Aber Rahel war und blieb mit der geistreichen Französin wohl befreundet. Eine innige Freundschaft verband Rahel ferner mit Henriette Mendelssohn, der jüngsten Tochter des Philosophen, deren schöne Seele ihr eine Zuneigung einflößte, die auch dann noch Stand hielt, als die Freundin sich dem strengsten Katholizismus in die Arme geworfen hatte, denn Rahel wußte, daß Henriette weder Komödie damit spielte, noch daß es eine künstliche Exaltation war, was sie dazu trieb; wohl aber ein durch Prüfungen und Entbehrungen aus eine schiefe Ebene getriebe"er Geist. Zog Henriette durch äußere Ruhe und inneres Feuer an, so war es die lebhafte Glut und offene Mitteilung, die sie ihr ganzes Leben zur Gräfin Josephine von Pachter hinzog; die Korrespondenz gleicht einer musikalischen Harmonie, die Stimmen wechseln ab, wie in einem prächtigen Duett. Da Rahel eine ganz ausgezeichnete Klavierspielerin und dem Theater leidenschaftlich ergeben war, so finden wir, neben den vornehmsten Damen, Schauspieler und Schauspielerinnen in ihrem Salon. Da war der schöne Fleck, der den Karl Moor und Wallenstein auf der Bühne uachschuf; Schröter, der die Natur (oft nur allzutreu) zu kopieren verstand; der seine Jffland, der auch als Schriftsteller sich damals eines großen Ruhmes erfreute; die reizende Unzelmann, der Liebling des Herzogs von Weimar und Goethe's, die entzückendste Maria Stuart, die man sehen konnte. In Rahels Salon in der Jäger- Straße setzte Meyern, der Verfasser des jetzt vergessenen Romans „Dya-Na-Sore" seine patriotischen Lehren auseinander. Friedrich v. Gentz, der in Berlin die deutsche politische Presse schuf, die vor ihm gar nicht existierte und der später in Wien der beredte Helfershelfer eines Metternich wurde, sprudelte Gift und Galle gegen Haugwitz, den damals allmächtigen Minister. Da waren ferner Ludwig Tieck, gerade aus dem Höhepunkte seines Ruhmes angekommen; Alexander v. Humboldt, dessen Größe man bereits ahnte; sein Bruder Wilhelm, der feine Spötter und tiefe Gelehrte; der schweizerische Geschichtsforscher und nachmalige Minister Jeromes am Hofe von Westfalen, Johannes v. Müller, „das kleine, abschreckend häßliche Männchen mit dem spitzen Bauch und den dünnen Beinchen, mit dicken: Kopf und vorliegenden rot eingebändelten Augen, krähender Stimme, mit schrecklichem Schweizer-Deutsch und feinem Französisch;" der schon mehr genannte Graf v. Tylli, französischer Emigrant, von glänzender Unterhaltungsgabe, aber schrecklich eitel, der seine in Paris begonnene Libertinage fortsetzte, der aber Berlin verließ, als eine seiner zahlreichen Geliebten, eine Dame vom Stand, die sich von ihrem Gemahl entdeckt glaubte, ihr Leben freiwillig in der Spree endete. (Tylli erschien mit der Restauration 1815 als General in Paris, fiel in Ungnade und Armut und wurde 1816 in einem Fiaker tot gefunden, wo er sich mit einer Kugel den Schädel zerschmettert hatte.) Aber da sehen wir den wahren Helden des Salons in der Jäger- Straße eintreten: ein junger hochgewachsener Mann, von auffallender Schönheit, feurigen Blickes, schmerzlich ernst dreinschauend, mit einer angeborenen Herrschermiene die größte Sanftmut und Höflichkeit im Ausdrucke verbindend — es ist der „preußische Alieibiades," der Neffe Friedrichs II., der unglückliche Prinz Louis Ferdinand, der einige augenblickelang mit Gentz, seinen: Vertrauten und dem Gefährten feiner Vergnügungen, die nicht immer sehr unschuldiger Statur waren, politisiert, seinen Zorn gegen den „Bonaparte, der die Freiheit des Landes untergrübt," ausläßt und dann durch sein geniales Klavierspiel — er war auch ein ausgezeichneter Komponist — die Gesellschaft ergötzte. Der Prinz war ein echter Typus der (höheren) „Gesellschaft" seiner Zeit. Bis jetzt schrieb Rahel von ihm an ihren Freund G. v. Brinkmann, bis jetzt habe der Prinz nur Marianne Meyer kennen gelernt, die aber getauft und Fürstin sei und Frau v. Eybenberg, das wolle also nichts sagen; an ihr werde er eine Bekanntschaft machen, wie er noch keine gehabt habe; sie werde ihm die wahre Wahrheit, die Dachstuben-Wahrheit, sagen." Sie hat, aus den auf uns gekonnnenen, halb deutsch, halb französisch geschriebenen Brief-

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