Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 6 (8.2.1895)
- Date
- 1895-02-08
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 84. | e f d) u r u it. Nr. 6. indem er 48 Jahre rabbinischer nnd schriftstellerischer Tbätigkeil deni Kampfe für Israels Freiheit und Recht widmete nnd cs gegen Angriffe und Anklagen, mit denen es die Feinde überfielen verteidigte. Hier stritt nnd kämpfte er unermüdlich und unerschrocken, nicht nur mit dem schneidigen Schwerte seines Mundes, sondern noch mehr mit der spitzigen Lanze seiner polemischen Feder. Sein Volk wollte er frei nnd unbeengt wissen. Wie das Losungswort Moses und Ahron's an Pharao lautete: „Laß mein Volk ziehen, damit es mir diene", so war seine immer wiederkehrende Parole die öfientliche nnd entschiedene Forderung : nehmet allenthalben den Druck von meinem Stamine und lastet ihn srei in seinem Glauben, in seinem Gottesdienste und seinen Bewegungen. Frei, gleichberechtigt imb geehrt wollte er seinen Stamm wisten, und sprach osten nnd selbstbewußt von den glänzenden Eigenschaften, die ihm innewohnen, und von den geschichtlichen Sünden, die an ihm begangen wurden und seine Vorzüge verdunkelten und zurückdrängten; der jüdischen Religion wollte er die Erstgeburt gewahrt wisten, und zeigte, wie ihr spätere Religionen ihr Bestes verdanken; dem jüdischen Glauben wollte er Achtung und Anerkennung erringen, und „vernichtete mit dem Hauche seiner Lippen die Bosheit", und geißelte die Schmähungen und Beschuldigungen, die aus ihn sielen; den Ruhm des jüdischen Schrifttums verkündete er und wies nach, wie es die erhabensten Kulturmomente und Kulturbedingungcn in sich trägt und wie cs die Zivilisation selbst begründete und sörderte, wodurch die Erniedrigung und Verleumdung, mit der man es beschmutzte, von selbst entfiel und zurückgewiesen wurde. Wenn der Feind, um in der Sprache des ersten Besreiungsliedes zu reden, schnaubend ries: Das Judentum mttste versolgt und in sein Inneres getrosten werden, Israel müste eine Beute gieriger Leidenschaften werden, es mühe ein Opfer der Wut, der Rache, des aufreibenden Schwertes und der gewaltthätigen Hand werden — u-berob ge-oncho taharos komecho, da trat er mit seiner Größe und durch die verkündeten Hobeitsgedankcn des Judentums die Gegner nieder, zerschmetterte er durch die erhaben klingenden jüdischen Lehren die Widersacher, noschafto be-ruchat*ho kisomo jom, dedeckte er sie durch sein Geisteswescn mit der gewaltigen Flut seiner kräftigen Entgegnungen, Zurückweisungen und unerschöpstichen KampfcSmittel. Und als ihm einmal vor mehr als dreißig Jahren der (belehrte und mächtige Kirchenfürst der österr. Residenz seine scharse und polemisch Redeweise drohend vorhielt, da antwortete er: Auch Tu hast eine Kanzel, dort magst Du mir entgegnen; auf meiner Kanzel rede ich, wie ich will, wie ich eS gut, nützlich und notwendig halte. Heil, ewiges Heil daher dem Verklärten, der die Fülle von Kräften, mit denen der Schöpfer ihn ausgestattet, im heiligen Dienste gebraucht hat, arbeitend und kämpfend für Israels Glauben und gegen Israels Feinde, ausdauernd bis zum letzten Lebenshauche! Ihn priesen die Zeilgenosten, als er noch thatkräftig, geistesstark und menschenfreundlich unter uns wandelte, um ihn erhoben sie Klagetöne, als er unseren Augen entschwand. ES drängt sich mir bei dieser Erinnerung, bevor ich die Feder niederlegc, ein letzter Gedanke auf, der Aron Jellinck mit dem biblischen Aron, dem Milbcfreier Israels aus Egypten zusammengestellt. In dem Mittelpunkte dieser BcfreiungSgeschichte nämlich stehen zwei Männer, der eine mit prophetischem Geiste, der andere mit beredtem Munde: das Brüderpaar Moscheh und Aron. An Moschch, den jüngern, wendete sich zuerst die göttliche Erscheinung, richtete sich zuerst das göttliche Wort, die geknechteten Israeliten aus Egypten zu führen. Moses wollte vorerst die Ausgabe nicht übernehmen, denn, sprach er, ich bin nicht der Mann des Wortes, bin nicht der Rede »nächtig, und wer dies nicht ist, soll und darf ja nicht östentlich daS Wort nehmen. Wie soll ich, wendete er ein, wenn mir die entsprechende Redeweise nicht zu Gebote steht, vor den König hintreten und ihn zu Gunsten seines Auftrages überreden? Wie selbst das israelitische Volk für die befreiende Botschaft gewinnen? Allein Gott antwortete ihm: Du hast einen Bruder Aron, der wohl zu reden vermag, den wirst Du mitnehmen, er soll Dir zum Munde sein, er soll das Wort führen. Du aber sollst ihm zum Gotte sein, sollst ihm meine göttliche Eingebung mitteilen. Und so hatte dann Aron seinen guten und verdienstvollen Anteil an der Befreiung Israels aus Egypten, den er nur seiner Rcdcfähigkeit verdankt. So auch Aron Jellinek. Er hatte eine gleiche Aufgabe und eine gleiche Begabung, indern er ebenfalls ein unübertrefilicher Redner war und dadurch an der Befreiung der Geister aus de>u Dunkel der Unwissenheit, aus den Banden des Aberglaubens und Unglaubens mitarbeitete. Er trat auch in das Erbgut des allen Hohepriesters Aron, die Urim und Dummim, Licht und Wahrheit auf dem Herzen, das Wohl und Wehe seiner Ration in der Brust tragend, und durch sein nahezu fünfzigjähriges Wirken, Denken, Fühlen und Käinpsen ließ er den hohepriesterlichen Stirnschmuck des „Kodesch ladonai“, weithin strahlen und glänzen. Die großartigen und zahlreichen Teilnahmskundgebungen nach seinem Hinscheiden gaben hierfür volles Zeugnis. Eine große, allgemeine und tiefgehende Trauer manifestierte sich bei dieser Gelegenheit. Wie es bei der zehnten Plage heißt: „Und es war eine große Wehklage in Mizrajim, denn es war kein Haus, darin sich kein Toter befand", so war die Wehklage über den nunmehr ewig Schlafenden eine außerordentliche und seltene. Aus weiter Ferne, selbst aus kernillagyarischen Genteinden eilten sie herbei, um an der Beerdigung des großen Toten mit deutscher Zunge teilzunehmen und ihn zu ehren; denn man kann mit einer gewissen Umdeutung des Bibclwortes sagen: en bajith asclier en schom ineth, man fühlte diesen Tod in jeden» jüdischen Getneindehause und betrachtete den Toten als den eigenen Angehörigen, als einen, der dem ganzen Volke, der ganzen GlaubenSgenofienschast angehört. Man fühlte, was man verloren, was das Judentum, der jüdische Stamm, die jüdische Sache, die jüdische Wiffenschaft, die jüdische Religion, die jüdische Belehrung an diesem Manne verloren. Wie jenes allseitig«: Mitfühlen und Mitklagen um den Verlust des hervorragenden jüdischen Weisen nur die Erfüllung einer von der Religion vorgeschriebenen heiligen Pflicht bedeutete, so vollzog auch ich nur, und besonders diese von ihm licbgehegte Zeitschrift, einen Pietälsakt, wenn ich in diesen Blättern zur ersten Jahreswende seines Todes die Erinnerung an ihn weckte und belebte — an ihn, der unvergcfien bleiben wird und muß, dessen Andenken das Fortleben gesichert ist, wehojta menuchato kabod, der wie im Leben, so auch in seiner ewigen Rübe geehrt und gesegnet wird. In den Annalen der Geschichte und in dein Herzen