Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 4 (1895) Bestand Leo Baeck Institut
- Issue
- 6 (8.2.1895)
- Date
- 1895-02-08
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 82. 3 e f u r u n, Nr. 6. stattet, während ihre Eltern, die von dem Verdienste dieser Kinder lebten, als „staatsgcfährlich" weggejagt wurden. Man hat in Rmnänien für die Juden eine neue Form der Austreibung gesunden, eine neue Art von Zuweisung ciitcö ZwangSwohnsitzeS. Gegen schwache Greise, Frauen und Kinder läßt man die Kavallerie los, und das armselige Hab und Gut dieser Leute wird geplündert oder dem Erdboden gleich gemacht; ohne Mitleid und Erbarmen zwingt man diese Parias der Gesellschaft, ihre Heimat zu verlassen und nach Bezirken auSzuwandcrn, wo sie weder Bekanntschaften noch Beziehungen haben und elend zugrunde gehen müssen, während Soldaten, Polizeibeamtc und Gepieindediener die Beute untereinander verteilen. Bon dieser unntenschlichcn Verfolgungssncht bietet einen klassischen Beweis die Rede, die der Minister Earp am 1i>. Februar 1898 in der Kammer der Abgeordneten hielt. Mit Schaudern erfuhr man von ihm, „daß die rumänische Regierung Unschuldige in die Donau werfen ließ", weil sie zu derselben Raffe gehörten, wie die Verfasser des alten Testaments. Ich bin nur das Sprachrohr für das Elend eines Volkes, dem keine Partei ihr Mitleid versagen kann, und ich spreche nur im "Namen der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit, und im Ranten der Menschlichkeit und der Gerechtigkeit richte ich die Bitte an Euch, verehrte Kollegen, an Euch, Vertreter des italienischen Volkes im Parlamente, nicht zu vergessen das Elend, in wclchent meine rumänischen Glaubensgenossen schtnachtcn, und ich hoffe, daß Ihr zugleich mit Euerer Sympathiekundgebung für das runtänische Volk dem Wunsche Ausdruck verleihen werdet, daß dieses Volk den in Rumänien geborenen Juden, d. h. den Rumänen jüdischer Konfeffion, die ihnen zukommenden Rechte verleihe. — Das Memorandum, das dem Briefe folgt, giebt ausführlich die Denkschrift wieder, die die rumänischen Juden an den König Carol gerichtet haben, ferner die verschiedenen Gesuche an die Minister und die herrliche Rede des Ministers Peter Earp zu Gunsten der Juden in Rumänien; trotz dieser Rede ist aber die Lage der rumänischen Juden bis heute dieselbe, tieftraurige geblieben. für dir „altm iungftrn!“ Eine alte Jungfer! Nicht wahr, das iff etwas zum lachen? Das ist etwas Urkomisches, eine ununterbrochene Quelle der Heiterkeit für Anekdotenjägcr, Karikaturcnzcichner und Lustspieldichter. Und wenn ihr näher zuseht, so werdet ihr finden, daß ihr über die allertraurigste Sache der Welt gelacht habt, daß ihr über das Unglück gelacht habt, über den Schmerz, die Trauer und die Trostlosigkeit der Einsamkeit. — Die Katholiken haben ihre Klöster, die Protestanten ihre weltlichen Stifte, wohin sich ein müdes, altes Wesen zurückziehen kann, um seine Tage, vor der Not und dem Hohn der Welt geschützt, zu beschließen. Wir Juden, die mir auf unsere Humanität so stolz sind, daran haben wir ganz vergessen und diese Vergeßlichkeit rächt sich grausam an tausenden und abertausenden unglücklicher Wesen, die ohne Schutz, ohne Heim, ohne Familienzusannnengehörigkeit dahinsiechen. Wundert ihr euch noch, wenn der Neid über das Glück anderer, die geliebte Gattinnen und Mütter sind, in mancher Müdchenscele seine Stätte findet, und das aepreßtc Herz sich in hämisch-spitzen Bemerkungen Luft macht? Es wäre fürwahr zu verwundern, wenn es anders wäre. — Die Zeiten sind schwer. Die soziale Frage rüttelt mit Ungestüm an den Grundfesten der modernen Gesellschaftsordnung. Der Fabrikant kämpft einen Konkurrenzkrieg bis aufs Messer, er muß den Lohn der Arbeiter bis auf das Eristenzminimnm herabdrücken, selbst einem eisernen Lohngesetz unterworfen. Der Militarismus verschlingt die besten Kräfte des Staates. Der Staat muß die Steuerschraube anziehen und die schwere Hand des Fiskus legt sich verteuernd aus die wichtigsten und unentbehrlichsten Bedarfsartikel. Wer unter solchen Zeitverhältniffen eine Ehe schließt, wird sichs doppelt überlegen. „Wir sind gesund — Gott wird uns helfen" sagte man früher und schritt zum Ehebunde. Ter Erwerb kam oft späterhin und so ganz von selbst. Man hatte die Wahl, diesen oder jenen Berufszweig zu ergreifen, sprang auch oft rasch genug von einem zu dem andern über. Es ist anders geworden. Der Angestellte findet unendlich schwer einen Platz, denn die Konkurrenz ist zu groß. Wer nun ein Haus und eine Familie gründen will, ist mehr als je darauf angewiesen, ein begütertes Mädchen zu freien, denn die Mitgift nimmt ihnen beiden einen großen Teil der Lebenssorgen ab. „Wenn sich nichts mit nichts verbindet, Fit und bleibt die Lumme klein: Wer bei Tisch nur Liebe findet. Wird nach Tische hungrig sein." singt der alte Roceo sehr weise im „Fidelio", welcher das Hohelied der ehelichen Liebe und der Gattentreue ist. Das ist schrecklich banal und klingt für romantifche Gemüter erstaunlich prosaisch und nüchtern. Aber deswegen ist es nicht minder wahr. Die notwendige Folge von dem allen ist, daß immer weniger Ehen geschlossen rverden, daß es immer weniger glückliche Ehen giebt, denn mit den Nahrungssorgen stellen sich zu allermeist auch die häuslichen Zwistigkeiten ein. Ter Ausblick in die Zukunft ist noch trostloser. ES wird voraussichtlich immer weniger Ehen geben, weil die Berhältniffe von Tag zu Tag düsterer und schwieriger sich gestalten. Die Zahl der alten Mädchen muß ungeheuer anwachsen. "Mögen sie als Lehrerinnen wirken oder mit fleißiger und geschickter Nadel in die Nacht hinein beim Lampenlicht schaffen oder den stinken Stift der Stenographie führen oder als Buchhalterinnen sich über große (Geschäftsbücher neigen, — es kommt der Tag, wo ihre Kräfte sie verlaßen, wo die Hand zittert, das Auge geschwächt ist — — mit Schrecken sieht das Heer dieser unversorgten Mädchen das Alter herannahen. Kein Heim, keine Familie, kein Dach. Selbst für Töchter aus wohlhabenden Familien, die nicht geneigt sind, dem „Erstbesten" die Hand zu reichen, muß eine Zustuchtsstätte, ein Heim geschaffen werden. Und darum möge ein in der „Qestcrr. Wochcnschr." für die Gemeinde in Wien gemachter Vorschlag auch in Berlin Beachtung finden, ein Vorschlag, der kurz lautet: Ein Heim für unverehelichte, jüdische Mädchen soll ins Leben gerufen werden! Das fernere Wie