Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 51 (21.12.1900)
- Date
- 1900-12-21
- Page
- Seite 809 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 51 Israelitische Wochenschrift. Seite 809. V verständlich fpradjeu/bte Kinder den Text. Dann hielt Herr Direktor Reich, der verdienstvolle Leiter der Anstalt und fürsorgliche Vater der „Waisen der Natur", eine ergreifende Ansprache. Znm Schluß des Maariw-Gebets sprach ein kleiner verwaister taubstummer Knabe das Kaddisch-Gebet für den in diesem Jahr verstorbenen Geheimrat Dr. Markuse. Nun wurden die Kinder zu ihren Geschenken geführt. Auf langen Tischen lag da, für Knaben und Mädchen in getrennten Räumen, was dankenswerte Wohlthäugkeit und liebevolle Fürsorge ihnen hatte zu Teil werden lassen: Materialien für den Handfertigkeitsunterricht, Spielzeug, Näschereien, für die Kinder unbemittelter Eltern auch Wäsche, Kleidungsstücke und Schuhzeug. Ein jedes Kind war reichlich bedacht, und unter den Kleinen herrsche eitel Jubel und Lust. Magdeburg, 17. Dezember. (Ein Reinfall.) Das hiesige antisemitische Wochenblatt „Die Sachscnschau" schreibt: Am Dienstag, den 27. November veranstaltete der Verein für jüdische Geschichte und Literatur in der „Freundschaft" einen Vortrag, zu dem auch, wie es im Schlußsatz zu Nr. 599 der Magdeburgischen Zeitung hieß, Nichtmitgliedern der Zutritt unentgeltlich freistand. Als wir unsere Garderobe abgelegt hatten und im Begriff waren, in den Saal einzutreten, wurden uns Biüets abverlangt. Wir erkundigten uns nun nach dem Preis der Billets und erfuhren, daß ein Billet Mt. 1,55 kostete. Natürlicherweise zogen wir vor, unseren Rückzug anzutreten, um nicht den Juden Mk. 3,10 hinterherzuwerfen. — Und diese Herren erheben ein Gesaire ohne Gleichen, wenn in einer antisemitischen Volksversammlung zur Deckung der Unkosten 20 Pf. Eintrittsgeld erhoben werden. Köstlich!" — Es ist wirklich „köstlich", wie die Redaktion der „Sachsenschau" hineingefallen ist. Gleichzeitig mit dem Vortrag des jüdischen Geschichtsvereins nämlich fand eine Treppe höher ein Possartscher Rezitationsabend statt, zu dem der Eintritt nicht frei war; das Billet zum geringsten Platz kostete (incl. Vergnügungssteuer) Mk. 1,55. Offenbar war der Herr „Sachsenschaute" in den falschen Saal hinaufgeraten. Anstatt sich seines Irrtums bewußt zu werden, erhebt er „ein Gesaire" und bereitet seinem Leibblatt einen wirklichen — Reinfall. Herr Rabbiner Dr. Rahmer gab in der jüngsten Sitzung des Literaturvereins vom 14. d. M., in der Herr Privatdozent Dr. Huth aus Berlin über die Juden in Sibirien sprach, zur Erheiterung der Anwesenden die Aufklärung. Bad Ems, 18. Dezember. (Waisen- und Mädchenheim.) Das israelitische Central-Waisen- und Mädchenheim erfreut sich, wie der jetzt erschienene dritte Jahresbericht des Schriftführers Bezirksrabbiners Dr. Weingarten zeigt, steigender Blüte. Der vorige Etat schloß auf beiden Seiten mit Mk. 27 495,35, das Vermögen der Anstalt ist auf Mk. 102 516,31 gestiegen. Die Zahl der Zöglinge ist 32, der Gesundheitszustand immer befriedigend gewesen. h. Jnowrazlaw, 17. Dezember. (Jüdische Lehrer.) Die hiesige Stadtverordnetenversammlung zählt je 10 evangelische, katholische und jüdische Mitglieder, von den 6 un- I besoldeten Stadträten gehören je 2 denselben Bekenntnissen jj an. Die hiesige Mittelschule wird gänzlich aus städtischen Mitteln erhalten. Unter ihren 10 Lehrern ist kein Jude. Vor 3 Jahren beantragte bei eintretender Vakanz ein jüdischer Stadtverordneter die Berufung eines jüdischen Lehrers, wodurch der Zuschuß von 200 Mk. für den jüdischen Religionsunterricht gespart werden würde. Der Antrag wurde angenommen, aber ein nichtjüdischer Lehrer angesteüt. Bei der diesjährigen Etatsberatung schlug die Schulbehörde wieder die Anstellung eines Mittelschullehrers vor. Die Forderung wurde bewilligt. Der jüdische Stadtverordnete Herr Sandler beantragte wiederum die Berufung eines jüdischen Lehrers, was einstimmig angenommen wurde. Der Magistrat wies in dem Ausschreiben daraus hin, daß bei der Besetzung ein jüdischer Lehrer berücksichtigt werden solle. Es liefen Meldungen ein, darunter zwei von hiesigen Lehrern. In der vorwöchigen Stadtverordnetensitzung teilte der Referent mit, daß der Magistrat einen nichtjüdischen Lehrer gewählt habe, weil da die Lehrkraft voll in Anspruch genommen werde, die oben erwähnte Ersparnis von 200 Mk. also eintrete, und weil der Unterricht leiden würde, da der jüdische Lehrer an Sabbat- und Feiertagen nicht schriebe. Der Kreisschulinspektor habe deshalb die Berufung eines jüdischen Lehrers abgelehnt, die Schulkommisson sei ihm beigetreten, und so habe sich der Magistrat zur Wahl eines nichtjüdischen Lehrers genötigt gesehen. Stadtverordneter Herr Rosenberg meinte, daß die Juden, die ein Dritteil der städtischen Steuern aufbrächten, wohl die Anstellung eines jüdischen Mittelschullehrers neben 10 nichtjüdischen beanspruchen dürften. Sollte die Sabbatheiligung als Hindernis der Anstellung gelten, so müßte man die jüdischen Seminare und höheren Lehranstalten schließen. Der erste Bürgermeister erklärte, daß er erst seit wenigen Monaten an der Spitze der Verwaltung stehe, daß er die oben mitgeteilten Vorgänge nicht gekannt habe und den Zustand bedaure. Der Magistrat haben einen jüdischen Bewerber angefragt, ob er am Sabbat schreiben und an den hohen Feiertagen unterrichten werde. Der Bewerber habe verneinend geantwortet. Stadtverordneter Sandler gab der Verwunderung Ausdruck, daß man den Stundenplan nicht so einrichten könne, daß man die 4 Vormittagsstunden am Sabbat nicht mit schreibfreiem Unterricht besetze. .Stadtverordneter Bankier Salomonsohn meint, daß die ohne Mitwirkung der Stadtverordnetenversammlung erfolgte Lehrerberufung ungiltig sei. Nachdem der Bürgermeister erklärt hatte, daß die Bestätigung der Regierung bereits nachgesucht sei, einigte man sich dahin, daß bei der nächsten Vakanz ein jüdischer Lehrer angestellt werden solle. — Die beiden jüdischen Stadträte haben ihr Amt niedergelegt. Breslau, 16. Dezember. (Hebräische Unterrichtsanstalt.) Die im Jahr 1864 hier begründete, unter Leitung des Herrn Rabbiner Dr. P. Neustadt stehende hebräische Unterrichtsanstalt veranstaltet kommenden Sonntag im Saal der städtischen Realschule, Nckolaistadtgraben 20, eine Schul- und Weihfestfeier, die den Eltern der Zöglinge und den Freunden der Anstalt deren Leistungen darthun soll. Nach seinem Programm ist das Institut jeder Empfehlung und Unterstützung würdig. Der Unterricht der Anstalt legt das j Schwergewicht theoretisch auf die Quellen der Religion und praktisch auf den Kultus. Er umfaßt nicht allein, wie in den höheren Schulen, biblische Geschichte und Religion, sondern