Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 51 (21.12.1900)
- Date
- 1900-12-21
- Page
- Seite 810 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 810. Israelitische Wochenschrift. Nr. 51. auch das Hebräische bis zum Talmud einschließlich, sowie den gesamten althergebrachten täglichen Gottesdienst. Zum Gottesdienst und zu dessen einzelnen Funktionen wird die Jugend in einer besonderen Anstalts-Synagoge angeleitet, in der die Kinder und deren Eltern ihre Stellen unentgeltlich auch für für die Feiertage erhalten. Frankfurt a. M., 17. Dezember. (Neue Vorstandsmitglieder.) In den Vorstand der Israelitischen Gemeinde ist an Stelle des turnusmäßig ausscheidenden Herrn Neustadt Herr Direktor Z. Hochschild, in den Ausschuß sind die Herren Emil L. Heidenheimer, Raphael M. Kirchheim und Heinrich Wisloch gewählt worden. Hamburg- 17. Dezember. (Tod von P. Marburg. — Stiftung.) Der ehemalige Chef des bekannten Bankhauses W. S. Marburg in Altona, Herr Pius Marburg, ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Er ist lange Zeit Vorsteher der jüdischen Gemeinde Altona gewesen, war von 1865—1885 Stadtverordneter und während dieses Zeitraums wiederholt Stadtverordnetenvorsteher. Die jüdischen Gemeinden von Hamburg und Altona verlieren in ihm einen allezeit hilfsbereiten Freund. — Die aus Hamburg stammenden Brüder Julius Lewisohn in London und Leonhard und Adolph Lewisohn in Newyork haben zum Gedächtnis' ihrer verstorbenen Eltern dem hiesigen jüdischen Krankenhaus 80 000 Mark zum Bau eines Pavillons geschenkt. Würzburg, 16. Dezember. (Vortrag.) Der am 12. ds. von Herrn Distrikts-Rabbiner Bamberger im „Verein für jüdische Literatur" hier gehaltene Vortrag über den Traum in der jüdischen Literatur hatte sich einer zahlreichen Zuhörerschaft zu erfreuen. Den Gegenstand zunächst vom psychologischen Standpunkt nach Ansicht der neueren Philosophen wie Schubert, Moriz u. a. erörternd, suchte Redner aus der jüdischen Literatur darzuthun, daß diese wesentlich zwischen echten und unechten Träumen unterscheidet. An zahlreichen Stellen aus Bibel und Talmud wurde die Richtigkeit dieser Auffassung nachgewiesen: Der Redner verstand es, die etwas schwierige Materie dem Publikum klar und verständlich vorzusühren und das Interesse dafür rege zu erhalten. Mit dem Schiller'schen Spruch: „Leben heißt träumen", in dem Sinn, daß wie die Träume den Menschen oft für seine Thaten vorbereiten, so das irdische Leben eine Vorbereitung für das himmlische, höhere sei, schloß der lehrreiche, allseitig beifällig aufgenommene Vortrag. Auch die sich anschließende Diskussion bot dem Redner Gelegenheit zu lehrreichen, sachlichen Ausführungen. Moskau, 16. Dezember. (Gemeindebudget). Nach dem Jahresbericht der hiesigen jüdischen Gemeinde beläuft sich das Vermögen dieser Körperschaft auf 337 144 Rubel; davon sind 308 642 Rub. unbewegliches Eigentum, 23 100 Rub. Wertpapiere und 4994 Rub. bares Geld. Die Einnahmen des letzten Jahres betrugen 59 457 Rub.; 20 557 Rub. aus den Steuern der Gemeindemitglieder; 6142 Rub. Beiträge zur Unterhaltung der Beerdigungsplätze; 5 589 Rub. Ertrag von Mieten; der Rest aus Schenkungen u. s. w. An Ausgaben wurden im vergangenen Jahr u. A. geleistet: 14 357 Rub. zum Neubau eines Schulhauses;. 9 046 Rub. Armenunter* stützung; 4 252 Rub. Bodenerwerb zur Erweiterung eines Friedhofs; 10 699 Rub. Gehälter an Rabbiner und 7 208 Rub. zur Reparatur von Baulichkeiten. Das jüdische Waisenhaus und die Suppenküche für arme Juden sind im Lauf des letzten Jahres bedeutend vergrößert worden. Radomisel, 15. Dezember. (Die hebräischen Schulen in Rußland.) Die zunehmende Pflege des Hebräischen in Rußland ist ein erfreuliches Zeichen, daß unsere Glaubensgenossen endlich doch zu der Einsicht gelangt sind, es sei nötig, die Kenntnis unserer kernigen und gehaltvollen Sprache von frühester Jugend auf in das zarte Kinderherz zu pflanzen. Der Bibelsprache wohnt heute noch die Kraft inne, die Gemüter zu erheben. Es ist mit Genugthuung zu konstatieren, daß eigentlich Niemand sich zur Feindschaft gegen diese Bestrebungen offen zu bekennen wagt. Der Klang der Sprache unserer Propheten, obwohl wenig verstanden, tönt immer noch als „wundersame Melodei" im Innern treuer Juden nach, und trotzdem die meisten sich von dem, was ihnen die heilige Sprache ist, keine Rechenschaft geben können, haben sie doch das unmittelbare Empfinden, daß ihr Verlust für das Judentum ein unermeßlicher wäre. — Dieses innere Aufbäumen gegen die bloße Möglichkeit eines Entreißens des uralten Schatzes zeigt, wie fest im Volksgemüt die Liebe zur Sprache der Bibel wurzelt. Die Einmütigkeit für dieses alte Erbe wäre noch geschlossener, wenn nicht ganze Berge materieller Hindernisse entgegenständen. Das Erwerbsleben lastet zu schwer aus den Schultern der Eltern, so daß ein jeder sein Kind zu versorgen gedenkt, und diese Versorgung glaubt man erreicht zu haben, wenn es gelungen ist, für das Kind die Aufnahme ins Gymnasium zu erpressen. Bei der.Ueberbürdüng unserer Kinder mit weltlichem Schulstoff muß das Hebräische in möglichst geringem Maß verabreicht werden. Wenn es ein Wundermittel gäbe, das Hebräische den Köpfen ohne Anstrengung einzuträufeln, würde es gewiß niemand für überflüssig halten. So stand es mit unserer heiligen Sprache bis jetzt. Durch die Schaffung von Schulen in dem kleinen Städtlein im Kiewer Gouvernement zur besonderen Pflege des Hebräischen ist ein wesentlicher Schritt gethan. Man hat damit die in Vielen schlummernde Liebe zum Hebräischen erweckt, und es ist zu hoffen, daß wir endlich aus der jetzigen religiösen Versumpfung herauskommen. Im sogenannten „Cheder" unseres Städtchens wird von 8 tüchtigen Lehrern unterrichtet. Ich habe eben einer Prüfung beigewohnt. Es war ein „Verhören" im Sinn und Geist des Judentums. Was geleistet wurde, übertraf alle Erwartung. Die Schüler gaben gute und treffende Antworten, sie zeigten Gewandtheit und Vertrautheit, ein völliges Erfassen des behandelten Stoffes. Die Begeisterung, mit der jeder Einzelne das ihm vorgelegte Stück Pentateuch vortrug, das Feuer, mit dem die Schüler die an sie gestellten Fragen beantworteten, und die dabei bekundete Schärfe des Verstandes rief Bewunderung hervor. Dem Dr. Zweifel, Sohn des berühmten Schriftstellers Zweifel in Kiew, ist es zu verdanken, daß hier in einem kleinen Städtchen ein Verein für jüdische Studien existiert, daß eine solche Schule ins Leben gerufen wurde. Möge der Allgütige die Saat in den jugendlichen Herzen keimen und aufblühen lassen, daß sie immer erfreuliche Früchte tragen. —