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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-12-21 · 51 (21.12.1900) · p. Seite 808

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
51 (21.12.1900)
Date
1900-12-21
Page
Seite 808 (sequence 12)
Language
German
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Seite 808. Israelitische Wochenschrift. Nr. 51. Unterricht in seinen verschiedenen Teilen haben die Schüler mit den Grundlagen und Werkzeugen der sozialen Kulturarbeit bekannt zu machen und zur selbstthätigen Mitwirkung an dieser zu befähigen. 5) Jeder Jude ist durch seinen natürlichen Ursprung und die Geschichte seines israelitischen Stammes verbunden, sich mit seinen Glaubensgenossen zu einer sozial-religiösen Gemeinschaft zu verbinden, um an der Erfüllung der Bestimmung seines Glaubens mitzuwirken. 6) Die jüdischen Gemeinden haben als die natürlich dazu berufenen Kultur- ' faktoren Einrichtungen dafür zu treffen, daß jedes jüdische Kind einen ausreichenden Unterricht in seiner Religion erhalte. 7) Der jüdische Religionsunterricht hat in allen seinen Teilen durch sachgemäße Behandlung die Einsichten zu vermitteln, wie die Bethätigung der jüdischen Religiouslehre zu verschiedenen Zeiten der Förderung der höchsten Kulturaufgaben diente. 8) Bei der Auswahl des religiösen Unterrichtsstoffes ist darauf zu achten, daß die Kinder an passender Stelle mit den gegenwärtigen, allgemeinen Einrichtungen für Wissenschaft, Gottesdienst und Wohlthätigkeit im Judentum bekannt werden und deren allgemein-soziale Bedeutung würdigen lernen. 9) Indem der jüdische Religionsunterricht für Weckung, Klärung und rechte Leitung des sozial-religiösen Gefühls eintritt, sucht er den höchsten Forderungen alles erziehenden Unterrichts näher zu kommen, die in der Charakterstärke der Sittlichkeit gipfeln. — An den Vortrag schloß sich eine seyr angeregte Generaldiskussion; die Spezialdiskussion mußte wegen der vorgerückten Zeit verschoben werden. Berlin, 16. Dezember. (Taubstummenanstalt.) Von dem Vorstand der Vereins „Freunde der Taubstummen, Jedide Jlmim" erhalten wir folgenden Aufruf, dem wir mit wärmster Empfehlung Raum geben: „Glaubensgenossen! Eine große Anzahl armer jüdischer taubstummer Kinder entbehrt heute noch immer des genügenden Unterrichts, weil die geringen Mittel unseres Vereins ihnen die Aufnahme in unsere Anstalt nicht gestatten. Die Einnahmen unseres Vereins reichen nicht einmal aus, um den 40 Kindern aus allen Gauen unseres deutschen Vaterlandes, die jetzt in unserer Anstalt erzogen werden, diese Wohlthat dauernd zu sichern. Der Voranschlag für das Jahr 1900 schloß mit einem Defizit von rund 9000 Mk. ab, Hypothekenschulden drücken uns noch in Höhe von 60 000 Mk.! Dies zeigt am besten, wie dringend wir neuer Mittel bedürfen. Im Sinn unseres allzufrüh entrissenen, um die Sache der jüdischen Taubstummen so hochverdienten Herrn Geheimen Sanitätsrats Dr. Moritz Marcuse sel. And. wenden wir uns deshalb heute an Sie mit der herzlichen Bitte, unserer Anstalt durch Eintritt in unseren Verein diese neuen, so überaus nötigen Mittel geneigtest zuführen zu wollen! Seit 1893 haben wir nicht öffentlich an den Wohlthätigkeitssinn unserer verehrten Glaubensgenossen appelliert, weil wir hofften, daß uns durch Zuwendungen von Stiftungen und Legaten gesicherte Einnahmen in genügender Höhe erwachsen würden. Diese Hoffnung hat sich nur in sehr beschränktem Maaß erfüllt, und sind wir aus diesem Grund gezwungen, für die armen jüdischen taubstummen Kinder an allen Orten neue werkthätige Freunde zu werben. Gegenwärtig erziehen wir in unserer Anstalt 23 Knaben und 17 Mädchen, von denen 7 aus der Provmz Posen, 7 aus Ost- und Westpreußen, 5 aus Berlin, 6 aus der übrigen Provinz Brandenburg, 3 aus Pommern, 3 aus Hessen-Nassau (davon 2 aus Frankfurt a Main), 2 aus Westfalen, 2 aus Bayern und je 1 aus dem Königreich und der Provinz Sachsen, Schleswig-Holstein, Elsaß- Lothringen, Schlesien und der freien Stadt Bremen stammen. Nach vollendeter Ausbildung wurden bis jetzt 52 Zöglinge entlassen (34 männliche und 18 weibliche); die männlichen Zöglinge wendeten sich folgenden Berufen zu: 7 wurden Schneider, 6 Schriftsetzer, 6 Buchbinder, 5 Lederarbeiter, 2 Schuhmacher, 1 Klempner, 1 Drechsler, 1 Tischler, 1 Sattler, 1 Cigarrenarbeiter, 1 Handschuhmacher, 1 Schmied, 1 Lithograph, 1 Xylograph; die Mädchen wurden Schneiderinnen, Putzmacherinnen, 2 Dienstmädchen. Alle diese Kinder wären ohne unsere Hilfe verwahrlost, während sie jetzt schaffensfreudige, erwerbsfähige, geistig und körperlich gebildete Mitbürger und verständnisinnige Glaubensgenossen geworden sind, die Niemand zur Last fallen. Helfen Sie uns, alle deutschen israelitischen taubstummen Kinder dem gleichen Ziele entgegenführen, und bethätigen Sie dies durch gütige Ausfüllung beiliegender Postkarte und deren Uebersendung an die aufgedruckte Adresse oder an einen der Unterzeichneten. Mit vorzüglicher Hochachtung Der Vorstand." An der Spitze des Vereins stehen die Herren Dr. I. Boas, Geheimer Sanitätsrat, Vorsitzender, W., Königin Augustastr. 24, Ludwig Ginsberg, Fabrikbesitzer, stellvertr. Vorsitzender, W., Viktoriastr. 9, und der Direktor der Anstalt M. Reich, Neu- Weißensee, Parkstr. 18. Neu-Weißensee, 17. Dezember. (Chanukafeier.) Gestern nachmittag 6 Uhr fand in der hiesigen Israelitischen Taubstummenanstalt für die Zöglinge des Institutes eine Chanukaseier statt. Vom Vorstand des Vereins „Jedide Jlmim" waren erschienen: die Herren Geheimrat Dr. Boos, Ludwig Ginsberg, Gustav Köhler, Adolf Salomon; außerdem beteiligten sich Freunde und Wohllhäter der Anstalt, die Angehörigen der Kinder und eine Anzahl erwachsener Taubstummen. Die Feier wurde durch einen Gottesdienst eingeleitet. Zu beiden Seiten des Podiums faßen die Kinder, und manches Auge ruhte voll mitleidiger Teilname auf ihnen. Doch die glückliche Kindesnatur offenbarte sich auch hier. Heiter, voll freudiger Erwartung schauten die Kinderaugen drein. Voll Spannung lauschten die Zuhörer, als ein taubstummer Knabe hervortrat, um die Chanukalichte anzuzünden. Laut und deutlich drangen die Segenssprüche in hebräscher Sprache an unser Ohr, in unseren Herzen einen unverlöschlichen Eindruck hinterlassend. Wohl noch nie wurden die Zuhörer von dem einfach gesprochenen Kinderwort so erschüttert wie von diesem. Der Mund, der jahrelang schwieg, der selbst dem heißesten Liebeswort der Mutter ein totes, kaltes Schweigen entgegensetzte, der öffnete sich und sprach. Welche Liebe und Geduld, unverdrossene Mühe und Arbeit mußten aufgeboten werden, um dem Taubstummen die Sprache zu geben und ihn dadurch der trostlosen Vereinsamung zu entreißen! Dann wurde die Chanukahymne von den Kindern strophenweise vorgetragen. Erklang auch nicht die fröhliche Melodie aus der Kinder Mund, so war doch der Eindruck auf die Zuhörer ein gewaltiger, denn mit lauter Stimme, klar und

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