Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- Seite 791 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50. Israelitische Wochenschrift. Seite 791. lichkeit der Verbesserung sei zweifellos vorhanden, wenigstens bezüglich der festen Anstellung, die jede Gemeinde ohne besondere Belastung des Etats gewähren könnte und womit schon sehr viel gewonnen sein würde. Die Kultusbeamten müßten einen Kultusbeamtenbund ins Leben rufen Redner schloß seine Darlegungen mit den Worten: „Ich gebe zu, daß das Mittel der Interessenvertretung beim ersten Blick eine etwas rauhe Außenseite zu haben scheint. Aber das scheint nur so. Eine Kultusbeamten- Organisation würde nicht allein uns und den Unsrigen dienen, mehr noch unseren Gemeinden, denen wir dadurch einen tüchtigen, achtungswerten Beamtenstand schaffen, am meisten aber unserem teuren Judentum selbst, dessen Kraft und Ansehen durch ein kräftiges und angesehenes Beamtentum nur gewinnen kann." Reicher Beifall folgte diesen Ausführungen. Herr Prof. Dr. Badt war während des Vortrags wieder erschienen und hatte die Leitung der Versammlung übernommen. Er dankte dem Referenten, würde aber gewünscht haben, wenn Redner weniger pessimistisch geurteilt hätte. Man müsse auch nicht vergessen, in welch bedrängter Lage so manche jüdische Gemeinde sich befände; wie es ihnen nur unter den größten Opfern möglich sei, religiöse Institutionen aufrecht zu halten. Er rate davon ab, einen Kultusbeamtenverein 'zu gründen, da wir an Vereinen keinen Mangel hätten; natürlicher wäre es, innerhalb des Lehrervereins eine Sektion zu gründen, die Standesfragen behandeln könne. (Beifall.) Auf Vorschlag des Herr Rabbiner Dr. Guttmann erkärten sich die Anwesenden einverstanden, eine Pause eintreten zu lassen, nach dieser das Referat des Herrn Dr. Freund zu hören und dann über beide Vorträge gemeinsam zu debattieren. Herr Dr. Freund führte in seinem Vortrag folgendes aus: Die Antwort aus die Frage: „Welches sind die Nebenämter des jüd. Lehrers?" müßte von Rechts wegen lauten: „Gar keine!" Denn sein Hauptamt genüge, die Arbeitskraft eines Mannes in Anspruch zu nehmen, und die freie Zeit sollte er zur geistigen Fortbildung und zur Fürsorge für seine Familie verwenden. Indessen drängen die Verhältnisse immer mehr dazu, daß er neben dem Amt in der Schule auch ein ferneres Amt in der Gemeinde übernehme. Die Zahl der jüd. Lehrerstellen nehme immer mehr ab, weil in weiten Kreisen das Streben nach Kommunalisierung der konfessionellen Schulen vorhanden sei. Dazu kommt, daß die kleineren und mittleren Gemeinden in ihrer Seelenzahl konstant zurückgehen, in den meisten Gemeinden der Provinz Posen in dem letzten Menschenalter um ca. 60 %. Dementsprechend ging die Zahl der jüd. Lehrer in dieser Provinz in den letzten 6 Jahren von 100 auf 83 zurück. Es bleibe nur noch der Ausweg, daß das Lehramt mit einem Kultusamt verbunden werde. In erster Reihe komme das Amt des Kantors in Betracht, das an Sabbat- und Festtagen nicht mit dem Amt des Lehrers kollidiere, und wo nur die gesangliche Anlage vorhanden sei — die Gemeinde würde hierin mit der Zeit ihre Ansprüche bedeutend herabsetzen — solle sie mit allen Mllteln ausgebildet werden, damit der Lehrer zugleich als Beamter oder wenigstens als Baal Tefilla fungieren könne. Das Amt des Predigers erfordere eine umfangreichere Vorbildung. Die Verbindung des ständigen Predigerberufes mit dem Lehramt sei nicht gut durchzuführen, wo indessen Lust und Fähigkeit vorhanden, solle es dem Lehrer empfohlen sein, dem Wunsch der Gemeinde nach einer Predigt bei besonderen Anlässen entgegenzukommen. Daß das Amt des Schächters mit dem Lehramt verbunden werde, sei allerdings vom Standpunkt des Ideals nicht wünschenswert, wenn auch etwas den Lehrer Herabwürdigendes in dem religiösen Akt der Schechita und Bedika durchaus nicht gefunden werden könne. Wenn indessen eine kleine Gemeinde nur einen Beamten anzuftellen imstande sei und deshalb häufig zu sehr ungeeigneten Elementen ihre Zuflucht nehmen müsse, wobei der Unterricht dann sehr leide, wäre es von großem Nutzen, wenn sie einen Lehrer erhalten könnte, der auch die Schechita versehen könne. Obligatorisch solle dieser Unterricht nicht für die Lehramtskandidaten sein, aber im Interesse der Gemeinde, im Interesse der Lehrer selbst und der Erhaltung des jüdischen Lehrerstandes sei es jedem Lehrer anzuempfehlen, auch in dem Fach des Kultusbeamten eine gediegene Ausbildung zu erstreben. Der Vorsitzende dankt dem Herrn Referenten für seinen Vortrag. Blumenfeld-Schweidnitz erklärt zum Vortrag von Bähr- Waldenburg, daß so manches viel zu schwarz dargestellt sei. Für jeden Beamten sei es möglich, sich die Achtung zu verschaffen, die er verdiene. Eine Ueberlastung mit Berufsgeschäften trete bei dem Kultusbeamten auch nicht ein, da sie lange nicht so sehr in Anspruch genommen wären, wie die Lehrer. Löwenstein-Glatz erklärt die ganze Misere der Kultusbeamten aus dem Umstand, daß sie nicht definitiv angestellt wären. Herr Dr. Guttmann - Breslau meint, daß es traurig um das Judentum bestellt sein würde, wenn die Verhältnisse in den Gemeinden so lägen, wie sie vom Vortragenden (Bähr) heute geschildert seien. Achte der Kultusbeamte auf seine Würde, so werde er selbst und seine Leistungen auch geachtet werden. In Bezug auf das Referat des Herrn Dr. Freund wolle er bemerken, daß cs wohl für angemessen zn erachten sei, . wenn der Lehrer, der einen entsprechenden Bildungsgrad besitze, das Amt eines Predigers ausüben dürfe und auch solle. Er weise auf die Westprovinzen hin, wo in vielen Gemeinden die Lehrer gleichzeitig auch die Funktionen des Predigers ausüben. Brock-Hirschberg findet, daß Kollege Bähr die Verhältnisse nicht zu schwarz hingestellt habe. Es bedürfe dringend einer Vereinigung der Kultusbeamten, um Aren Interessen wahrzunehmen. Tintner-Bunzlau bemerkt, daß nicht die Ausübung der Schechita die Achtung für den Kultusbeamtenstand verringere. Nur solle jeder Beamte auf ein würdevolles Thun achten, dann werde ihm auch mit Respekt entgegengetreten. Bähr erwidert, daß, wer als Kultusbeamter fungiere, am meisten die Schattenseiten des Berufs herausfühlen müsse. In einer großen Stadt lägen die Verhältnisse für die jüd. Beamten wohl günstiger, in den kleineren Gemeinden dagegen seien sie notorisch recht traurig. Er weise auf eine Gemeinde hin, die ihrem Beamten nach 24jähriger Dienstzeit gekündigt habe, weil er ihr nicht mehr dienstfähig genug erschienen sei. Herrn Dr. Freund gegenüber wolle er bemerken, seit wann das Predigen nur Domäne der Herren Rabbiner sei? Mit dem Vorschlag des Herrn Prof. Dr. Badt, eine Sektion innerhalb des jüd. Lehrervereins von Schlesien und Posen zu schaffen, erkläre er sich einverstanden und beantrage: Die Generalversammlung des Vereins israelit. Lehrer in Schlesien und Posen hält es in Anbetracht der mißlichen Lage der Kultusbeamten für wünschenswert, innerhalb des Vereins eine besondere Kultusbeamten - Abteilung zu nachdrücklichster Wahrung ihrer gesamten wirtschaftlichen und Standesinteressen zu bilden. Dieser Antrag wird von der Versammlung angenommen. Auch gegen die Resolution des Herrn Dr. Freund-Ostrowo im Anschluß an seinen Vortrag: „Mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der Gemeinden, die nicht imstand sind, für jedes Ressort einen besonderen Beamten anzustellen, ist es den Lehrern zu empfehlen, sich auch für ein Kultusamt (Prediger, Kantor, Schächter) vorzubilden", wird bis auf die oben erwähnten Gegenbemerkungen ein Widerspruch nicht erhoben. Der Herr Vorsitzende belichtet jetzt über das Vereinsjahr. Er erinnert an die im Lauf des Jahres verstorbenen Mitglieder, den