Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- Seite 793 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 50 Israelitische Wochenschrift. Seite 793. Berlin, 13. Dezember. (Altenheim.) In der Angelegenheit der Begründung eines gemeinsamen Heims im Westen für wirtschaftlich selbständige Männer reiferen Alters hat gestern eine Besprechung von Interessenten stattgefunden, die zur Einsetzung eines Komitees führte. Aufgabe dieses Komitees ist es, alle vorbereitenden Beratungen zu pflegen, die der Ausführung des Planes voraufgehen müssen. Berlin, 9. Dezember. (Vortrag.) Am vorigen Mittwoch hielt in einer Bezirksversammlung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (Schönhauser Allee 10/11) Herr Rabbiner Dr. Ackermann aus Brandenburg a. Havel einen Vortrag über „Die Ergebnisse des Jahres 1900". Der Vortrag, der vortrefflich war, behandelte in seinem wesentlichsten und wirksamsten Teil die Vorkommnisse von Könitz und Polna. Herr Dr. Ackermann, dessen ungewöhnliche Redegabe jede Anerkennung verdient, hat unsere Zeitung mit Nutzen gelesen, er hat vollständig in sich aufgegenommen, was hier über das Thema gesagt worden. Wir wünschen uns recht viele Leser, die das hier Dargebotene mit gleicher Aufmerksamkeit zu erfassen und es mit gleicher Ueberzeugungsfestigkeit wiederzugeben wissen. Der Vortrag fand reichen Beifall. Berlin, 12. Dezember. UV er eins fest.) In der letzten Sitzung des Vereins ehemaliger Schüler der Knabenschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hielt Herr Musikdirektor William Wolff einen Vortrag über Musikgeschichte, der von der stark besuchten Versammlung sehr beifällig ausgenommen wurde. Daran schloß sich ein geselliges Beisammensein, bei dem einige Vorträge heiterer Art stattfanden. Der Verein feiert sein erstes Stiftungsfest am 6. Januar 1901 in den Sälen Oranienburger Straße 18. Biüets zu 1 Mark sind bei den Vorstands-Mitgliedern und bei demnächst bekannt zu gebenden Mitgliedern des Vereins zu haben. Magdeburg, 10. Dezember. (Von der Philippson- Feier.) Aus der Festrede unseres Rabbiners, der Sie in voriger Nummer Erwähnung gethan, verdient eine Stelle, die Philippson's religiöse Richtung kennzeichnete, hier wiedergegeben zu werden: „Philippson war nicht, wie man von gewisser Seite so gern betont, ein Reformheld, er gehörte vielmehr zu den Vermittelnngstheologen, die das Alte mit dem Neuen, Lehre und Leben zu versöhnen suchten. Er stand, wie es vom ersten Hohenpriester Ahron heißt, „zwischen den Toten und den Lebenden", d. h. zwischen den starren Anhängern der abgelebten Formen, und den Anforderungen des neu erwachten Lebens, versöhnte zwischen beiden und hielt so den gänzlichen Verfall auf. Ec selbst sagte von sich: „Ich bin kein sogenannter Reformjude, denn die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag, die Beseitigung der Beschneidung, die Entfernung des Hebräischen aus dem Gottesdienst, die Abschaffung aller alten Symbole u. s. w., kurz die gänzliche Loslösung vom historischen Boden des Judentums, die völlige Negation des Gesetzes, und selbst die Zweideutigkeit und Zweifelhaftigkeit in der Lehre, alles dies ist eine solche Zerstörung des konkreten Judentums, ist eine solche Verleugnung seiner innersten Prinzipien, daß es ihm mehr dem Namen als dem Wesen nach nahesteht". Auch aus einem vom Redner zitierten Gedicht Philippsons seien hier einige Strophen mitgeteilt: Willst du ein kräftig Leben Auf Erden, Jude, führen. So laß von Hohn und Lockung, Von beiden dich nicht rühren. Der Welt mußt überlassen Den Rat und den Verrat, Selbsteigen dir gewinnen Die Ernt' aus deiner Saat. Den Menschen und den Juden Mußt du in dir vereinen. Doch so, daß sie als Eines In deinem Thun erscheinen. Ja, das beweise, Jude, Mit deinem Gut und Blut, ' Mensch ist der rechte Jude, Der rechte Mensch ist Jud'! So adle die Gesinnung, Die deiner Brust erblühet, Und göttlich sei die Flamme, Dir dir im Busen glühet. Bor allem aber bleibe Auf immer dir getreu, Als Jude dich bekenne Ohn' Furcht und ohne Scheu! Wenn du als Jude wurdest, So hast du Ihn empfangen. Und nur als Jude kannst du Zu Herrlichem gelangen. Vergebens willst du fliehen, Dich selbst zerstörst du nur. Dein eigen Selbst zerbröckelt Dein treulos falscher Schwur. Stolp, 9. Dezember. (Ableben Raphael Wolffs.) Unsere Gemeinde hat einen herben Verlust erlitten. Am 3. d. M. verschied nach langen, schweren Leiden der weit über die Kreise unserer Stadt hinaus bekannte und hochgeachtete Herr Raphael Wolff, seit 30 Jahren Mitglied des Vorstandes und während eines großen Teiles dieser Zeit erster Vorsteher unserer Gemeinde, zugleich eines der angesehensten Mitglieder der Stadtverordneten-Versammlung. Die Trauerfeier fand Freitag im Haus des Verblichenen in Gegenwart der Familie, der Gemeindevertretung, der Spitzen der städtischen Verwaltung u. s. w. statt. Herr Rabbiner Dr. Kalischer hielt die Leichenrede in Anknüpfung an den Text: „Weinet nicht um ihn als um einen Toten und bejammert ihn nicht als gestorben, weinet darob, daß er von uns gegangen!" In meisterhafter, allen Zuhörern tief zu Herzen gehender Weise entwarf der Redner ein Bild des Lebens und der Verdienste des Heimgegangenen. Darauf wurde die Leiche unter großer Beteiligung der Bevölkerung zum Friedhof überführt, und nach einem Gebet am Grabe wurden die sterblichen Reste der Erde übergeben. Frankfurt a. Main, 9. Dezember. (Talmud-Thora- Verein.) Der hiesige, sehr verdienstlich wirkende Talmud- Thora-Verein veranstaltete in diesem Jahr wieder regelmäßige Lehrvorträge. An jedem Freitag Abend, nach Schluß des