Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- Seite 790 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 790. Israelitische Wochenschrift. Nr. 50. religiösen Gemeinschaft Israels den Götzendienst auszuzwingen. . Auch ist das eine geschichtliche Thatsache, die nicht zu bezweifeln ist. Allein, wer hat Antiochus auf diesen verderblichen Plan gebracht? Die Antwort fällt leider zu unserer Beschämungaus: Abtrünnige Israeliten, die von dem äußern Glanz des Heidentums geblendet waren und sich gegenüber der herrschenden Majorität ihres Namens und ihrer Geburt schämten, die waren es, die die finstern Zustände hervorriefen. Es waren das aber nicht blos die welken und vergilbten Blätter, es war das nicht blos der unbeachtete und ungebildete Teil des Volks, der da in den Schlamm des Verderbens versank, sondern gerade die Vornehmen und Angesehenen, die durch Adel, Stellung und Wissen Hervorragenden, die die Giftsaat der Verführung ausstrcuten und so der überlieferten Religion die Herzen abwendig machten. Aber gerade in dieser gefahrvollen Krise zeigte sich jene wunderbare Naturheilkraft des israelitischen Volks, die die ganze Lebenskraft gegen die allgemeine Störung des Organismus einsetzte, um sie zu beseitigen. Darin liegt zugleich die Lehre von der ewigen Verjüngungskraft Israels deutlich ausgeprägt. Bekanntlich geht die Philosophie der Geschichte von der Anschauung aus, daß Völker, gleich jedem einzelnen organischen Dasein, demselben Prozeß des Ausfteigens, Höhepunkts und Niedergangs unterworfen sind. Diesen Prozeß haben alle Kulturvölker, so weit sie uns geschichtlich bekannt sind, durchgemacht; nur das Judentum bildet eine Ausnahme von dieser Regel. So oft das Judentum der Gefahr der Auflösung nahe zu sein schien, sei es durch zerstörende äußere Gewalten, sei es durch inneres Kränkeln, so oft erhob es sich wieder zu neuem Leben. Welche unermeßlichen inneren Krisen hat das Judentum schon durchgemacht und siegreich überwunden! Da waren die Massenübertritte in der nachmendelssohn'schen Zeit der seichten Aufklärung; da waren die unzähligen gewaltsamen Bekehrungen während des ganzen verfolgungssüchtigen Mittelalters, da war vor allem die eine staunenswerte Thatsache, daß das Judentum von seinen zwölf Stämmen zehn verlor, die ganz verschollen; und doch ist das Judentum geblieben! Und wenn auch nur ein kleines Häuflein Ueberzeugungstreuer übrig geblreben, es repräsentiert in sich die jüdische Gesamtheit, denn es schließt in sich das oben erwähnte organische Prinzip, das mit unsterblicher Kraft das Verlorene' aus sich selbst immer auf's Neue ergänzt. Chanuka bezeichnet nicht nur die Vollendung eines Erlösungswerks der Vergangenheit, sondern indem es uns die moralische Erhebung der Makkabäer gegenüber der feigen Nachgiebigkeit und der Fügsamkeit der Knechtseligen und Schwachen vorführt, steht es als leuchtendes Beispiel der ewigen Verjüngungskraft Israels da. Mmn israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen. Breslau, den 6. Juni 1900. Vormittags 9 Uhr fand die General-Versammlung der Unterstützungskasse des Vereins statt. Der Vorsitzende erstattet den t Jahresbericht, hebt hervor, daß die Beteiligung seitens der Lehrer an der Kasse immer noch viel zu wünschen übrig lasse und fordert die Mitglieder auf, eifrig für die Kasse bei den Gemeinden und bei den Mitgliedern zu agitieren. Hervorgehoben wird, daß die Vereinigung jüdischer Lehrer Oberschlesiens das Schreiben des Vorstandes der Kasse, in dem derselbe um Förderung seiner Interessen bittet, nicht beantwortet hat. Es folgt der Kassenbericht des Schatzmeisters Herrn Simon Pfeffer. Der Inhalt ist den Mitgliedern bereits durch die ihnen zugegangenen Drucksachen bekannt. Auf Antrag des Revisors Herrn Baruch wird dem Schatzmeister und dem Vorstand Entlastung erteilt, durch Erheben von den Plätzen den Herren der Verwaltung der Dank der Versammlung ausgesprochen. Zur einstimmigen Annahme gelangt der Antrag Blumenfeld-Vadt: „Mitglieder, die das siebzigste Lebensjahr zurückgelegt und zwanzig Jahre ihre Beiträge gezahlt haben, sind von ferneren Beiträgen befreit. Sie behalten das Stimmrecht und das Recht der Wahl in den Vorstand, so lange sie keine Unterstützung von der Kasse beziehen." — Die bisherigen Vorstands-Mitglieder und Revisoren werden wiedergewählt. Um 10 Uhr beginnt die General-Versammlung des Vereins israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen. Anwesend waren 37 Mitglieder und 8 Gäste, entschuldigt die Herren: Dozent Dr.- Brann-Breslau, Rabbiner Dr. Peritz-Liegnitz, und Hauptlehrer Herbst-Lissa. Herr Rabbiner Dr. Guttmann-Breslau heißt die Versammelten herzlich willkommen und erklärt, auf Wunsch des behinderten Vorsitzenden einstweilen den Vorsitz übernommen zu haben. Gegen den Vorschlag des Herrn Dr. Guttmann-Breslau, den bisherigen Vorstand durch Zuruf wiederzuwählen, erhebt Bähr- Waldenburg Widerspruch; dieser wünscht, um die Interessen des Kultusbeamtenstandes besser gewahrt zu wissen, einen Kultusbeamten im Vorstand. An der Debatte beteiligen sich die Herren Dr. Guttmann-Breslau, Blumenfeld-Schweidnitz, Bähr, Roßkamm- Fordon, Tintner-Bunzlau, und Brock-Hirschberg. Kollege Bähr erklärt, es läge ihm fern, irgend einem der bisherigen Mitglieder des Vorstands zu nahe treten zu wollen. Professor Dr. Badt wird durch Akklamation wiedergewählt, ebenso der Schriftführer Mocps-Breslau. Die Wahl des stellvertretenden Vorsitzenden erfolgt durch Zettelwahl. Alle abgegebenen Stimmen vereinigen sich auf Kollegen Herbst-Lissa, dessen Wiederwahl von der Versammlung mit großer Befriedigung ausgenommen wurde, Roßkamm- Fordon dankte im Namen des abwesenden Herrn Herbst für diesen neuen Beweis des Vertrauens. Es folgt das Referat des Kollegen Bähr-Waldenburg über: „Die Lage der Kultusbeamten in den kleinen und mittleren Gemeinden des Ostens." Redner hält es für eine Pflicht der Kultusbeamten, etwas zur Hebung und Besserung ihrer Lage zu unternehmen. Redner schildert eingehend die mißliche Beschaffenheit der wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse dieses für die Erhaltung des Judentums' so nötigen Standes, die unzureichende Besoldung, den kündbaren und zu Pension nicht berechtigenden Anstellungsmodus, der ihn „vogelfrei" mache, ihn „in den glücklichen Tagen" der Laune und Willkür der Gemeinde ausliefere, und im Alter oder bei sonstiger Arbeitsunfähigkeit dem „Rachmonus" preisgebe. Noch mißlicher sei vielleicht seine sociale Stellung, die weder seiner Vorbildung noch dem ihm anvertrauten Amt entspreche. Er esse sein Brot mit Thränen. Diese traurige Lage müsse verbessert werden, nicht nur im Interesse der Kultusbeamten, sondern mehr noch vielleicht im Interesse der Gemeinden selbst, weil unter den obwaltenden Umständen der Kultusbeamtenberuf keinen Zuwachs erhalten könnte und thatsächlich schon über Mangel an brauchbaren Beamten geklagt werde. Die Mög-