Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- Seite 789 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 50. Israelitische Wochenschrift. Seite 789. Die ewige Nerjüngililgskrast Israels. (Zum Chanukafest.) Von Rabbiner Dr. B.^Seligkowitz-Cöthen. Eine starke Unterstützung für die Anschauung von dem einheitlichen Wesen Israels als eines organischen Ganzen mußte zu jeder Zeit der klare Einblick sein, der diesem Volk vor allen übrigen Völkern der Erde in den ersten Anfang seiner Geschichte vergönnt ist. Hier schaut Israel die dreifache Grundsäule der drei Erzväter, auf der der ganze Bau seines Volkstums errichtet ist; und diese dreifache Grundsäule ist eine Einheit, die geschlossener nicht gedacht werden kann. Verstärkt nnrd der Eindruck von der wurzelfesten Einheit, aus der Israel hervorgegangen ist, noch dadurch, daß von Anfang an die Erzväter nicht als Männer hingestellt werden, die ihre Zeit leben und dann dahin sind, während ihre Nachkommen an ihre Stelle treten, sodaß sie nur die Durchgangspunkte wären und verschwindende Momente, durch die die Entwicklung des Volks hindurchgeht, um sie demnächst als abgethan und verbraucht hinter sich zu lassen; sondern diese persönlichen, individuellen Anfänge Israels gelten als beharrend und fortwirkend; sie selbst sind es, die laut der Verheißung zu einem großen Volk gemacht werden sollen; ihnen selbst wird das Land zum Besitz verheißen; sie besitzen es also in ihren Nachkommen. Demnach muß wohl Abraham „wie das Urgestein, aus dem Israel gehauen ist", eine bleibende Bedeutung für sein Volk behalten, und Israel schaut wiederum in diesem Anfang immerdar, selbst in seiner Geteiltheit und Zerrissenheit, seine einheitliche Natur auf eine lebendige und unmittelbare Weise. Und wenn das Volk seine Mannigfaltigkeit und Fülle in der Familie Jakobs vorgebildet findet, wenn es alle seine Hauptunterschiede auf die verschiedenen Stämme und somit auf die zwölf Stammväter der Anfangszeit zurückführt, so hat es neben dem Bewußtsein des Unterschiedlichen zugleich immer auch das Bewußtsein der Einheit, nämlich der Einheit des Hauses; wie sich denn das Volk Israel bis in die spätesten Zeiten sehr gern das „Haus Israel" nennt. Dieses Bewußtsein der Einheit des Hauses konnte selbst dann nicht vernichtet werden, als die Unterschiede innerhalb des Volks zu feindlichen Gegensätzen geworden waren, denn in der häuslichen Urheimat Israels, in dem Haus des Patriarchen Jakob schaute Israel einen Gegensatz, der feindlicher und schrecklicher nicht gedacht werden kann, und dennoch löste sich dieser Gegensatz durch wundersame Fügung in die herrlichste Einheit wieder auf. Schon diese geschichtlichen Grundanschauungen, die recht eigentlich das Selbstbewußtsein Israels konstituierten, erklären es hinlänglich, wenn sich das Gefühl der verbindenden Einheit als eines organischen Ganzen in dem Volk auf eine starke Weise ausprägte. Besonders lehrreich und bedeutungsvoll ist die Voraussetzung dieser organischen Einheit des Volks, die wir in den gesetzlichen Vorschriften über die Reinigung der Volksgemeinde von einer ihr anhaftenden Befleckung wahrnehmen. Das Gesetz zeigt nämlich, daß gerade da, wo an irgend einem Punkt eine augenfällige und gewaltsame Unordnung vorliegt, die Einheit und Ganzheit des Gesamtwesens ihre höchste Kraft zu erweisen habe. Obwohl nämlich eine solche Unordnung oder Befleckung einen bestimmten und beschränkten Sitz hat, so hat das Gesetz offenbar daneben die Grundanschauung, daß das Uebel niemals ein rein örtliches ist, sondern jedesmal das ganze Volksleben irgendwie davon asfiziert zu denken ist. Der Grund dieser Anschauung ist natürlich der, daß das Volksleben als ein organisch in sich zusammenhängendes gedacht ist, und demnach, wenn irgendwo eine Störung vorhanden ist, diese sich auch notwendig dem Ganzen Mitteilen müsse. Freilich erscheint nach dieser Anschauung jedes Uebel weit schlimmer und gefährlicher, als wenn man es nach dem Augenschein beurteilt und für sich faßt. Allein gerade hier liegt das Geheimnis! Gerade dann, wenn der ganze Organismus des Volks ein lebendiges Verhältnis hat zu der Störung, so hat der Organismus auch die Fähigkeit, so weit noch in ihm gesunde Lebenskraft übrig ist, diese Lebenskraft gegen die Störung einzusetzen und sie gründlich zu beseitigen. Der Organismus kann dies freilich nur so, daß er sich selbst von dem ihn durchdringenden Anteil der Krankheit reinigt. Nur auf diesem Weg wird auch das Ganze gerettet und flndet eine wirkliche Wiederherstellung statt. Auf dieselbe Weise unterscheidet sich das Verfahren des Arztes von dem des Quacksalbers; dieser beurteilt die Krankheit nach ihren äußeren Symptomen, und seine Behandlung ist auch nur auf diesen Punkt gerichtet. Wenn aber der kranke Teil nicht in seinen» Zusammenhang erfaßt wird, so ist auch die Heilung keine Wiederherstellung, und deshalb der Fall häufig genug, daß eine solche mechanische Beseitigung eines Uebels nur ein schlimmeres und größeres Uebel im Gefolge hat. Der Arzt dagegen erforscht vor allem den Zusammenhang, in dem die Krankheit mit dem ganzen Organismus steht, und erst wenn er darüber Gewißheit hat, kann er die Heilung beginnen, und das nur so, daß er die Reaktion des Gesamtlebens gegen die Störung in Bewegung setzt und befördert. Aus solchen Grundanschauungen von der Natur des israelititschen Volkslebens ruhen die Bestimmungen, die das Gesetz in Bezug auf eingetretene Störungen feststellt. Als einer aus Israel den heiligen Namen gelästert hatte, wird auf besonders geschehene Anfrage von Gott der Bescheid erteilt, daß die ganze Gemeinde ihn steinigen soll, nachdem zuvor alle, die seine Lästerung angehört, ihre Hände auf das Haupt des Lästerers gelegt haben werden. Das Bewußtsein des Gesamtlebens ist ein so ausgebildetes, daß eine so starke Abnormität, wie die Lästerung des heiligen Namens, garnicht gedacht werden kann, ohne daß in dem Gesamtorganismus auch ein Mißverhältnis zu dem heiligen Namen vorhanden ist. Diese Grundanschauung von der Gesamteinheit Israels als eines einheitlichen Organismus ist später in dem Satz ausgedrückt worden: „alle Mitglieder Israels müssen für einander einstehen und bürgen"; wie dem Ganzen die Schuld und Schwäche, die Sünde und Unwürdigkeit des Einzelnen zugerechnet wird, so ist auch ein jeglicher einzelne verpflichtet, durch sich und in sich das Ganze zu tragen und zu Ehren zu bringen. Betrachten wir nun von diesem Gesichtspunkt die Bedeutung des Chanukafestes. Man ist gewohnt, die Schuld jener traurigen Zustände, die den Makkabäerkampf hervorriefen, dem tyrannischen Gelüst des Antiochus zuzuschreiben, der