Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- Seite 788 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 788. Israelitische Wochenschrift. Nr. 80. in ihrer erbärmlichen Feigheit die Damen mit Fußtritten und Stockhieben regaliert hatten, da enthüllte Herr Nordau in der „Neuen Freien Presse" die inneren Ursachen jener empörenden Scenen. Die Ursachen waren nach ihm die Weiber; nicht die Verrohung und moralische Verkommenheit der jeunesse doree, sondern die Emanzipationsbestrebungen der Frauen. Herr Nordau sagte: „Die Frauenbewegung führt mit schlichter Folgerichtigkeit zu den Stockhieben und Fußtritten des Bazarkampfes. Wem diese Wirkung nicht gefällt, der übe seine Kritik an den Ursachen. Wer die vollkommene Gleichstellung beider Geschlechter fordert, der rechne mit der Niedertrampelung der Frau in Feuersgefahr und Wassersnot, überhaupt jedesmal,Hwenn das Weib dem Mann ein wenig im Wege ist". Dazu bemerkt die „Wiener Arbeiter-Zeitung" mit Recht: „Bleibt noch die Frage offen: Wer ist gemeiner, die tapferen Salonlöwen, die Frauen einfach niedertreten, wenn sie ihnen iin Wege sind — oder der philosophierende Schreibknecht der „Neuen Freien Presse", der die Handlungsweise dieser Feiglinge „wissenschaftlich" zu begründen sucht". Nunmehr hat Nordau unternommen, die Instinkte des antisemitischen Pöbels höherer und niederer Gattung „wissenschaftlich" und „historisch" zu bekräftigen. Max Nordau empfiehlt, den Juden die Gleichberechtigung zu verweigern, um die antisemitischen Instinkte der Massen nicht zu verletzen und nicht zu^reizen. Dagegen hat der unvergeßliche Zacharias Frankel („Die Eidesleistung der Juden"., VII.) den Regierenden zugerufen: „Es ist die Aufgabe der Staatsregierungen, die Völker so zu leiten, daß sie für Recht und Menschlichkeit ihre Stimme erheben denn die Richtung muß von oben herab gegeben werden, und ist die Meinung der Negierung auf Gerechtigkeit und Humanität basiert so lernt das Volk nach und nach in solche Meinung eingehen". Herr Nordau tröstet uns damit, daß die Emanzipation uns überhaupt keinen Segen gebracht hat und wir ihren Verlust nicht zu beklagen brauchen. Er sagt: „Die Emanzipation hat einige jüdische Parlamentarier groß gezogen, die nie einen Gedanken, nie ein Wort für jüdische Interessen übrig hatten und deren temperamentvolles, nicht selten vordringliches Auftreten den glostenden Judenhaß zu wilder Flamme anfachte". Es genügt, die Namen: Adolf Cremieux, Gabriel Riesser, Johann Jacobi, Eduard Laster, Ludwig Bamberger, Moritz Hartmann, Heinrich Simon, Ignaz Kuranda, Adolf Fischhof und Dr. Kosch zu nennen, um die vollständige Unwahrheit dieses Diktums auch das blödeste Auge klar erkennen zu lassen. Die Idee einer neuerlichen Entrechtung der Juden datiert allerdings bei den Zionisten nicht erst von heute. Der bekannte Wortführer der christlichen Zionisten, Professor F. Heman in Basel, sagt in seiner Schrift zur Befürwortung und Empfehlung des zionistischen Gedankens: „Die Judenfrage ist in ein neues, großes und, wie zu hoffen ist, heilversprechendes Stadium getreten; es ist das Stadium, da die Juden ihre Lösung selbst in die Hand nehmen wollen". „Die einzige Lösung ist, daß man den Juden ihr altes Heimatland giebt. So lange^sie kein eigenes Heimatland haben, ist der Staat, in den sie gehören, moralisch und völkerrechtlich verpflichtet, sie zu Vollbürgern anzunehmen und als solche zu behandeln. Der Staat hat weder das Recht noch irgend einen anderen Grund, die Juden nur als Bürger zweiter Klasse mit beschränkten Rechten zu behandeln . . ." „Das wird aber anders, wenn sie in Palästina einen wohlgeordneten, eigenen und selbständigen Staat bilden . . .!!" „Dann kann man auf einen Tag die Juden vor die Option stellen mit der Frage, wollt ihr Juden sein, Bürger Palästinas, dann werdet ihr nur die Rechte und Pflichten von ausländischen Niedergelassenen bei uns haben, und euere Konsuln werden wachen, daß ihr in keinem dieser Rechte gekränkt werdet; aber wollt ihr echte volle Deutsche sein, dann werdet ihr es ganz und voll werden müssen, dann müßt ihr die Beschneidung, das unauslöschliche Merkmal des Judenstammes und der jüdischen Nationalität, aufgeben. Desgleichen die Speiseverbote, die euch mit Deutschen zu essen und zu trinken verbieten; desgleichen werdet ihr euch mit den deutschen Toten in gleicher Reihe und nicht an gesonderter Stätte begraben lassen müssen, dann müßt ihr auch den Sabbat aufgeben, der euch hindert, mit den Deutschen zu arbeiten und zu ruhen. Dann sollt ihr aller Deutschen Ehre und Ehrenstellen, falls ihr euch würdig zeigt, teilhaftig sein, dann werdet ihr allmählich euer jüdisches Temperament, eure jüdische Körperkonstitution und Physiognomie verlieren und in der deutschen Race aufgehen, und dann seid ihr Deutsche, gegen die wir keine Antipathie mehr hegen. Das wird eine gründliche, zwangslose Lösung der Judenfrage sein, denn es wird in jedes Juden freiem Willen gelegen sein, das Judentum und die jüdische Nationalität oder das Deutschtum und deutsche Nationalität zu optieren". Anderthalb Jahrtausende haben wir unser Heimatsrecht im Vaterland mit dem Märtyrerblut unserer Ahnen heldenmütig verteidigt, an den Fortschritten und der Entwicklung der nationalen Kultur und Literatur unser redlich Teil mitgewirkt, um schließlich vor die Wahl gestellt zu sein: entweder unter den Schutz des Fremdenrechts uns zu begeben oder die Taufe zu nehmen! Ob das problematische Staatengebilde von Bestand bleibt und die Bürgschaften der Dauer enthält, — die Bodenfläche bietet nach Heman blos für eine Million neue Einwanderer Raum — der restierende Teil der derzeitigen jüdischen Bevölkerung von sechs Millionen, der in Europa verbliebe, würde zu optieren haben zwischen dem Fremdenrecht und der Taufe. Bis heute hat kein einziger Führer der Zionisten Gelegenheit genommen, gegen dieses Programm des „christlichen Parteigenossen" energisch Verwahrung einzulegen, obgleich wiederholt die Verderblichkeit und Gefährlichkeit solcher Aeußerungen ihnen vorgehalten wurde. Warum schweigen die sonst so redefertigen, schriftgewandten, streitlustigen Herrschaften? Im Gegenteil, die Schrift des „christlichen Zionisten Professor Heman" wurde in dem offiziellen Organ der zionistischen Partei wärmftens empfohlen. Unterdeß scheint Professor Heman längst überholt: während dieser mit der Entrechtung der Juden in Europa bis zur Etablierung des Judenstaates in Palästina warten wollte, scheint Herrn Max Nordau diese Zeit etwas lange zu dauern. Er sagt, daß er „schamrot" wird wegen den Thaten seiner Väter. Herr Nordau renommiert: er wird nicht schamrot, nicht über seine Väter noch über etwas anderes — er kann nicht mehr schamrot werden. Wohl aber dürften seine Väter die Letzten, die Allerletzten unter den Juden gewesen sein, und sie wären immer noch berechtigt, über diesen „zionistischen" Enkel zu erröten.