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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-12-14 · 50 (14.12.1900) · p. Seite 786

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
50 (14.12.1900)
Date
1900-12-14
Page
Seite 786 (sequence 6)
Language
German
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Seite 786. Israelitische Wochenschrift. Nr. 50. Erde. Mit der Wahrheit läßt es sich nicht mäkeln, von der Wahrheit läßt sich nichts abdingen." Das sind wohl die historischen Dokumente und Schriftstücke, von denen Herr Nordau sagt, daß er sie nicht lesen kann, „ohne daß sich ihm Alles im Leibe herumdreht." So erweist sich die Anklage, daß. unsere Väter die Emanzipation unter falschen Vorspiegelungen erschlichen hätten, als Lüge. Diesem seltsamen Zionistenhäuptling gefallen nun einmal unsere Ahnen nicht. Schon über das Verhalten des großen Synhedrions unter Napoleon I. ist er empört: „Das Synhedrion benahm sich verächtlich", „gab zweideutige Antworten", „diplomatisterte nach beiden Seiten und betrog beide". Wahrlich, es wäre nicht zu verwundern gewesen, wenn die greisen Rabbinen, deren ganzes Leben im Studium der Bibel und des Talmud aufging, vor dem gewaltthätigen genialen Imperator, vor dem die Potentaten Europas sich zu Lakaien erniedrigt und um dessen Gunst sie in der demütigsten Haltung gebettelt haben, in Angst und Zittern gerieten. Indessen haben jene Männer, und man sollte das mit Dank anerkennen, die Bewunderung vor dem großen Kaiser mit der Würde des Judentums zu vereinigen gewußt. Einer der Deputierten bei der Notablen-Versammlung, Lipmann Cerf- Berr, sprach die zündenden Worte: „Vergessen wir, woher wir stammen! Nichts mehr von Elsässer Juden, nichts mehr von Portugiesen. Ueber den Erdboden zerstreut, sind wir doch nur ein einziges Volk, denselben Gott anbetend, und wie unser Gott es befiehlt, der Macht unterworfen, unter deren Gesetz wir leben". Und daß diese Versammlung auch dem großen Napoleon durch ihre Haltung einigermaßen imponiert haben dürste, zeigt die Botschaft, die er durch Mol^ ihr übermitteln l*ieß. In seiner Anrede bemerkte Mole: „In der That, wer wäre nicht von Staunen ergriffen beim Anblick dieser Versammlung von aufgeklärten Männern, erwählt unter den Nachkommen des ältesten Volkes! Wenn irgend eine Persönlichkeit aus den entschwundenen Jahrhunderten wieder auflebte und ihr Blick dieses Schauspiel träfe, würde sie sich nicht in die Mauern der heiligen Stadt versetzt glauben, oder würde sie nicht meinen, daß eine Umwälzung die menschlichen Dinge bis auf ihren Grund erneuert habe!" Herr Nordau klagte jene Männer des Verrats am Judentum an, weil sie auf die Frage über die Stellung zur Mischehe geantwortet haben: „Die Rabbinen dürfen eine Mischehe nicht einsegnen, erkennen aber einen Juden oder eine Jüdin, die eine Mischehe eingehen, als volle Religionsgenossen an". und auf die Frage, ob die Juden alle Franzosen als ihre Brüder und Frankreich als ihr Vaterland betrachten, mit Berufung aus die Satzungen des Judentums in Bibel und Talmud im Sinne eines gesteigerten Patriotismus geantwortet haben. Herr Nordau versteigt sich zu folgender Aeußerung: „Waren die 71 Synhedristen morsche Charaktere? Das darf man nicht ohne weiteres behaupten. Man muß eher glauben, daß sie innerlich vom Judentum schon abgefallen waren und für das bloße bequemere Verharren in äußerlichen ererbten Gewohnheiten keine Opfer mehr bringen mochten, auch geringe nicht". Unter diesen 71 Synhedristen saßen zahlreiche Männer, die ihr ganzes Leben dem Studium der Thora opferten, deren Sinnen und Trachten innerhalb der „vier Ellen des Gesetzes" eingeschränkt blieb. Diese Männer werden nun wegen angeblich nachsichtiger Haltung zur Mischehe von Max Nordau angeklagt, der als Zionistenführer eine Mischehe mit einer Christin geschlossen! Er beschimpft alle Vorkämpfer der Emanzipation als angebliche „Assimilanten", während er selber mit der hohen Würde des Zionistenhäuptlings es vereinbarlich hält, seinen väterlichen Namen „Südseld" durch Verwandlung in „Nordau" unkenntlich zu machen. Der Preis der eigenen Brandmarkung, der Selbstpersiflage scheint ihm nicht zu hoch und zu teuer gezahlt, um dem europäischen Judentum, das aus den Gemarkungen der Zivilisation sich nicht hinaus drängen lassen will, einen vergifteten Pfeil in den Rücken zu senden. Nordau dehnt seine schweren Anklagen unmittelbar bis auf unjere Zeit aus. In allen Ländern wurde die Emanzipation „erschlichen" und „erkrochen". „Die deutschen, die österreichischen, die ungarischen Juden standen bewußt oder unbewußt auf dem Standpunkt des napoleonischen Synhedrions, als sie in demütigwinselnden Gesuchen an Fürsten, Ministerien und Volksvertretungen um ihre politische Emanzipation flehten". Vorkämpfer für die Judenemanzipation in Oesterreich war vornehmlich der erste Präsident der Wiener Israelitischen Allianz, Josef Ritter von Wertheimer ruhmreichen Andenkens. Wie lauteten seine Argumente? Wir finden sie in der Schrift: „Die Juden in Oesterreich". S. 219. „Es ist aber auch nirgendwo vorgekommen, daß die jüdischen Kaufleute in Oesterreich sich minder rechtlich und ehrenhaft bewiesen hätten, als die christlichen, oder daß die jüdischen Soldaten weniger Mut und Ausdauer bewiesen hätten, als die christlichen, oder die jüdischen Aerzte weniger Hingebung als die christlichen, oder die jüdischen Handwerker und Arbeiter weniger Fleiß und Nüchternheit als die christlichen bewiesen hätten, oder daß die Juden überhaupt an Rechtlichkeit, Menschlichkeit und Vaterlandsliebe gegen ihre christlichen Mitbrüder zurückgestanden wären". S. 243. „Die heutige Zivilisation glaubt schon viel gethan zu haben, wenn sie diesen tausendjährigen Fahnenträgern nicht wie ehedem das kalte Mordeisen in die Brust stößt, vielleicht kommt noch eine andere, die sich schuldig fühlt, das Gewehr vor ihnen zu präsentieren". „Ja mit Stolz sagen wir es, wir Juden waren es, die zu einer Zeit, wo Hellas' Töchter noch mit Schwänen und Stieren Umgang pflegten, schon ein strenges Ehe- und Keuschheitsgesetz hatten, die Blutschande auf das Speziellste definierten, für die kriegsgefangenen Frauen sorgten und den Blutschänder mit dem Tode bestraften. Wir Juden waren es, die das Tier im Menschen zähmten, zügelten, fesselten, und von uns hat es die Welt gelernt". Der Führer im Emanzipationskampf in Deutschland war Gabriel Riesser. Er sagte wörtlich: „Darum nichts von Rechtfertigungen und Zugeständnissen!" „Demut und Bescheidenheit ziert den Starken, erscheint aber häßlich und ekelhaft, wenn sie der Uebermacht den feigen Tribut der Unterthänigkeit zollt". „Das ist die Bedeutung, das die Aufgabe unseres heutigen Kampfes, daß wir ohne eine andere Waffe, als die der Humanität, ohne einen anderen Stolz, als den der Menschenwürde, allem ver-

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