Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- Seite 785 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 50. Israelitische Wochenschrift. Seite 785. was ihre Führer mit ihr vorhatten und was ihre christlichen Gönner von ihr erwarteten. Sie blieb jüdisch. Die Regierungen waren enttäuscht, sie hatten etwas wie eine dunkle Empfindung, daß die Juden den Emanzipationsvertrag an ihrem Teile nicht erfüllt hatten." Schließlich bemerkt Nordau, daß er all diese der Geschichte angehörenden Schriftstücke nicht lesen kann, ohne daß sich ihm Alles im Leibe herumdreht. Diese Leichenschändung, diese frivole Besudelung der Gräber unserer Ahnen, die Max Nordau begeht, ist nichts als eine gewaltthätige Geschichtssälschung. Nordau beruft sich auf historische Dokumente und Schriftstücke..rjlßir nehmen uns die Erlaubnis, nach Dr. Blochs Wochenschrift einige Auszüge wörtlich der Beurteilung der Leser vorzulegen: Im englischen Parlament kam am 4. Dezember 1837 die Zulassung der Juden zur Verhandlung und zur Abstimmung. Der Führer der Katholiken, O'Conneü, hat feierlich sein Votum abgelegt zu Gunsten der Juden — ohne Spur jener niedrigen Hinterhältigkeit, der Herr Nordau einen maßgebenden Einfluß einräumt. Der Führer der Katholiken sagte lediglich: „Er möchte wohl wissen, ob irgend eine Klasse in ihrem bürgerlichen Betragen mehr Achtung verdiene und mehr Achtung genieße, als die Juden? Es gebe gar keine Gentlemen, die in der Gesellschaft mehr als sie vorgezogen würden. Das Amendement involviere das Prinzip der Gewissensfreiheit, und er unterstütze es von diesem Gesichtspunkt aus." Als im Jahr 1833 die Regierung in Sachsen die vollständige Emanzipation der Juden mit der Bedingung zugestehen wollte, daß der Sabbat aus den Sonntag verlegt werde, antworteten die jüdischen Gemeinden mit einer von Dr. Bernhard Beer verfaßten Petition, in der gesagt wird: „Sollte auf der uns zugemuteten Verlegung der Sabbatfeier auf den Sonntag bestanden werden, so müßten wir die Wohlthat der Emanzipation uns versagen, weil die Verlegung der Sabbatfeier, als unserem Gewissen zuwider, auf keine Weise und unter keinerlei Bedingung von uns zugegeben werden kann." In der badischen Kammer gelangte die Judenemanzipation am 15. Juli 1837 zur Verhandlung. Welcker hielt seine berühmte Rede und in der Einleitung sagte er: „Ich lese die Erklärung, welche die Juden gegeben haben, als man sie zu einem Zusammentritt aufforderte, um zu prüfen, welche Hindernisse der Emanzipation entgegenstehen. Sie antworteten, man werfe ihnen den Schachergerst vor. Mit ihren Religionsgrundsätzen aber wollten sie wenigstens nicht schachern; und wenn die Versammlung eiuberufen werden sollte, um eine Abänderung der Religion zu bewirken, so können diese Versammlungen zu keinem Resultat führen, da keine Versammlung kompetent sei, eine Abänderung zu bewilligen. Das war eine achtungswürdige Erklärung, und Jeder, der seine Religion achtet, wird so sprechen. „Ich will auch nicht von der Unverträglichkeit der Christen mit den Juden sprechen, woran die Letzteren schuldig sein sollen. Die christliche Religion, sagt der Bericht dcr Majorität, sei eine Religion der Liebe, und die Deutschen seien immer so gutmütig gewesen, daß die Schuld auf Seiten der Juden sein müsse. Haben etwa damals die deutschen Christen, als sie im Mittelalter die Juden gebraten haben, oder damals, wo in einer Zeit die christlichen Deutschen „Hepp! Hepp!" riefen, ihre Liebe zeigen wollen? „Man hat sich auf die öffentliche Meinung berufen, und dieses habe ich mit Schmerz gehört. Man sagt sonst von dieser öffentlichen Meinung, es gebe jetzt keine freie öffentliche Meinung bei der Unterdrückung der Presse, es könnten sich nur die gemeinen Interessen und Leidenschaften erheben, nicht aber die Menschen über ihre edleren Interessen sich verständigen. Nun soll aber auf einmal diese öffentliche Meinung zu Gunsten der Intoleranz und der bürgerlichen Rechtsungleichheit aufgerufen werden. Nur dasjenige, was mit den ewigen Grundsätzen der Gerechtigkeit und mit den ewigen Grundlagen der Religion von dem Volk als übereinstimmend erkannt wird, erkenne ich als öffentliche Meinung. Wenn aber augenblicklich Pöbelleidenschaften laut werden, wenn ein Hepp-Hepp-Rufen gegen die Juden entbrennt, so sage ich nicht, dieses sei öffentliche Meinung, sondern vielmehr eine Verirrung derselben. Lasse man die Presse frei, lasse man die edelsten Interessen sich geltend machen, so wird sich bald in unserem Baden, das aller Kultur zugänglich, die wahre, öffentliche Meinung bilden, und fehlt noch etwas, so sage ich Denjenigen, die sich auf die öffentliche Meinung berufen: Ihr Chorführer der öffentlichen Meinung, sprechet zuerst das Recht aus, und man wird Euch folgen." Dr. Ludwig Philippson wandte sich in der Zeit des deutschen Emanzipationskampfs an die christlichen Bürger Deutschlands mit der Bitte, den Kampf der Juden um ihr Recht zu unterstützen. Und in diesem Aufruf an die Christen Deutschlands heißt es wörtlich: „Israel hat den Beruf, die Lehre des alleinigen Gottes zu tragen, bis die Menschheit, die ganze Menschheit, sich zu ihr bekennt, die ganze Menschheit anbetet den geoffenbarten, einigen Gott! —-Da läßt sich nichts mäkeln, da läßt sich nichts abdingen, da kann es nicht heißen: was Ihr habet in Eurer Lehre, findet Ihr auch bei uns — da muß es heißen: wir können nicht werden wie^ Ihr, als bis Ihr geworden wie wir, als bis Ihr, ohne Zujatz, ohne Bedingung, ohne Klausel sagt: der geoffenbarte einige Gott, den Israel bekennt und anbetet seit vier Jahrtausenden, der allein ist Gott, Keiner außer ihm. — Ferner: Israel hat den Beruf, zu lehren: dieser einige Gott ist allbarmherzig und versöhnt durch sich selbst den Reuigen, den Zerknirschten. Da läßt sich nichts mäkeln, da läßt sich nichts abdingen, und so Ihr auch hierin nickt werdet wie wir, und so Ihr nicht verschmähet alles Menschenwerk, das zur Sühne und Versöhnung führe, außer Gottes Gnad' allein, bleiben wir Israel für und für. — Ferner: Israel hat den Beruf, zu lehren: ein Gesetz und ein Recht soll sein für alle Menschen. Also lehren uns unsere Propheten: Israel muß bleiben, bis daß die Gerechtigkeit auf Erden gegründet ist und das Heil Gottes bis an das Ende der Erde reichet, bis daß Krieg unter Menschensöhnen aufgehört und Haß und Zwietracht geschwunden, bis daß Ungleichheit die Menschen nicht mehr trennt und Recht keine Gnade, sondern Recht ist. Aber wenn Ihr Liebe uns bietet, so seid uns gegrüßt; Liebe brmgen auch wir Euch entgegen, denn Liebe ist ja das Gebot unserer Religion von Uralters her. Lasset Ihr uns Bürger und Volksgenossen sein — wie gern wollen wir es sein, mit Eifer umfassen wir es, und wir können es sein mit unserer Religion, mit unserer Lehre. Diese versagt uns nimmer, Wissenschaft und Kunst zu üben zum Heile und Nutzen der Menschen; diese gebietet uns, in Recht und Gerechtigkeit die Gewerbe des Lebens zu betreiben. Ja, nach Palästina ziehen wir nicht, die Stämme Israels richten wir nicht auf, wie der Prophet spricht, aber Gott hat uns gegegeben, den Völkern sein Recht zu bringen, das Recht auf Erden zu gründen, daß das Heil des Ewigen sei bis an das Ende der