Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- Seite 784 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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r > Seite 784. Israelitische Wochenschrift. Nr. 30. Das ganze deutsche Volk ohne Unterschied der Parteirichtung hat ein dringendes Interesse daran, das eigentümliche Dunkel gelichtet zu sehen, welches gerade diesen grausigen Mord umhüllt. Dem Vater des Ermordeten, dem Bauunternehmer Winter zu Prechlau, stehen nicht die Mittel zu Gebote, um seinerseits die vorhandenen Spuren soweit zu verfolgen, daß es gelingt, die Justiz zur Ergreifung der Mörder zu veranlassen. In der Stadt Könitz, in deren Mauern der Mord verübt worden, hat sich daher eine Vereinigung aus angesehenen Bürgern in Stadt und Land gebildet, welche sich das Ziel gesteckt hat, mit allen Kräften zu der Aufklärung des Mordes beizutragen und jede Spur rücksichtslos zu verfolgen. Diese Vereinigung wendet sich an alle Deutschen jeder Parteirichtung. Ein Jeder soll nach seinen Kräften zur Ansammlung eines ausreichenden Fonds beitragen, der unter Verantwortung der Unterzeichneten für eine sachgemäße Verfolgung der Spuren des Mordes verwendet werden soll. Wir bitten die Zeitungen aller Parteirichtungen, unser Unternehmen durch wiederholten Abdruck dieses Aufrufes zu fördern, und wir bitten jeden deutschen Bürger, für den guten Zweck sein Scherflein beizutragen. Der Ausruf trägt folgende Unterschriften: Boenig, kath. Pfarrer; Freiherr von Eckardstein, Rittergutsbesitzer auf Krojanten bei Könitz; Gebauer, Stadtrat und Mitglied des Westpreußischen Prov.-Landtages; Hammer, ev. Pfarrer; Heise, Stadtrat; Hilgendorff,Landtags-Abgeordneter für Konitz-Schlochau- Tuchel und Reichstags-Abgeordneter für Schlochau-Flatow; Klotz, Stadtrat; Osiander, Landtags-Abgeordneter für Konitz-Schlochau- Tuchel; von Parpart, Kreis-Deputierter und Mitglied des Westpreußischen Provinzial-Landtages; Schultze, Stadtrat; Schur, Stadtrat; Stockebrand, Stadtrat. In dem Ausruf wird behauptet, daß der Gymnasiast Winter „zu Tode gemartert" worden sei. Die Behauptung ist völlig haltlos, wenn man nicht annehmen will, daß die Thäter sie den Unterzeichnern des Aufrufs mitgeteilt haben. Das ist aber nicht anzunehmen, da sonst der Aufruf überflüssig und die Anzeige an die Behörden selbstverständlich wäre. So zeugt die Behauptung, die der Wahrscheinlichkeit widerstreitet, daß Winter das Opfer eines im Affekt begangenen Todschlags geworden, von einer vorgefaßten Meinung, die die Fähigkeit und die Absicht unbefangener Verfolgung aller Spuren ausschließt. Der Aufruf betont ferner den Willen seiner Urheber, „jede Spur rücksichtslos zu verfolgen", und deutet damit an, daß die zuständigen Behörden nicht pflichtgemäß jede Spur verfolgen, und daß sie „Rücksichten" genommen haben. Das unterschreiben Männer, die im bürgerlichen Verhältnis Geistliche, Grundbesitzer, Stadträte und Abgeordnete sind. * Es dürfte schwerlich schon vorgekommen sein, daß Personen aus diesen Kreisen in solcher Weise die Thätigkeit richterlicher und anderer Behörden öffentlich beurteilt hätten. Und dergleichen geschieht ohne Ahndung, ohne Repression seitens des Staates! Noch niemals haben Anarchisten Aehnliches wagen dürfen, ohne sofort von der Hand des Staates ergriffen zu werden. * -i- (Antisemitische Moral.) Wie haben mttgeteilt, daß 23 Dresdner Stadtverordnete eine Motion eingebracht haben, in der sie ihren zweiten Vorsteher, den Antisemiten Hartwig, eines Ehrenamts für unwürdig erklären, weil er nach einem in zwei Instanzen ausgesprochenen Gerichtsurteil in einem Grundstücksgeschäft wider Treue und Glauben gehandelt. Das Plenum des Dresdner Stadtverordnetcnkollegiums ist anderer Ansicht gewesen; mit 40 gegen 21 Stimmen hat es Herrn Hartwig als seines Ehrenamtes würdig bezeichnet. Die Antisemiten haben ganz recht: wer zu ihnen gehört, kann eines Ehre amts unmöglich unwürdig werden. * * * (Strafantrag gegen Graf Pückler-Kleintschirne.) Der israelitische Gemeinderat in Dresden hat gegen den Grafen Pückler, der jüngst dort die von uns skizzierte Rede gehalten, bei der Staatsanwaltschaft Strafantrag gestellt, ebenso gegen die Verbreiter jener Rede. *— Wir glauben nicht, daß der Erfolg ein anderer sein wird, als in Berlin. Doch bleibt es gut, wenn feftgeftellt wird, was auf gewissem Gebiet straflos ist. * * * * (Eine aufgelöste Pückler-Versammlung.) Am 10. d. M. wollte Graf Pückler wieder in Berlin vor einer „feinen" Gesellschaft sprechen. Er begann mit der Erzählung, daß er kürzlich in Halle und Dresden „tüchtig auf die Judenbande losgedroschen" habe. — Er kam nicht viel weiter, denn die Versammlung wurde polizeilich aufgelöst. Die „feine" Gesellschaft brachte dem Dresch-Grafen Hochrufe. Bemerkenswert ist, daß der edle Graf, der vor Gericht behauptet, er spreche nur „blumig", diesmal seinen „feinen" Hörern gegenüber die bedauernde Verwunderung ausdrückte, daß nicht 20—30 von ihnen sich zusammengethan hätten, um in den „Lokälern" die Juden zu verdreschen. Bemerkenswert ist das, auffallend ist es nicht. Antisemit sein, heißt Lügner sein. Ein ZioilifleuMm. Dr. Max Nordau hat in dem Zionistischen Moniteur einen Artikel veröffentlicht, in dem er sagt: „Es ist nicht wahr, daß unsere Väter die politische Gleichberechtigung erkämpft haben. Sie haben sie erschlichen und erlrochen, und ich, der Nachkomme, für den sie es gethan zu haben glaubten, werfe es ihnen, ohne mich für undankbar zu halten, bitter vor und werde schamrot, wenn ich diesen Abschnitt unserer neuen Geschichte lese" .. . „Die politische Emanzipation der Juden war eine Zweideutigkeit oder ein Mißverständnis. Die Staatsregierungen fassen sie als Pact auf, den sie mit den Juden schlossen und der den Juden eine Pflicht auferlegte, welche sie in ihren Gesuchen auf sich zu nehmen schienen, die Pflicht, in absehbarer Zeit im christlichen Volke^aufzugehen. Die Emanzipation sollte ihnen die Erfüllung dieser Pflicht angenehmer und leichter machen." . . . „Es fehlte nicht an Juden, die die Emanzipation ebenso auffaßten, wie die Regierungen, und an der Auflösung des jüdischen Volkes arbeiteten. Die Einen ließen sich schlankweg taufen. Die Andern bahnten die Reformbewegung an, mit Abschaffung der hebräischen Gebete, dem Sonntagsgottesdienste, der Ausmerzung aller Anspielungen auf Zion, die den prozessionellen Auszug aus dem Judentum mit Banner und Fahne darstellte. Aber die Mehrheit der Juden blieb auch nach der Emanzipation des Volk des harten Nackens und wollte nicht verstehen,