Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 49 (7.12.1900)
- Date
- 1900-12-07
- Page
- Seite 778 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
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Seite 778. Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. öfteren sehr stark erröten machte; einmal wurde sogar auch der Herr Amtsrichter rot, was allgemein ausfiel. Die schöne Sprecherin rezitierte mit übertriebenem Pathos, bald hochtragisch, bald wieder mit sentimental elegischem Ton: wie Nelly und Philipp einander schon lange tief in den respektiven Herzen getragen, wie an einem stürmischen Herbstabend Nelly ihr Liebesweh im dunklen Wald spazieren geführt, sich in der Finsternis dort verirrt und im Riegner'schen Zelte unter der Marienbuche vor dem Unwetter Schutz gesucht. Dorthin sei ihr unvermutet ein leidenschaftlicher Don Juan nachgeschlichen, ein erprobter Verführer, der der verirrten Schönheit mit Kuß und Umarmung drohte. Vergeblich hatte sich Nelly mit dem ganzen Stolz ihrer engelhaften Reine umgürtet — der Versucher habe nicht von ihr abgelassen, bis Philipp, wie der Gralsritter, zwar nicht auf einem Schwan, aber auch sehr plötzlich Nelly zur Hilfe herbeigeflogen kam und den Räuber der Unschuld verjagte, was durchaus nicht gefahrlos gewesen sei, da der Unhold ein geladenes Pistol bei sich führte. (Sämtliche Anwesenden zermarterten sich die Köpfe, wo denn um Gotteswillen in ihrer sittenreinen Stadt und drei Meilen im Umkreis ein Individuum von so hervorragender Unmoralität zu finden wäre.) Da sei Nelly laut ausschluchzend ihrem Retter in die weit ausgebreiteten Arme gesunken, da schmolz das Eis, und sie gestanden sich ihre Liebe beim Silberschein des Mondes und den Flötentönen der Nachtigallen." „An einem Novemberabend!" rief der Amtsrichter. Die Festrednerin ignorierte den Zwischenrufer und schloß jetzt mit einem begeisterten Hoch auf das Brautpaar, worauf unendlicher Jubel losbrach. Man umarmte und beglückwünschte einander, Nelly's Mutter vergoß Freudenthränen, die Damen waren entzückt über den aufregend interessanten Abend. Die Herren überschütteten die schöne Wirtin mit Beifall. „Alle sind heiter, nur Du nicht", schallt Christine, ihre Freundin in das Schmollwinkelchen des Erkers ziehend. „Das macht das schlechte Gewissen", sagte Nelly leise. „Gedulde Dich nur noch drei Tage", mahnte Christine das junge Mädchen liebkosend, „dann magst Du Deinem Verlobten beichten nach Herzenslust!" „Drei Tage!" seufzte Nelly. „Wären sie nur erst ohne Unheil vorbei!" „Abwarten! Und jetzt eine lieblich schmachtende Miene aufgesetzt, Jungfräulein; da naht er, der Herrlichste von allen, um Dich zu Polonaise zu holen. Ihr habt einzige fünf Minuten, ehe der Tanz beginnt, für Euch". Sie schritt herunter. Als Hirschthal an ihr vorüberstürmte, ohne sie zu sehen, lächelte sie mit wehmütigen Augen. In der nächsten Sekunde stand Philipp vor Nelly. „Warum so ernst, Geliebte?" Nelly seufzte. „Ich möchte Dir gern ein Unrecht eingestehen und darf es nicht". „Oho! Das fängt gefährlich an", scherzte er. „War es der Klavierlehrer? Kleine Puppe, bin ich Deine erste Liebe nicht?" Sie hob die dunklen Augen ruhig zu ihm auf — ihr Blick war so offen, wie der eines Kindes. Fast mit Feierlichkeit sprach sie: „Philipp, Du bist meine erste Liebe. Ich habe noch nie einen anderen Mann lieb gehabt". „Mein ehrliches Mädchen", murmelte Philipp gerührt, „ich kann und will Deine Unschuld nicht belügen. Wirst Du mir grollen, daß mein Herz einmal für jene Frau dort mit den goldenen Haaren schlug? Aber dann kamst Du und küßtest mich im Traum". Nelly war tief erbleicht — einen Moment nur, dann aber leuchteten ihre Wangen wie die Rosen in ihren Locken. „Ob Du wohl weißt, was mir damals geträumt?" flüsterte er in ihr Ohr. Nelly nickte. „Es war in der ersten Nacht, nachdem ich Dich gesehen —" da stockte sie. Sie war doch zu scheu und verschämt, um mehr zu bekennen. Philipp betrachtete sie glückstrahlend. „Du kannst nicht lügen. Behalte alle Deine kleinen Geheimnisse, süße Braut! Ich vertraue Dir: aus diesem Herzen kann kein Unrecht kommen. Und jetzt gieb mir einen Kuß . . ." „Vor allen Leuten!" wehrte sie erschrocken ab. „Die sollen nichts sehen" — er rückte die beiden großen Palmen, die zur Zierde des Erkers dastanden, aber eigentlich nur den Durchgang verengten, unauffällig näher zusammen — „einen Abschiedskuß, denn morgen muß ich fort von hier, vom Tanzsaal in den Richtsaal". „An Deinen Beruf —" „— Der mir noch nie so unleidlich schien. Denn meine Seele lechzt nach Liebe und ich soll von Mord und Todschlag reden hören". „Glaubst Du, daß Perez frei kommen werde?" fragte sie angstvoll. Er lachte ein wenig ärgerlich. „Perez und kein Ende! Seid Ihr doch Eine wie die Andere, Christine wie Du! Jede sorgt um Perez und denkt und bangt für ihn. Der Amtsrichter und ich, wir könnten wohl eifersüchtig aus den alten Sünder werden" . . . Es war drei Uhr Morgens, als die letzten der Gäste das Haus verließen? Christine ging noch immer räumend und ordnend durch die Zimmer; der Hausherr hatte schon mehrere Mal vergeblich an die Nachtruhe gemahnt und sich dann murrend allein zurückgezogen. Die junge Frau wartete, bis sie die Gewißheit hatte, daß ihr Gatte sich im Schlafzimmer befinde, dann öffnete sie behutsam eine Thür und rief leise: „Komm!" Sogleich huschte Jemand herein, er war groß und stark und hatte das Antlitz und die Gestalt der schwarzen Hanne. Und unter den weißen Tüchern und der weißen Kapuze, die sie verkleideten, grinste sie vergnügt hervor. „Schauerlich!" lachte Christiue leise. „Ich hoffe. Du sollst bald erlöst sein, armer Geist. Nimm Dir eine Flasche Wein mit in Deine kalte Kammer!" Ueber das breite Gesicht Hannens flog ein vergnügtes Lachen. Da schrak sie zusammen: „Der Herr!" und sie verschwand. Wirklich trat Müller, den sie längst zu Bett glaubte, wieder ins Zimmer, und mit beschwörender Geberde, die Hände der jungen Frau fassend, rief er pathetisch: „Weib meines Herzens, da heute ein Tag der Enthüllungen ist,