Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 49 (7.12.1900)
- Date
- 1900-12-07
- Page
- Seite 776 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 776 Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. kosten in Obhut gegeben worden. Der wichtigste Punkt der Tagesordnung war die Beratung neuer Statuten, um dem Verein die Rechtsfähigkeit zu schaffen. Nach lebhafter Diskussion wurden die Satzungen mit einigen Aenderungen, konform den Satzungen des bereits bestehenden, eingetragenen Vereins „Israelitisches Lehrlingsheim Köln" beschlossen. Der Verein heißt von jetzt ab: „Verein zur Förderung der Handwerke und technischen Berussarten unter den Juden". Um einerseits die Einheit zwischen dem Verein und seiner Kölner Abteilung zu betonen, andererseits um der Abteilung Köln ihre selbständige Wirksamkeit auch fernerhin zu ermöglichen, wurde im § 13 bestimmt: „In Köln besteht eine besondere Abteilung des Vereins. Vorstand derselben ist der Vorstand des in Köln bestehenden eingetragenen Vereins „Israelitisches Lehrlingsheim Köln". Die bei der Abteilung Köln eingehenden Gelder, — Beiträge und Geschenke — werden in erster Linie für die Zwecke dieses Vereins verwendet." Wir erwarten zuversichtlich, daß der Verein, der seine Wirksamkeit auf ganz Deutschland erstreckt und schon dadurch eine bevorzugte Stellung beanspruchen kann, auf seiner segensreichen Bahn rüstig sortschreiten wird. Durch die Aenderung seines Namens ist seinen bisherigen Bestrebungen eine umfassendere Bezeichnung gegeben. Nicht rur zum einfachen Handwerker will er jüdische Knaben anleiten, sondern ihnen auch bei besonderer Befähigung nach überstandener Lehrzeit den Weg zu höheren technischen Berussarten eröffnen. Wnrzburg, 2. Dezember. (Von der Lehrerbildungs- Anstalt.) Die unter Leitung des Herrn Distrikts-Rabbiners Nathan Bamberger stehende hiesige israelitische Lehrerbildungs- Anstalt hat, wie wir dem 36. Jahresbericht entnehmen, bisher 307 Schüler in die Praxis entlassen. Im abgelausenen Jahr haben 9 Zöglinge, sämtliche Schüler des Oberkurses, die Austrittsprüfung am Kgl. Schullehrerseminar hier mit gutem Erfolg bestanden. Von den 29 Zöglingen des Instituts erhielten 6 Unterricht, Wohnung, Beköstigung und ärztliche Behandlung in der Anstalt unentgeltlich, 4 bezahlten die Beköstigung ganz, 18 teilweise, 1 Schüler ist extern. Tie Jahresausgaben der Anstalt betrugen Mk. 21 362.06, so daß bei einem Zinsertrag von Mk. 3289.04 und Jahresspenden von Mk. 20 471.16 ein Kassareft von Mk. 591.27 verbleiben und das Kapitalvermögen um Mk. 2486.90 auf Mk. 96 356.27 erhöht werden konnte. Wien, 2. Dezember. (Beerdigung Leopold Sterns.) Die Wiener Kultusgemeinde hat in der vorigen Woche durch den Tod des emeritierten Oberkantors am Gemeindetempel zu Fünfhaus, Leopold Stern, einen schweren Verlust erlitten. Nahezu zweiundvierzig Jahre als Scheliach zibur und Lehrer in ausgezeichneter Weise thätig, zählte Stern zu den hervorragendsten Vertretern seines Standes, dem er auch durch tiefes hebräisches Wissen, durch gediegene allgemeine Bildung, lauteren Charakter und wahrhaft frommes Gemüt zur Zierde gereichte. Sein<gewandte Feder leistete im Dienst der Pädagogik und der fachwissenschaftlichen Forschung Bedeutendes, ebenso war ihm die Gabe der Rede in reichem Maß zu teil; seine Exhorten, die ihm die Herzen der Jugend gewannen, zeichneten sich durch sinnvollen Inhalt und ebenso durch vollendete Form aus. Das Leichenbegängnis war eine imposante Trauerkundgebung. Der Fünshauser Tempel hatte sich in Trauer gehüllt. Der Altar war schwarz ausgeschlagen, die Säulen und die Galleriebrüstungen zeigten schwarze Drapierung. Vom Giebel des Tempels wehte an der Hauptfront eine Trauerfahne. Das Gotteshaus war lange vor Beginn der Feier von zahlreichem Publikum dicht besetzt. Die Trauerfeier begann mit einem Choral, sodann intonierte der Oberkantor an der Fünfhauser Synagoge Salomon Jurberger, ein Schwiegersohn des Verstorbenen, mit den vereinigten Chören der Wiener Tempel das Schiwissi. Als diese weihevollen Klänge verhallt waren, trat Rabbiner Dr. Jonathan Wolf an die Bahre, um die Gedenkrede auf den Verstorbenen zu halten. Der Redner entwarf ein getreues Bild des Dahingegangenen. Er baute seine Rede auf das Wort des Propheten: „Anmut war auf seine Lippen hingegossen", und schilderte Stern als Kantor, Lehrer und Jugendredner, als Schriftsteller und als Familienvater. Auf dem Friedhof hielt Rabbiner Dr. Schmidt einen stimmungsvollen Nachruf. Danach sprach das Vorstandsmitglied kaiserl. Rat Wilhelm Pollak namens der jüdischen Wohlthätigkeitsvereine der westlichen Wiener Bezirke, deren Förderer der Verstorbene gewesen, Worte des herzlichsten Abschieds und Dankes. Als der Sarg hinabgesunken, würdigte Oberkantor Singer als Präsident des Oesterreichisch - Ungarischen Kantorenvereins, namens dieser Korporation, deren Vizepräsident der Verstorbene gewesen, die Bedeutung Sterns als Kantor. Er sprach mit warmem Ausdruck und tiefer Erschütterung, die sich allen Zuhörern mitteilte. Schließlich widmete Religionsschul-Jnspektor Dr. Leopold Langfelder namens der Religionslehrer der Wiener israelitischen Kultusgemeinde dem Dahingeschiedenen tiefempfundene Worte des Abschieds. Wien, 2. Dezember. (Religionsunterricht.) Aus dem offiziellen Jahresbericht der hiesigen jüdischen Gemeinde entnehmen wir, daß während des vergangenen Jahres 16 041 jüdische Kinder in 130 öffentlichen Elementar- und Mittelschulen jüdischen Religionsunterricht erhalten haben. Die Gemeinde hat dafür 175 845 Kronen ausgegeben. Konstantinopel, 30. November. (Generalarzt Elias Pascha.) Der zum Generalarzt ernannte Elias Pascha Cohen ist der erste türkische Jude, der den Paschatitel erhält. Er ist der Sohn und Enkel von Aerzten und hat selbst schon 1861 als Siebenzehnjähriger seine Studien an der kaiserlichen Medizinschule in Konstantinopel begonnen. Nachdem er hier den Doktorgrad erworben, ging Dr. Elias Cohen 1868 zu seiner weiteren Ausbildung nach Berlin, wo er in den verschiedensten Kliniken thätig war und schließlich Assistent des berühmten Augenarztes Dr. von Gräfe wurde. Nach seiner Heimkehr im Jahr 1873 wurde er Lehrer an der Militärschule in Haidar Pascha und kam kurz darauf als Augenarzt und Oberchirurg ins Hauptquartier des 3. Armeekorps nach Monastir. Einige Jahre später wurde er als erster Augenarzt und behandelnder Arzt mit Majorsrang an das Marinehospital in Konstantinopel berufen. Infolge verschiedener Jntriguen gab Dr. Elias Cohen nach längerer Wirksamkeit diese Stellung auf und beschränkte sich aus seine Privatpraxis, bis er bei der ärztlichen Behandlung einer kaiserlichen Prinzessin, zu der der Leibarzt den berühmten Kollegen zugezogen, dem Sultan bekannt und zum Hofarzt mit dem Rang eines