Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 49 (7.12.1900)
- Date
- 1900-12-07
- Page
- Seite 774 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 774. Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. wird der Antrag Friedländer angenommen. Die Rechnungslegung des Krankenhauses führte eine neue Auflage der Debatte herbei, die von der vorigen Sitzung noch in Erinnerung sein dürfte. Referent Herr Professor Baginsky (kons.) ließ der Verwaltung alles Lob angedeihen und beantragte auch sofortige Bewilligung des zu deckenden Defizits von Mk. 5049,50, zumal Mehrausgaben nur da gemacht seien, wo Einschränkungen nicht gut möglich wären. Daß im Krankenhaus Nachbewilligungen so an der Tagesordnung wären, scheint ihm an der 3 jährigen Etatsperiode zu liegen, die abgeschafft und durch eine einjährige ersetzt werden müßte. Ueberhaupt seien Aenderungen des Krankenhausstatuts unbedingt erforderlich; erst dann werden sich die so dringend notwendigen Neugestaltungen im Krankenhaus vornehmen lassen. Referent beruft sich auf das Zeugnis von Professor Israel, der erklärt habe, es sei bei den Rissen in den Wänden fast unmöglich, den Vorschriften zu genügen, die die Asepsis der chirurgischen Operationen erfordert. Herr Louis Sachs (lib.) erklärt diese Schilderung für viel zu kraß. Der Vorstand habe das volle Bewußtsein seiner Verantwortlichkeit für die ihm unterstellten Kranken; im Uebrigen sehe auch er die Notwendigkeit von .Verbesserungen ein. — Ein dem Bericht des Krankenhauses angefügter Brief des Herrn Professor Lazarus stellt weitgehendeForderungen, wie sie nach Ausspruch des Herrn Professor Levin ein Krankenhaus nicht befriedigen könne; wir hätten 7 Staatsinstitute, die zusammen allen diesen Wünschen erst gerecht würden, z. B. Einrichtung für Röntgen-Aufnahmen, Stoffwechseluntersuchung, Heißluft- und elektrisch Licht-Behandlung re. re. Herr Professor Levin schließt sich der Ansicht des Herrn Louis Sachs an, daß die Hauptaufgabe eines Krankenhauses in der Fürsorge für die Kranken liege. Für die Aenderung des Statuts tritt mit aller Lebhaftigkeit auch Vorsteher Herr Julius Jacoby ein. Der Zuschuß der Gemeinde habe vor 16 Jahren für das Krankenhaus Mk. 28 000 betragen, habe sich jetzt allmählich aus Mk. 60—70 000 gesteigert, und wenn der in Aussicht genommene Neubau in Angriff genommen würde, dessen Kosten auf 17a Million veranschlagt sind, wird sich der hisherige Zuschuß um das 27s fache erhöhen. Mit Fortschreiten der Subvention müsse auch der Einfluß zunehmen, und daher sei ein neues Statut unerläßlich. Nach einigen persönlichen Bemerkungen der Herren Levin und Lyewe betreffs des Briefes von Professor Lazarus wird die Debatte geschloffen und Decharge erteilt. Die Verwaltung der Kommission zur Unterstützung durchreisender Glaubensgenossen, hat einen Ueberschuß von Mk. 77,85 ergeben und von 1439 eingereichten Gesuchen 776 berücksichtigt. — Der letzte Punkt der Beratung ist die Benutzung der Räume des Talmud-Thora- Jnstituts für die Gemeindebibliothek. Dieser Vorschlag des Vorstandes wird abgelehnt, statt dessen die Bibliotheks-Kommission beauftragt, geeignete Mietsräume in einem Parterrelokal für gedachten Zweck zu beschaffen. Damit schließt die öffentliche Sitzung. Berlin, 2. Dezember. (Wer trägt die Schuld?) Die Repräsentantenversammlung hat sich, wie oben mitgeteilt, mit dem Artikel eines Ungenannten beschäftigt, der in den jüdischen Zeitungen bereits gebührende Zurückweisung gesunden hat. Sie hat Verwahrung eingelegt gegen die auf bodenloser Unwissenheit beruhenden Verleumdungen jenes ungenannten Burschen, der sich christlicher Ethik rühmt und dabei empfiehlt, man solle die wehrlosen Kinder einem Glauben zuführen, dessen Hauptlehre man selbst, „bis zum Scheiterhaufen", ablehne. Wir wissen nicht, was für eine Moral das ist, und begnügen uns mit der Versicherung, daß sie unjüdisch und widerjüdisch ist. Die Herren Repräsentanten haben ganz Recht gethan, Verwahrung einzulegen, da uns, allem Anschein nach, der Schutz der Staatsanwaltschaft nicht zusteht. Die Debatten der Herren Repräsentanten zeigen aber eine Lücke: sie enthalten keine leiseste Andeutung über die Schuldfrage, über die Ursache der kläglichen Erscheinung der „Ueberreifen". Von keiner Seite ist gesagt worden, daß die dreißigjährige Herrschaft des sogenannten Liberalismus in der jüdischen Gemeindeverwalung es gewesen ist, die den Sumpfboden für die „Ueberreifen", die religiösen Knownothings, die Helden des Aufklärichts bereitet, die eklen Früchte gehegt und gefördert hat! Freilich geben die sogenanntenLiberalen von heute vor, daß sie ganz anders seien, daß sie religiös fühlten und dächten. Aber die Thaten ihrer Gesinnungsgenossen sprechen gegen sie, ebensowiedie eigenen Thaten. Jene sogenannten Liberalen haben den jüdischen Religionsunterricht planmäßig unterdrückt, man hat die Einrichtung von Religionsschulen ihnen abzwingen müssen, und der obligatorische Religionsunterricht ist gegen ihren Widerstand eingeführt worden. Jetzt thun die Radikalen entrüstet über das Ergebnis ihrer eigenen Wirtschaft! Wir glauben gern, daß sie aufrichtig erschrocken sind über den maskierten Gefährten der „Preußischen Jahrbücher", den sie nicht anerkennen, weil er sich versteckt. Er ist aber Geist von ihrem Geist, er ist jüdischer Dinge nicht um ein Haar unkundiger, als der radikale Repräsentant, der jüngst die nur durch ihre Lächerlichkeit vor dem Vorwuf der Lästerlichkeit geschützte Aeußerung that: Abraham Geiger habe mehr als die drei Mose für das Judentum gethan! Berlin, 5. Dezember. (Studentische Vertretungswahlen.) Auch in diesem Jahr haben die Wahlen zur „Akademischen Lesehalle" unter der Berliner Studentenschaft lebhafte Aufregung hervorgerufen. Besonderes Aufsehen erregte diesmal das Auftreten des „Vereins jüdischer Studenten", der eigene Kandidaten zum Direktorium der Lesehalle aufstellte. Der Grund hierzu lag für ihn in der Thatsache, daß im Brennpunkt der Kämpfe um die Vertretung der Lesehalle die Judenfrage steht. Die Hauptparteien bei diesen Wahlen bildeten bisher der „Verein deutscher Studenten" und seine Anhänger (Akademische Turnerschaften im V. C., akad.-theol. Verein Wingolf), die ganz offiziell ein antisemitisches Programm verfochten und unter dem Ruf: Hie uational — hie antinational! gegen die jüdischen Studenten vorgingen. Dieser Partei standen die akademischen Vereine mit wissenschaftlichen Tendenzen, vor allem die „Freie wissenschaftliche Vereinigung" und der „Sozialwissenschaftliche Studentenverein" gegenüber. Eine Stellung zwischen den Parteien behauptete die Finkenschaft einzunehmen, die Anhänger beider Lager in ihren Reihen zählt. In den Wahlversammlungen und in den Sitzungen des Direktoriums kam es häufig zu erregten Debatten über die Judenfrage. Die nichtjüdischen Vertreter der Wissenschaft-