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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-12-07 · 49 (7.12.1900) · p. Seite 768

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
49 (7.12.1900)
Date
1900-12-07
Page
Seite 768 (sequence 4)
Language
German
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Seite 768. Israelitische Wochenschrift. Nr. 49. Folge leisten. Der Katholizismus hat das alles — und trotzdem sind so viele Zeitungen im Besitz von katholisch Getauften, werden so viele Zeitungen von Leuten geschrieben, die der katholischen Kirche zugehören — Zeitungen, die sich keinen Pfifferling um das kümmern, was dem Katholizismus erwünscht wäre. Wenn die Mächtigen nicht imstand sind, alle an der Stange zu halten, wie sollten wir es fertig bringen, denen jede Handhabe und auch jeder Wille zum Eingriff in die Freiheit Anderer fehlt!" -k- * * (Antisemitische Zeugnisse.) Das Schwurgericht in Beuchen, Oberschlesien, verurteilte den Privatschreiber Paul Orda aus Kattowitz wegen wissentlichen Meineids zu fünfjährigem Zuchthaus und zehnjährigem Ehrverlust. Orda hatte in einem an die Konitzer Staatsanwaltschaft gerichteten Schreiben Jsraelski der Ermordung des Gymnasiasten Winter beschuldigt. Als er hierauf in Kattowitz eidlich vernommen wurde, bekundete er, er sei am 11. März in Könitz gewesen und habe gesehen, wie Winter von zwei Männern, anscheinend Juden, überfallen und in einen Wagen geschoben wurde, der dann schnell davongefahren sei. Einer der Männer hätte einen anderen mit dem Namen Jsraelski angeredet. Die angestellten Ermittelungen ergaben, daß diese Angaben Ordas erfunden waren, da er am 11. März in Zawodzie bei Kattowitz einen Halbpaß gelöst hat. So sehen sie aus, die Eideshelfer der verleumderischen Verbreiter des Märchens vom „Blutmord", alle miteinander! * * (Wackere Teutsche.) Bei der Stichwahl in Meseritz-Bomst hat der Konservative gegenüber dem Polen die Mehrheit erlangt. Die Antisemiten haben zu einem Teil sich der Abstimmung enthalten, zu einem anderen Teil für den Polen gestimmt. — Sie find eben teutsche Patrioten. * * -I- (Ein Muster-Antisemit.) Baumeister Hartwig ist zweiter Vorsteher der Dresdner Stadtverordnetcn-Versammlung. Er hat vor Gericht unangenehme Erfahrungen gemacht, ist vom Gericht in wenig schmeichelhafter Weise charakterisiert worden. Jetzt haben 22 Dresdner Stadtverordnete öffentlich die Erklärung abgegeben, daß sie jenen Herrn, ihren zweiten Vorsteher, eines öffentlichen Ehrenamts nicht mehr für würdig halten, und ihn aufsordern, die Folgerungen aus dieser Erklärung zu ziehen. Herr Hartwig hörte die Erklärung an, gab zu, daß das Gerichtsurteil ihn schwer belaste; doch fühle er in dieser Minute keinen Pulsschlag mehr als sonst. Herr Hartwig ist eine Leuchte des Antisemitismus. Das sagt alles. * * * (Sie vertragen sich wieder.) Im Kreis Friedeberg-Arnswalde haben Konservative und Antisemiten sich wieder in Freundschaft zusammengesunden. Bei den Landtagswahlen verpflichten sich die Antisemiten den Konservativen den Steigbügel zu halten, bei den Reichstagswahlen wollen die Konservativen den Antisemiten den gleichen Dienst erweisen, wobei sie nur zur Bedingung machen, daß nicht „Ahlwardt oder einer seiner Art" auf's Pferd gesetzt werde. — Diese Bedingung hebt das Kartell auf oder sie sagt gar nichts, denn im Antisemitismus giebt es nur Ahlwardts. So wie dieser sind sie Alle, Alle ohne Ausnahme. Die Wikner „Allianz" gegen die Anklagen der Zionisten. Viele unserer Glaubensgenossen haben sich in chrem Urteil über die Hilssthätigkeit der „Israelitischen Allianz" zu Wien für die jüdischen Auswanderer aus Rumänien durch die Darstellungen der zionistischen Blätter bestimmen lassen. Dort las man, daß die „Israelitische Allianz" über reiche Mittel zur Beförderung der Emigranten verfüge, daß die Auswanderer in den Vereinigten Staaten und in Kanada mit offenen Armen erwartet wurden und daß sich ihnen dort die besten Aussichten eröffneten, daß aber die Wiener Allianz den Strom der Emigranten gewaltsam zurückstaute, für deren Unterbringung absichtlich nicht vorsorgte und zuletzt die Polizei und die Regierung bestimmte, die Rücksendung der Armen über die rumänische Grenze zu verfügen. Nach den zionistischen Berichten haben die leitenden Persönlichkeiten der „Allianz" eine beispiellose Hartherzigkeit bekundet, und noch in den letzten Tagen konnte man ein Schreiben des Budapester Kultusvorstands lesen, in dem auf die am 13. Juli d. I. gestellte Bitte des Vorstands der „Allianz", die Budapester Glaubensgenossen möchten bei der ungarischen Regierung die Grenzsperre erwirken, geantwortet wurde, daß der Antrag auf beschränkende Maßregeln gegen die freie Bewegung der rumänischen Glaubensbrüder seitens einer jüdischen Behörde geradezu ausgeschlossen sei. Jetzt liegt der Bericht des Vorstands der „Allianz" vor, der alle jene Vorwürfe als unbegründet nachweist. Im Frühjahr wurden die zur Verzweiflung gebrachten Juden Rumäniens, verlockt durch trügerische Allpreisungen gewissenloser Auswanderungsbureaus, vom Emigrationsfieber ergriffen. Was man ihnen von Kanada erzählt hatte, war eine nichtswürdige Lüge, aber sie wurde allgemein geglaubt, und die ersten Auswandererzüge setzten sich im Mai in Gang. Nun trat in Paris eine Delegierten-Konferenz der jüdischen Wohlthätigkeitsvereine zusammen, um die Bewegung, so gut es noch ging, zu organisieren. Als das einzige überseeische Gebiet, wo die Ansiedlung noch Erfolg verhieß, wurde auch jetzt das der Vereinigten Staaten erkannt. Es lagen aber warnende Stimmen vor, daß die nordamerikaniscye Union aus politischen und sozialen Ursachen nur noch arbeitsfähige Elemente aufnehmen und Frauen, Kinder und Greise als Paupers rücksichtslos zurückweisen werde. Die Pariser Konferenz setzte daher als Norm für alle zu bildenden Komites fest, daß nur jüngere Leute, die sich der landwirtschaftlichen oder gewerblichen Arbeit zuwenden können, befördert werden sollten. Die Wiener Allianz sollte für das Fortkommen dieser Auswanderer bis Nürnberg oder Frankfurt sorgen, von hier sollten sie durch die deutschen Komites bis Hamburg, Rotterdam oder Antwerpen gebracht werden, während das Pariser Äomtte den überseeischen Transport aus diesen Hafenplätzen übernahm.

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