Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Date
- 1900-11-30
- Page
- Seite 762 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 762. Israelitische Wochenschrift. Nr. 48 Aber Christine, welche zu Franja's unendlichem Schrecken heute die lang getragene Maske einer freundlichen Beschützerin fallen gelassen, rief heftig: „Gleich soll sie beichten, hier auf der Stelle! Sprich! Was hast Du zu bekennen?" Jetzt erst merkte Franja Gefahr. Sie ahnte ihren Nimbus als interessante Persönlichkeit verloren — sie sah sich als lügnerische Anklägerin gebrandmarkt. Auf ein Entkommen aus dieser Not war nicht zu rechnen, bestürzt blickte sie im Kreise umher. In einer Fensternische stand der Herr Bürgermeister mit zorngerötetem Gesicht — hatte sie recht gesehen? Er hob warnend den Finger. Da blickte Franja die verwandelte Herrin tückisch an, senkte darauf die Augen zu Boden und schwieg. Alle Blicke richten sich auf sie, es herrschte eine peinliche Stille. Franja's Augen suchten die Thür. Nur hinaus! .... Da kam aus dem Winkel am Kamin, dessen untere Hälfte durch einen großen seidenen, kunstvoll gestickten Ofenschirm verhüllt war, ein unheimliches Schnarren und Knarren, ein gräßliches Geräusch. Nelly Thorner, die vor dem Schirm kauerte und die prächtigen, gelben Blumen zu bewundern schien, verließ erschrocken ihren Platz und flüchtete zu Christine. . . . Das häßliche Knarren erklang noch stärker und mißtöniger — bald dort — bald da — jetzt Jedem in der Nähe. Alle Damen hielten sich entsetzt die Ohren zu. Franja fuhr leichenblaß in die Höh'. „Es kommt in den Saal", kreischte sie „Barmherzigkeit — ich — will ja — alles gestehen!" schrie sie, „es ist kein Wort wahr, was ich aus Perez gesagt, er sitzt unschuldig im Gefängnis". Auf der Stelle verstummte der Lärm. Man sah einander erstaunt an, die Damen schämten sich ein wenig ihrer Furchtsamkeit und atmeten auf. Anders die Männer. Ihrer hatte sich jetzt eine viel stärkere Erregung bemächtigt; der alte Förster Hegemann, der junge Herr von Werder, Philipp, Riegner umringten das Mädchen in hellem Zorn. Durch ihr Stimmengebraus rang sich triumphierend der hohe Sopran der alten Oberamtmännin: „Was habe ich Ihnen gesagt, mein lieber Neffe?" Müller sprach mit mühsam verhaltener Wut: „So hattest Du uns alle angelogen. Du abscheuliche Dirne?!" „Ich habe halt nur so gesagt", schluchzte Franja, „ich habe mir nichts Böses dabei gedacht". Es wäre der Sünderin mitten unten den empörten Männern wirklich übel ergangen; der alte Thorner allein mahnte zur Ruhe und Mäßigung, dabei lachte er immerfort vergnügt, als erlebe er da den schönsten Spaß. „Ich begreife Ihre Heiterkeit nicht, Doktor", rief der junge Herr von Werder mißmutig. „Ich möchte aus der Haut fahren, wenn ich daran denke, daß ein kindisches Geschöpf, wie dies da, eine Anzahl vernünftiger Menschen an der Nase herumsühren durfte". Thorner gab dem jungen Apotheker einen sanften Klaps. „Sehen Sie, mich freut das Gespenst. Ist doch nett von ihm, daß es schnurstracks aus der vierten Dimension hier herein poltert, um Ihnen über die natürlichsten Dinge der Welt die Augen zu öffnen". „Es giebt keine Gespenster", sprach die Frau Förster Hegemann, blickte aber doch etwas vorsichtig nach der Thür. „Warum soll es denn keine geben?" fragte Thorner ganz ernsthaft, „so glaubwürdig, wie die Erzählungen eines nichtsnutzen, hysterischen Frauenzimmers sind sie am Ende auch". Aber die Frau Oberamtmann drohte ihm gar energisch: „Doktor, Doktor! Denken fie jetzt beileibe nicht an diejenigen, die nicht alle werden. Ich verbiete es Ihnen hier im Namen unserer werten Gesellschaft!" Der Doktor lachte und küßte der alten Dame galant die Hand. Bürgermeister Hartmann hatte der ganzen Szene mit dem höchsten Aerger beigewohnt, mit all dem Verdruß, wie er nur einen Menschen peinigen kann, der gezwungen ist, die Beschämung eines Bundesgenossen mit anzusehen. Er verwünschte Christine, „die polnische Schlange", wie er sie im Stillen schalt, die ihn mit gleisnerischer Freundlichkeit in ihr Haus geladen, vielleicht nur, damit er Zeuge dieses ihn mit blamierenden Geständnisses sei. Das Gelächter Thorners erbitterte ihn vollends, und als er zufällig, an Philipp vorbeischreitend, bemerkte, daß der Referendar aus dem Fächer seiner Braut in fliegender Eile eine Karte schrieb, offenbar eine unverzügliche Benachrichtigung an Dr. Peterson, den ersten Verteidiger des Perez, da hielt sich Hartmann nicht länger, und er beschloß, Franja trotz seines Zornes über ihre alberne Selbstbezichtigung zu Hilfe zu kommen. Er zwang sich sogar zu einem Lächeln. „Ich glaube, lieber Doktor, Sie haben ein unbesiegbares Vorurteil gegen die Kleine da". „Herr Bürgermeister", unterbrach ihn der tiefe Baß des Försters Hegemann, „ich habe niemals ein Vorurteil gegen ein Mädel, aber ich habe eine unbezwingliche Lust, der da ein paar Maulschellen zu geben". „Könnte nicht schaden", sagte der Oberamtmann trocken. „Aber wer bürgt uns dafür", wehrte Hartmann hartnäckig ab, „daß Franja nicht in diesem Augenblick wieder die Unwahrheit spricht. Der Herr Doktor ließ da ein Wort fallen, das mir zu denken giebt: Hysterisch! Solche Leute sind doch für ihr Thun und Reden gar nicht verantwortlich" „Bravo! Bravo!" lachte Thorner. Der Bürgermeister warf dem Doktor einen bitterbösen Blick zu. „Ich will nicht behaupten, daß einzelne der Herrschaften hier eine gewisse Voreingenommenheit für Perez an den Tag legen. Aber wissen wir denn, ob Franja nicht so ein Medium ist, das unter dem Druck einer unwiderstehlichen Gewalt etwas ganz Falsches vorbringt oder aussagt. . . Und da sie sich offenbar im Bann eines ungeheuren Schreckens befindet" — seine Augen streiften Christine, die seinen Blick fest und ruhig aushielt. Ja, ihm dünkte, als ob die Frau Amtsrichter ihm zum Trotz lauter als sonst ihre klangvolle Stimme erhob, daß nur ja Jeder und Jede im Saal es deutlich vernehmen soll, als sie ihm erwiderte: „Schrecken! Gewalt! Beide sind nichts als die selbstgeschaffenen Qualen dieser schuldbefleckten Seele; ein reines Gemüt könnte noch ganz andere Fährnisse furchtlos ertragen. Es steht Ihnen frei, Herr Bürgermeister, alle meine Räume vom Boden bis zum Keller zu besichtigen und zu recherchieren, ob irgendwo eine unbefugte Person aus das Mädchen gewaltsam Einfluß geübt". „Aber ich bitte sehr, gnädige Frau . ."