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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-11-30 · 48 (30.11.1900) · p. Seite 761

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
48 (30.11.1900)
Date
1900-11-30
Page
Seite 761 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 48. Israelitische Wochenschrift. Seite 761. Aber Franja bat mit Thränen in den Augen, sie nicht zum Arzt zu schicken, sie wäre ganz gesund. Nein, Franja quälte kein körperliches Leiden, nur „ihre Ruh' war hin, ihr Herz war schwer" — sie kroch wie ein furchtsames Kind von einem Winkel des Hauses in den andern. An jenem achten Januar hatten die Zladnoer endlich einen anderen Unterhaltungsstoff bekommen als Blut und Mord: der Referendar Hirschthal und Cornelie Thorner hatten sich mit einander verlobt. Frau Christine improvisierte in ihrer Freude sogleich ein Fest, lud Freunde, Bekannte und die Honoratioren der Stadt zusammen: den ersten Abend sollten Nelly und Philipp als Brautleute bei ihr feiern. Man war eben von der Abendtafel aufgestanden. „Frau", sagte der Amtsrichter, der in Gegenwart von Gästen es liebte, sich als den gestrengen Hausherrn aufzuspielen, „Frau, ich bin unzufrieden mit Dir. Heißt das ein Brautpaar ehren? Warum haben wir keinen Champagner erhalten?" Frau Christine griff sich an die Stirn. „Wie vergeßlich ich bin! Ich lasse ihn sofort herausholen". Sie bat die Herrschaften in den Salon, sorgte geschickt, daß Jeder und Jede Unterhaltung finde, und da sie merkte, daß sich allenthalben zwanglose, vergnügte Gruppen bildeten, winkte sie insgeheim Nelly an ihre Seite. „Paß auf", flüsterte sie, „jetzt kommt der Champagner und mit ihm das Strafgericht". „Christine", wisperte Nelly, „ich habe Angst". „Vor wem, Närrchen?" „Vor unseren Männern", seufzte Nelly. „Sie werden unser Thun mißbilligen, wenn sie es erfahren". „Das eilt nicht". Christine lachte und schwippte mit den Fingern. „Männer merken ja doch nie ein Ding, wenn sie nicht mit der Nase darauf gestoßen werden. Merke Dir, Du einfältige Ehestandsnovize: wenn Du Dich jetzt schon nach dem Stirnrunzeln Deines Gesponsen richten willst, wirst Du gar bald das Leitseil verlieren". „Aber Christine, was wir da treiben — es ist so unehrlich". „Das ist es. Ehrlich währt am längsten, bis man sein Ziel erreicht. Pst! Ich höre Thüren schlagen — das Verhängnis stolpert seinen Lauf. Nein, Nelly, kein Erbarmen mit dieser Abscheulichen, welcher Deine reine Stirn diese garstige Narbe verdankt. Mut. Eine unbefangene Miene, und sei in Ehr' und Schimpf meine Kameradin, wie fich's gehört. Sie kommt!" Man hörte aus dem Speisezimmer allerhand verdächtige Bewegungen — Christine schritt eben auf den Eingang zu, als Franja hereinftürzte mit zerzaustem Haar, Kleid und Schürze befleckt, urd unmittelbar vor ihrer Herrin Füßen schreiend niederfiel. „Gnädige Frau — ich — ich will nach Haus!" „Bist Du toll geworden?!" zürnte Christine. „Was unterstehst Du Dich in diesem Aufzuge vor der Gesellschaft zu erscheinen und die Herrschaften hier durch solches Geschrei zu belästigen?!" „O gnädige Frau! Es spukt schon wieder im Keller, es spukt! Ein Gespenst, ein Gespenst!" Franja zitterte wie eine Hundertjährige — „Heute habe ich es mit eigenen Augen gesehen!" Ein paar alte Damen schrieen auf, der Hausherr kam heran, musterte mit verächtlichem Seitenblick die mißliebige Zofe und sprach kalt: „Verrückt". „Ein Gespenst! Ein Gespenst!" wiederholte Franja wimmernd, „so hat es mich gepackt!" Sie streifte den Aermel in die Höhe und zeigte aus ihren hageren, bloßen Armen blutunterlaufene Flecken. Doktor Thorner trat neben Franja, besichtigte die Verletzungen und brummte: „Für ein Gespenst recht solide Griffe". „Du bist eine Närrin", schalt Christine, „sicher: Du hast wieder im Keller genascht, gestohlen und irgend wer hat Dir einen Schabernack gespielt". „Bei der Gnadenmutter, Panni, heute habe ich nicht das Allerkleinste mir genommen, beim Heiland, nicht!" jammerte Franja, in das ihr geläufigere Polnisch verfallend. „Schweig', nichtsnutzige Dirne!" herrschte sie Christine gleichfalls polnisch an. „Du bist mir zu schlecht, mit Dir polnisch zu reden. Wo bleibt der Champagner, hast Du ihn nicht heraufgeholt?" fragte sie deutsch. „Ich ging danach in den Vorkeüer" — Franja wischte den Angstschweiß von der Stirn —, „wie ich nach der dritten Flasche lange, steht es hinter mir und schreit". „Es!" fragte der Amtsrichter, „welches Es!" „Etwas Weißes, Großes", stöhnte Franja, „so hoch wie die Kirche!" ' „Der Keller hat kaum die Höhe eines Mannes wie ich", lachte Müller höhnisch. „Und was erzählte Ihnen das Weiße, Große?" Franja verstummte plötzlich. Der Amtsrichter stampfte den Boden vor Ungeduld. „Hält sie uns noch auf mit ihrer Albernheit! Was schrie Es?" Erschrocken stotterte das Mädchen: „Es schrie: Franja lügt — aber — ich — ich sage doch immer die Wahrheit... Und Es machte dazu ein furchtbares Geräusch". Die gesamte, sehr zahlreiche Gesellschaft, in welcher der Oberamtmann Riegner, der Bürgermeister, Dr. Thorner, der Förster, der Apotheker, kurz Alles, was einen Namen in Zladno trug, anwesend waren, hatte mit begreiflicher Spannung dem Vorgang gelauscht. Jetzt erhob sich Frau Oberamtmann Riegner, eine würdige, alte Dame aus altadeligem, polnischem Geschlecht, überdies eine Verwandte Christinens, die von Jedermann sehr verehrt wurde, näherte sich dem Hausherrn und faßte erregt seine Hand: „Mein lieber Heinrich Desiderius, dieses Mädchen scheint wirklich, wie Ihre teure Gemahlin soeben bemerkte, eine schlechte Person zu sein. Das Gespenst, das sie gesehen oder gehört haben will, dünkt mir, sei die Stimme ihres eigenen Gewissens gewesen. Da, wie uns allen bekannt, dieses Mädchen in einer Sache von Bedeutung sein Zeugnis ablegen soll, so würde ich raten, sie zur heiligen Beichte zu schicken, damit das verirrte Kind zur Wahrheit geleitet werde". Der Amtsrichter verneigte sich zustimmend: „Gewiß Frau Tante. Wie Sie raten, soll es geschehen!"

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