Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Date
- 1900-11-30
- Page
- Seite 757 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 48. Israelitische Wochenschrift. Seite 757. Art und Ausführbarkeit hervorriefen, ausgleichend, es ganz mit den im Leben herrschenden Ansichten, Gebräuchen und Gesetzen in Einklang zu bringen. Ein eklatantes Beispiel zur Unterscheidung zwischen notwendiger fortschrittlicher Entwicklung und dem, was man Opportunität und Auswüchse nennt, bieten uns die Makkabäer. Da gab es neben den Griechlingen, die, geblendet von dem Glanze des Heidentums, ihre Abstammung und ihre Religion verleugneten, wiederum andere, die aus falsch verstandenem Glaubenseifer sich in der Schlacht töten ließen, weil es Sabbat war, und weil sie den Sabbat nicht durch Kamps entweihen wollten, uneingedenk des Prinzips, „die Gebote seien gegeben, damit wir durch sie leben, aber nicht, damit wir durch sie sterben". Nur Mathatias, der löwenmutige Kämpfer für das Gesetz, gab das Beispiel, daß die Uebertretung des Gesetzes höher stehen könne, als seine Befolgung, wenn es die Ehre und die Erhaltung der Religion gilt. Der Erfolg zeigt, daß Mathatias den Zeitgeist richtig erkannt und den Pulsschlag des Volkes richtig gefühlt hat. Er beweist ferner, daß das Volk zu ihm Vertrauen gefaßt hat, daß er ihm als wahrhafter Vertreter der Religion und des Glaubens erschien, als ein aufrichtiger Wahrer des Gesetzes. Betrachten wir nunmehr von diesem Gesichtspunkt die modernen Bestrebungen der reformistischen Laien nach Umgestaltung des religiösen Lebens, — sei es in Form des Sonntagsgottesdienstes, sei es in Form der Abschaffung der hebräischen Gebetsprache, — um die Kluft zwischen Religion und modernem Leben zu überbrücken. Die Triebfeder dieser Bestrebungen der reformerischen Laien ist keineswegs der wahre Geist der Zeit, der wahre Geist der Geschichte, wie er auf der jedesmaligen Stufe seiner Entwicklung in Wirksamkeit tritt; dieses Dringen der reformistischen Laien auf Mündigkeit in religiösen Dingen ist keineswegs das Gefühl der Berechtigung vermöge der Lebendigkeit der religiösen und sittlichen Ideen, sondern es gilt nur der individuellen Willkür und Opportunität. Diese Opportunität hilft bekanntlich über alle Schwierigkeiten hinweg; sie teilt das ganze'Gebiet der religiösen Lehren und Vorschriften erstens in solche, die unbequem sind, mit dem modernen Leben in Kollision stehen und nennt sie „unzeitgemäß", den modernen Anschauungen nicht entsprechend; weg mit ihnen! zweitens in solche, die die Bequemlichkeit nicht stören; diese sind die göttlichen und bilden den positiven Teil der Religion. Hier angelangt, werden die Bestrebungen der reformistischen Laien unmoralisch, denn sie sind unwahr; die. Bequemlichkeit wird zum Kriterium der Wahrheit und Göttlichkeit. Wenn die Sünde der starren Orthodoxie der Fanatismus ist, so ist die Sünde der modernen reformistischen Laien, die von dem modernen Geist der Zeit durchdrungen zu sein vorgeben, die Unwahrheit. Zur Umgestaltung auf religiösem Gebiet gehört ein gewaltiger Glaube. Die Berührung der Dinge ist selbst für den Geübtesten eine solche, die ihm heilige Scheu einflößen muß. Es handelt sich ja um das Höchste, das das Judentum bewegt; da dürfen wir nicht schnell fertig sein mit unserm Wort und unserm Urteil, sondern müssen vielmehr die Mahnung der Schrift beachten: „warne das Volk, daß es sich nicht vordränge, aufzusteigen zum Ewigen". Der wahre Geist der Zeit schreitet nicht vor auf dem Weg, daß die Menschen alle geschichtlichen Errungenschaften über Bord werfen, um ein neues Leben nach ihrer Phantasie umzumodeln, sondern indem wir das geschichtlich Uebernommene weiterbilden. Ebenso schreitet eine religiöse Gesamtheit vor, indem sie den Geist, der in ihrer Religion lebt, zu erkennen trachtet, und den so erkannten Geist belebt zu Neubildungen und Neugestaltungen, nicht aber, indem sie aus Bequemlichkeit oder Nachahmungssucht zusammenrafft, ohne zu prüfen, ob das Zusammengerasfte zum Eigenen stimmt, oder ob es dem Geist dieses Eigenen widerstreitet. Wir sprechen so viel von unfern Opfern, von den mannigfachen Störungen, die wir in unserem religiösen Leben erfahren. Doch wie armselig erscheinen diese bei jeder Gelegenheit vorgebrachten Klagen neben den gigantischen Kämpfen unserer Väter, wie pygmäenartig unsere Anstrengungen gegen die vergangener Geschlechter. „Sie kannten nicht diese Bedürfnisse, ihre Zeit war nicht eine so tief bewegte", so lautet die Phrase der modernen Stürmer; als wenn je das Leben dem Menschen nicht kostbar gewesen wäre, als wenn unsere Tage erst die Augen darüber geöffnet, daß es angenehmer sei, sich an dem freundlichen Sonnenschein zu laben, als auf dem Scheiterhaufen den Geist auszuhauchen; und wir wollen unsere Erfahrungen so hoch anschlagen, halten es für übermenschliche Anstrengung, manchen Zeitverhältnissen zu widerstreben. Wohl liegt der Forderung, daß auf die Zeitverhältniffe eingegangen werde, Wahrheit zu Grunde; aber die Allgemeinheit, mit der diese Forderung in der neuesten Zeit hingeftellt wird, ist eine Verkennung des Glaubens, ist nichts anders als Willkür und Opportunismus. Sprrechsclclt. Die Soimtagspredigt. Die geehrte Redaktion ersuche ich höfltchst, folgenden Zeilen ein bescheidenes Plätzchen in Ihrem geschätzten Blatt einräumen zu wollen. Es haben Viele mit wirklicher Genugthuung gelesen, daß, wenn auch mit leider nur knapper Majorität, der Sonntagsgottesdienst nicht durchgegangen ist. Die Berliner Gemeinde ist gewissermaßen die Sonne, deren Strahlen auf die kleinern und mittler» Gemeinden fallen und sie erleuchten. Mit der Durchführung eines „Sonntagsgottesdienstes" wäre Berlin den andern Gemeinden mit schlauem Beispiel vorangegangen. In der That möchte ich die Herren Levtnstein und Genossen fragen: Wohin sollte diese Steuerung führen? Heute wünschen die Herren eine „Sonntagspredtgt", später paßte ihnen auch die Jom kippur nicht, dann wieder etwas anderes. Ich glaube, die Herren haben die Tragweite ihres Verlangens nach einer sonntäglichen Erbauung nicht reiflich überlegt. Sie möchten, da es ihnen geschäftlich am bequemsten paßt, was allerdings nicht zu bestreiten ist, einen Gottesdienst am Sonntag haben- Wie denken sich die Herren einen solchen Gottesdienst? Sollen die Gebetsworte „Weschomru bene Jsroel es ha- Schabbos" in „Weschomru beue Jsroel es Ha-Sonntag" um-