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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-11-23 · 47 (23.11.1900) · p. Seite 744

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
47 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
Seite 744 (sequence 12)
Language
German
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Seite 744. Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. Dr- Fiegel, während Abhaltung ihrer Monatssitzung, die Diskussion über die von Herrn Hirschfeld aufgestellten Thesen fort. Alle Anwesenden nahmen lebhaft daran Teil. Die Thesen wurden schließlich in folgender Fassung angenommen: 1) In Bezug auf den Zweck des Unterrichts im Hebräischen hält der Verein an seinem Beschlüsse vom 23. April 1898 fest: Der Unterricht im Hebräischen hat vor allem die Ausgabe, die Schüler zur verständnisvollen Teilnahme am Gottesdienst zu befähigen. 2) Der Stoff des Uebersetzungsunterrichts ist dem Gebetbuch und der Bibel zu entnehmen. 3) Der Unterricht im Hebräischen hat zu beginnen, wenn die mechanische Lesefertigkeit im Deutschen erreicht ist. 4) Als Vorbereitung für den Uebersetzungsunterricht sind bereits während der Leseübungen Vokabeln aus dem späteren Uebersetzungsstoff und aus der Praxis des religiösen Lebens mit ihrer Uebersetzung einzuüben. 5) Der Unterricht im Uebersetzen beginnt mit leichten Sätzen aus dem späteren Uebersetzungsstoff. 6) Von Anfang an ist aus eine möglichst treue Uebersetzung in einwandfreiem, gewähltem Deutsch zu halten. 7) Die gebräuchlichsten grammatischen Formen sind aus dem durchgenommenen Uebersetzungsstoff herzuleiten und dann im Zusammenhänge einzuprägen. — Am 8. Dezember findet die durch die Satzungen vorgeschriebene Generalversammlung statt. - — g.— Frankfurt a. M.> 18. November. (Aus dem Literaturverein.) Am 12. November sprach im Verein für jüdische Geschichte und Literatur Herr Rabbiner Dr. Salfeld aus Mainz über „Israels Leid im Liede". Die ältesten Klagen über Israels Leiden enthalten die Klagelieder Jeremias, die das Vorbild aller Elegien geworden sind, in denen Israel seine Klagen über seine Leiden ausströmt. Alle enthalten überzeugend wahre Schilderungen der Vorgänge, rücksichtslose Kritik an den Fehlern des Volkes, verkünden den Glauben an eine glückliche Zukunft, das Vertrauen auf Gottes gnadenreiche Liebe. In den Piuttm, Kinoth und Selichoth, überall bricht eine dichterische elegische Kraft durch, die an jenes unendliche Weh anknüpft und erinnert, von dem der Dichter sagt: „Ihr alle, die^Jhr des Weges zieht, schaut und sehet, ob es einen Schmerz giebt, der meinem Schmerz gleicht". Wenn es Stufen des Leides giebt, so hat Israel die höchste Staffel erreicht; wenn Ausdauer und Geduld adelt, so nehmen es die Juden mit den Hochgeborenen aller Länder auf. Wer könnte ohne Thränen die Elegien lesen, in denen die Qualen und der Tod , der zehn Märtyrer der hadrianischen Zeit so erschütternd geschildert wird? Wer wäre nicht ergriffen von der glühenden Sehnsucht nach der altgeheiligten Stätte unserer Heimat, die aus den Zioniden Jehuda Halevis klingt? Viele der Elegien, die durch die mittelalterlichen Verfolgungen entstanden sind, schlummern handschriftlich in Bibliotheken, und es ist ein verdienstliches Werk der „historischen Kommission für die Geschichte der Juden in Deutschland", diese herauszugeben. Den Gegenstand bilden die grauenhaften Verfolgungen, die die Kreuzzüge, die Blutbeschuldigung, die angeblichen ^Hostienschändungen und Brunnenvergiftungen unfern Vorfahren gebracht haben. Der Redner ging des Näheren auf die Ereignisse dieser verschiedenen Epochen ein und trug verschiedene der Klagelieder, die teils im deutschen Ritus, teils ' im polnischen Ritus Vorkommen, in poetischer Uebertragung vor. Die Zuhörerschaft dankte dem Vortragenden für seine interessanten Ausführungen durch warmen Beifall. Brüssel, 16. November. (Ein Appell an den Papst). Vor Kurzem hat sich hier ein Komitee gebildet, das sich mit einer Eingabe an den Papst zu wenden beabsichtigt. In dieser Eingabe soll der Papst gebeten werden, gegen den Antisemitismus und besonders gegen das Märchen des „Ritualmords" Stellung zu nehmen, gegen das in früheren Jahren verschiedene seiner Vorgänger die Juden in Schutz genommen haben. Die Mitglieder des Komitees weisen darauf hin, daß sie verschiedenen religiösen Bekenntnissen und verschiedenen philosophischen Richtungen angehören, daß aber keiner von ihnen jüdischen Ursprungs und jüdischen Glaubens sei. Sie nehmen sich die Freiheit, Se. Heiligkeit darauf aufmerksam zu machen, daß vornehme Gemüter, gleichviel welchen Glaubens, nicht ohne große Besorgnis den Fortschritt bemerken, den der Antisemitismus in verschiedenen Gegenden Europas macht. Mit Angst konstatieren sie den wachsenden Eindruck, den das abscheuliche, absurde Märchen vom Ritualmord auf die unwissenden Massen ausübt, und sie beklagen die Vorgänge, bei denen dieses Märchen täglich den Vorwand für Gewaltthätigkeiten und Plünderungen abgiebt. Aus diesem Grund bitten die Unterzeichner der Eingabe Se. Heiligkeit, die christliche Welt daran zu erinnern, daß es ihre Pflicht ist, die Wiederholung solcher blutigen Szenen und Verbrechen zu verhindern, die der Menschheit zur Schande gereichen. — Die „Jndependanee Belge" bemerkt bei einer Besprechung dieser Angelegenheit, „man könne den jugendlichen Illusionen der Komiteemttglieder seinen Beifall nicht versagen." t. Warschau. (Säkularseier). Eine Säkularfeier besonderer Art hat am 25. des Monats Tischri die hiesige jüdische Gemeinde begangen. An diesem Tag vor 100 Jahren starb hochbetagt der am Hof Stanislaus Ponjatowskis, des letzten Königs von Polen hochangesehene Samuel Bitkower, der als offizieller Vertreter (Stadlon) des polnischen Judentums seinen Stammesgenossen in Polen unschätzbare Dienste geleistet hat. Im Jahr 1780 erlangte Bitkower für eine Jahreszahlung von 400 polnischen Gulden und eine Lieferung von 25 Pud Talglichten an die benachbarte Kirche vom Staat die Ueberlassung eines Platzes zu einem Friedhof für die Gemeinde Neu-Praga. An dem Tag, an dem die russischen Truppen unter Führung ihres niebesiegten Feldherrn Suworow Praga erstürmten und aus Wut über die heldenmütigen jüdischen Verteidiger dieser Warschauer Vorstadt unter den Juden von Praga ' ein furchtbares Blutbad anzurichten sich anschickten, stellte Samuel Bitkower auf dem Hof seines Hauses zwei Tonnen auf, von denen die eine mit harten Silberrubeln, die andere mit goldenen Dukaten gefüllt war, und ließ bekannt machen, daß er jeden ihm eingelieferten Juden, er sei todt oder lebendig, freikaufe; für einen todten Juden zahle er einen Rubel, für einen lebenden einen Dukaten. . . Der Streich gelang vollständig, wie Nußbaum in seiner polnischen „Jstory Zydow" berichtet: Die Soldaten wollten lieber einen Dukaten als einen Rubel haben und lieferten die Juden lebendig ein. — Die Feier, der sämtliche Nachkommen Bitkowers sowie die meisten jüdischen Notabeln der Stadt Warschau beiwohnten, wurde in der Synagoge von Praga, dem Schau-

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