Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 47 (23.11.1900)
- Date
- 1900-11-23
- Page
- Seite 742 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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I Israelitische Wochenschrift. Mi. 47. des Knechts Abrahams den lebhaftesten Eindruck auf sie gemacht hatte. Rebekka war also nach natürlicher Gemütsart das Gegenteil von dem in sich versenkten, langsamer empfindenden, minder entschlossenen, zur Stille und Schüchternheit geneigten Isaak. Diese verschiedene Veranlagung des Geistes und des Ge müts sehen wir auch bei dem Bruderpaar ausgeprägt. Schon bei ihrer Geburt wurde jedem der bezeichnende Name gegeben; Esau, derMauhhaarige, wodurch seine rüstige Entschlossenheit, seine Leidenschaftlichkeit und Heftigkeit gekennzeichnet und sinnbildlich angedeutet wird, und Jakob, der „Fersenhalter". Bei der Geburt hält der zweitgeborene dem erstgeborenen Bruder die Ferse. Dieser Name, der auch den Charakter Jakobs bezeichnen sollte (27, 36), bedarf, weil er nach unserm Gefühl nicht eben einen edlen Sinn giebt, einer näheren Erklärung: Fersenhalter bezeichnet nämlich unter zwei Kämpfenden den schwächeren, unterliegenden Teil, der, wenn er schon zu Boden liegt, dadurch, daß er den andern an der Ferse festhält, auch diesen zu Fall bringt. Nach unserer egoistischen, allein auf die eigene Kraft hinblickenden Vorstellungsweise von Tapferkeit ist ein solcher Sieg ein schmählicher Sieg; wir nennen eine solche Art Hinterlist. Allein schon natürlich betrachtet, ist zwischen List und List ein sehr großer Unterschied. Es giebt auch eine rechtmäßige, nicht nur erlaubte, sondern sehr lobenswerte Klugheit, wenn nämlich der schwächere Teil das rechtmäßige Ziel, das ihm vorgesteckt wird, weil er es durch Gewalt nicht erreichen kann, durch Geduld und stillen Fleiß zu erreichen strebt, und es wirklich erreicht, während der Stärkere, der es im Vertrauen auf seine Kraft ergriffen zu haben meint, durch seinen Uebermut verblendet, es nicht erreicht. Wenn z. B. der schwächere, nur langsam vorrückende Schüler durch anhaltenden Fleiß zum Ziel kommt, während der begabtere, in seiner Einbildung immer vorauseilende, und deswegen nichts gründlich erfassende Schüler zurückbleibt, und wenn so der Schwächere im Kampf dem Stärkeren es zuvorthut, so können wir den Schwächeren darum nur loben. Das ist der Weg, der allen Schwächeren vorgezeichnet ist, den ihnen ihre Natur schon auferlegt, daß sie im Wettkampf mit den Größeren und Stärkeren nicht mit diesen über die Felsen springen, sondern langsam fortschreiten und es so den Stärkeren zuvorthun, die dann, wenn sie durch ihre eigene Voreiligkeit zu Fall kommen, gern es so ansehen, als ob ihnen von den Schwächeren die Ferse gehalten und ihr Sturz herbeigeführt worden wäre. So hat der Name „Fersenhalter" auch einen guten Sinn, und er offenbarte sich in diesem guten Sinn an Jakob dadurch, daß er, während Esau ein wilder Mensch wurde, der nur in die Weite hinaus zwecklos schweifte, in der Stille und daheim blieb und den Zweck seines Lebens wohl im Auge behielt. Dieses Symbol ist ebenso sinnreich, wie der geistigen und moralischen Tendenz der Mitteilung zunächst gelegen, und alle von Bibelschändern oder Schriftstellern hierüber gemachten anderen, entwürdigenden Bemerkungen beruhen auf Unkenntnis und Bosheit. Die verschiedenen Charaktere der beiden Brüder und die sich daran knüpfende Lebensstellung für die Mit- und Nach? welt wird nun als weitere Entwickelungsphase in dem Heilsgedanken der Menschheit durch eine ganz einfache Familienszene recht lebhaft dargestellt. Sehen wir nämlich zurück auf die natürliche Gemütsanlage der beiden Brüder, so hätte man erwarten sollen, daß Esau der Rebekka, Jakob Isaaks Liebling geworden wäre. Aber in der That war es umgekehrt; der rauhe Esau war des stillen Isaaks Freude, und der fromme Jakob der thätigen, eingreifenden Rebekka Lust. Näher betrachtet, ist das wohl zu begreifen. Die Eltern liebten sich in ihren Gegensätzen. Daß sie das unter sich selber thaten, wäre schon recht gewesen. Aber daß sie diese entgegengesetzte Zuneigung auch auf ihre Kinder übertrugen, daß sie ihren Kindern vorherrschend mit natürlicher Liebe zugethan waren, das offenbarte sich nachher in der Behandlung, die sie ihnen angedeihen ließen, obgleich Rebekka dabei das Wort der Verheißung auch auf ihrer Seite hatte. Der Vorzug der Erstgeburt in Abrahams Familie bestand nicht blos darin, daß der Erstgeborene und vom Vater dazu Gesegnete der Führer seiner Brüder und der Priester des Hauses wurde, und daß folglich seine Brüder ihm dienen mußten, wie dies auch sonst wohl in der patriarchalischen Zeit der Fall war, sondern weil nur Einer der Träger der Verheißung, durch die alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollten, sein konnte, so war mit der Erstgeburt auch die Hoffnung auf die Weiterverbreitung und Fortpflanzung des geistigen Stammerbes, auf die Verwirklichung des Bundes geknüpft, den Gott mit den Trägern dieser Verheißung geschlossen. Esau giebt es nun deutlich kund, daß ihm dieser Vorzug der Erstgeburt völlig gleichgiltig war. Für Esau hat nur die Gegenwart mit ihren sinnlichen Genüssen Wert; die geistigen Güter der Zukunft versteht ein solcher weltlicher Sinn nicht zu schätzen. Somit war also Esau für den Zweck, für den Gott Abrahams Geschlecht erziehen wollte, untauglich geworden, was uns auch noch durch die Worte „er aß uud trank, stand auf und ging davon und verachtete die Erstgeburt" klar und anschaulich vor Augen gestellt wird. Wenn nun Jakob diese augenblickliche Schwäche seines Bruders sich zu Nutzen machte, um ihm in einer so wichtigen Angelegenheit ein Versprechen abzulocken, so dürfen wir diese zwischen den beiden Brüdern gepflogene Verhandlung durchaus nicht für eine blos gelegentliche Spielerei halten, sondern, indem wir uns an den Ernst und die Bedächtigkeit erinnern, die den Morgenländern in ihren Reden und Handlungen eigen ist, und die gewiß im Altertum noch viel stärker ausgeprägt war, so müssen wir diese Verhandlung als eine in vollem Ernst gepflogene ansehen, deren Bedeutung von beiden Brüdern wohlverstanden, und deren Bedeutung von dem benachteiligten Esau selbst noch 40 Jahre nachher völlig anerkannt wurde (27, 36.). Auf jenem Recht beruht auch der Segen des Vaters, den er vor dem Tod seinem erstgeborenen Sohn erteilen will, und den der jüngere Jakob mit Hilfe eines Kunstgriffs erlangt. Hierbei gingen Mutter und <Sohn auf etwas schlaue Weise um, indem sie den des Augenlichts beraubten Vater täuschten, ein Betragen, das unsere Zeit sehr hart an ihnen rügt. Die Bibel, die ganz harmlos uns über die Jntriguen der von ihr so sehr gefeierten Personen berichtet, unterläßt es nicht, eine