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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-11-23 · 47 (23.11.1900) · p. Seite 741

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
47 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
Seite 741 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 47. Israelitische Wochenschrift. Seit geschehen ist. Wie bei vulkanischen Ausbrüchen auch sonst die Eingeweide der Erde und die Regionen des Himmels oder der Atmosphäre zugleich in entsetzliche Gährung geraten, daß der Mensch seine völlige Ohnmacht darunter empfinden, und alles was lebt, unter dem ausgestreckten Arm Gottes erbeben muß, so erging es auch hier, nur mit der Maßgabe, daß die Wirkung blos aus den Bezirk der vier Städte beschränkt war. Das Verderben brach über die zum Gericht bestimmten Städte mit einem Mal von oben und von unten heraus. Die Erderschütterung und die Spaltung des Bodens allenthalben, das Hervorbrechen des unterirdischen Feuers und das schreckliche Gewitter von oben, das die Städte umhüllte, die Ansüllung der Luft mit Schwefel- und Salzstoffen, das Zucken und Herabfahren der Feuerstrahlen von allen Seiten her, das alles kam auf einmal, und es war, wie die Schrift es ausdrückt, eine völlige Umkehrung der ganzen Gegend. Und weiter merkwürdig ist noch das, daß während bei vulkanischen Ausbrüchen ein banges Vorgefühl bei Menschen und Tieren vorhergeht, hier keine Anzeige davon sich findet, daß die Leute in Sodom von einem solchen Vorgefühl etwas empfunden hätten, daß also die Leute mitten in ihrer Sicherheit von dem Gericht Gottes plötzlich verschlungen wurden. Mitten in diesem allgemeinen Untergang werden wir noch aus Lots Weib aufmerksam gemacht, das zur Salzsäule wurde. Lot war besonders davor gewarnt worden, daß er nicht hinter sich sehen, nicht stehen bleiben solle in dem ganzen Bezirk. Sein Weib aber, das nur mit Gewalt war hinausgeführt worden, das im Herzen noch völlige Sodomitin war, sah zurück, und während sie im Geist beim Anblick der Feuersglut erstarrt, in die ihr geliebtes Sodom verwandelt ist, wird sie vom Schwefeldampf erstickt und alsbald, so wie sie steht, mit einer Salzkruste, wie die ganze Gegend, überzogen, zum bemerkenswerten Erempel für die, die zwar äußerlich sich entfernen von dem Bösen, innerlich aber an ihm hängen bleiben. Die ganze heilige Schrift, von dem ersten Kapitel des ersten Buches Mose an, wo uns die Schöpfung der zeitlichen Welt durch den Willen und das Wort des ewigen Gottes verkündet wird, bis zu dem letzten Wort, bezeugt uns in mannigfaltiger Weise, daß das Uebel, d. h. alles, was unsere Schmerzen erregt, nicht eine in sich selbst notwendige Naturordnung, sondern eine von des Schöpfers Willen gesetzte Gottesordnung ist. Nicht ein Naturgesetz, sondern ein Gottesgesetz waltet in und über allem menschlichen Schmerz. Diese Grunderkenntnis kann nicht stark genug betont werden, sie ist die durchaus unentbehrliche Grundlage für unsere sittliche Würdigung des Leides. Ist das Leid bis zu seiner Spitze, dem Tod, eine bloße Naturordung, so kann weder von einem über das Leid hinausliegenden Zweck noch von einer Ueberwindung des Leides die Rede sein. Das Naturgesetz ist unerbittlich und unabwendbar, mit starrer Notwendigkeit wirkt es in seinem fest bestimmten Bereich. Wenn in unserem Leben und Streben keine andere Gesetze walteten, als die physischen Gesetze des Wachsens und der Verwesung, so würde es weder Freude noch Schmerz, weder Sorge noch Hoffnung geben. Schon das bloße Vorhandensein dieser Empfindungen, die nicht physisch, sondern ethisch sind, also auf dem Gebiet des öeistigen Lebens und der sittlichen Freiheit liegen, bestätigt die Aussage der heiligen Schrift, daß Leiden und Tod nicht vermöge einer ordnungsmäßigen Naturnotwendigkeit in die Welt gehören. Darum ist es nicht nur ein gottloser, sondern ein völlig widernatürlicher und wahrhaft unsinniger Rückschritt, bei dem heute die Philosophie des Pessimismus angelangt ist, wenn diese nur eine neue Weltreligion anpreist. Diese neue Religion trägt selbst ihre Todeszeichen zur Schau; denn als ihre höchste Wahrheit verkündet sie die dumpfe Verzweiflung, da dem Menschen zugemutet, wird, das Elend des Daseins in der Erwartung zu tragen, daß das Einzelleben wie eine Blase im großen Weltmeer verfließen werde, und da die Selbstvernichtung für das wahre Ziel des Menschenlebens uns gegeben wird. Schon die natürliche Entwicklung des menschlichen Geisteslebens ist über die starre Verzweiflung dieser Weltanschauung hinausgegangen; die tiefe Sehnsucht der menschlichen Natur streckt sich nach einem des Lebens und des Ringens werten Ziel; unter den Schmerzen des irdischen Lebens wird die Hoffnung geboren. Allerdings macht sich auch innerhalb der jüdischen Weltanschauung von Zeit zu Zeit der Ruf hörbar: „Alles ist eitel". Zur Zeit nationaler Entartung und Verkommenheit, Stillstandes und tiefer Erniedrigung ertönt ein solcher Ruf. Der Unterschied ist aber der, daß in der jüdischen Weltanschauung die Ansicht von der Nichtigkeit und Eitelkeit des Jüdischen nur Stimmung des Individuums oder zeitliche Stimmung der Nation oder die Stimmung eines Zeitalters ist, die bald wieder von dem Gottesbewußtsein und der höheren Ausgabe des menschlichen Lebens überwunden wird. Die Idee des allweisen Willens, des Vertrauens und der Hingabe an Gott bleibt auch dem Zweifler an dem Werk und der Wesenheit der irdischen Dinge, und so ist es doch zuletzt nur die Schale, die ihren Glanz und ihre Bedeutung verliert, und das Endziel bleibt:- „Gott ehrsürchte und seine Gebote wahre", und „Freue dich, Jüngling, in deiner Jugend.doch wisse, daß über alles dieses dich Gott bringt in das Gericht, und so gedenke deines Schöpfers auch in den Tagen deiner Kraft". II. Jakob und Esau. Die Entzweiung und der Streit, der nachmals zwischen den Brüdern Esau und Jakob ausbrach, wird im Eingang des Wochenabschnitts mbm dadurch vorbereitet und begründet, daß daselbst die ungleiche Artung der Brüder, die verschiedene Veranlagung ihres Geistes und Gemütes geschildert wird. Gerade wie in natürlicher Gemütsart die Eltern sich gegen einander verhielten, so verhielten sich auch Esau und Jakob gegeneinander, als sich beim Heranwachsen ihre Natur mehr entwickelte. Die Mutter war eine Frau von starkem Gemüt, entschlossen, beharrlich, mitunter wohl auch leidenschaftlich in ihren Aeußerungen. Wir verstehen nun auch die Antwort besser, die sie den Ihrigen auf die Frage: willst du mit diesem Mann ziehen? gegeben hatte. Ihr damaliges Wort: „Ja, ich will mit ihm gehen", war nicht der Ausdruck von Gelassenheit, des still sich hingebenden Gehorsams, sondern sie wußte, was sie that, sie hatte es vorher wohl überlegt und folgte mit freudiger Entschlossenheit, indem die Erzählung

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