Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 47 (23.11.1900)
- Date
- 1900-11-23
- Page
- Seite 738 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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738 Israelitische Wochenschrift. ■Hi. 47 RillnäilWr Trug. Jassy, November 1900. Noch sind manche Nachklänge der überaus sympathischen Begrüßung, die dem Ministerpräsidenten Carp seitens der Presse Europas bei seinem Amtsantritt zu Teil wurden, zu vernehmen. Er wurde als moderner europäischer Staatsmann und Diplomat gerühmt, und wenn diplomatische SLaatskunst darin besteht, daß man seine Absichten hinter geschickt konstruierten Phrasen verbirgt und die Mitwelt durch tönende Erlasse täuscht, so verdient Herr Carp in der That unter allen europäischen Staatsmännern den ersten Platz. Man weiß, daß das konservative Ministerium infolge der finanziellen Verlegenheiten zurückgetreten ist, die mit der Judenfrage in engstem Zusammenhang sind, und daß das Ruder Herrn Carp übergeben werden mußte, weil man von ihm voraussetzte, daß er modernen Anschauungen in der Judensrage huldige.. Sein Erstes war deshalb ein Erlaß, der eine alte bedeutungslose Instruktion in Betreff der Fremden-Freizügigkeit erneuerte, wonach nur dem Ministerium die Befugnis zusteht, Aufenthaltsbewilligungen auf dem Lande aufzuheben. Jetzt konnte zwar nur das Ministerium die Bewilligungen aufheben; es blieb aber in Wirklichkeit alles beim Alten. Juden werden nach wie vor aus Dorfgemeinden, wo sie seit 70 Jahren ansässig sind, verbannt, und noch keinem Juden ist eine Niederlassung bewilligt worden. Der Erlaß hat gleichwohl die beabsichtigte Wirkung gehabt: er hat Europa über seine Tragweite getäuscht, ganz so wie es das Kommitatsgesetz gethan, das die Regierung projektieren soll. Auch dieses wird keine der bestehenden Einschränkungen für Juden aufheben, höchstens neue Lasten auch auf die vielen armen jüdischen Einwohner wälzen. Herrn Carp als Politiker ist jedes Mittel willkommen, die Welt in der vorgefaßten Meinung über seine Person zu täuschen und die Aufmerksamkeit von der Judenfrage abzulenken. Einen solchen Anlaß bietet die Ermordung eines fanatischen Kutzo-Walachen seitens eines nicht weniger fanatischen Bulgaren. Dieser Mord wird zu einem rumänisch-bulgarischen Konflikt aufgebauscht, und Herr Carp kann von Glück sprechen, denn diese Angelegenheit beschäftigt die Gesamtpreffe Europas, während die Juden, die sich solchen Glückes nicht rühmen können, in Vergessenheit geraten. Dieser Mord hat dazu Veranlassung gegeben, daß ein in den Kartons des Ministeriums seit mehr als 20 Jahren moderndes Fremdenreglement hervorgeholr und angewendet wird, daß von jedem Fremden, der sich im Besitz eines fremden Paffes befindet, eine von der Polizei zu erteilende Aufenthaltsbewilligung verlangt wird. In jenem Erlaß ist das erstemal von rumänischen Juden die Rede, indem „Fremde, die keinem fremden Staat angehören, hier ihrer Militärpflicht genügt haben und so oft sie ins Ausland reisten, im Besitz eines rumänischen Reisepasses waren", dieser Bewilligung nicht bedürfen. Viele jubelten, denn man wollte in diesem Erlaß den ersten versuchsweisen Schritt zur Lösung der Judenfrage seitens der Regierung erblicken. Es war das erstemal, daß die Regierung zwischen rumänischen Juden-Fremden und wirklichen Fremden einen Unterschied machte. Skeptiker schüttelten das Haupt: „Frohlockt nicht zu früh, auch aus diesem Gesetz werden Vexationen und Unannehmlichkeiten für die Juden entstehen". Die Skeptiker haben Recht behalten. Bekanntlich ist der finanzielle Himmel Rumäniens immer noch so bewölkt, wie zuvor. Die 15 Millionen vom Cigarettenpapier-Monopol-Verkauf waren blos ein Tropfen auf heißem Stein. Für Ersparungen und neue Steuern ist Rumänien nicht das Land, da die Betroffenen zur offenen Revolte übergehen. Die neuen Steuern haben Blutvergießen, aber keine Einnahmen gebracht. Die Millionen müssen aber beschafft werden, und wer soll sie hergeben, wenn nicht die Juden! Diese revoltieren nicht, wenn sie noch so ausgesogen werden! Man kann wieder vom Glück des Herrn Carp sprechen, denn es gelang ihm, ein Auskunftsmittel zu ersinnen, durch das er zwei Fliegen mit einem Schlage traf, die nötigen Millionen gewinnen und die zivilisierte Welt, hauptsächlich die Geldleiher über die Absichten der Regierung gegenüber den Juden täuschen konnte. Das Fremdenreglement bietet dazu die Handhabe. Nach diesem Reglement wurden die rumänischen Juden von der Aufenthaltsbewilligung verschont. Doch kam ein neuer Erlaß, der den Juden, die die Militärpflicht erfüllten, das Beibringen eines von dem Justizminister auszufolgenden Zeugnisses auferlegt, daß sie die Naturalisation nachgesucht haben. Dieses Zeugnis soll dann als Aufenthaltsbewilligungs-Schein dienen. Das Zeugnis über die Erfüllung der Militärpflicht giebt also keine genügende Berechtigung. Der eigentliche Zweck der Regierung ist, auf diese Weise 4 Millionen zu erlangen, die aus den Stempeln für die verschiedenen Gesuche einfließen werden. Kostet doch blos das Naturalisationsgesuch 25 Fr. Stempel, und werden die vielen erforderlichen als Belege dienenden Dokumente noch andere Stempelbogen erfordern! Der „Adeveral", das bestinsormierte rumänische Blatt, veröffentlicht hierüber die genauen Details. Man rechnet darauf, daß die reichen Juden des Auslands den armen rumänischen Juden die 4 Millionen für den hungrigen rumänischen Staatsschatz hergeben werden. Die Absicht des Betrugs ist offenbar: Die Juden, die in den kümmerlichsten Verhältnissen leben und nicht einmal das nötige Brot für ihre Kinder beschaffen können, werden die leeren Kassen des Aerars füllen müssen. Es wird ihrer eine neue Reihe von Verfolgungen, Vexationen und Erpressungen seitens der musterhaften rumänischen Beamten und Polizeiorgane harren; erhalten werden sie nichts, denn sie durften wohl die Naturalisation nachsuchen, gewährt wird sie aber keinem Einzigen, und so werden sie weiter als Parias in diesem einen Hort der Zivilisation im Orient abgebenden Staat ihr Dasein fristen. Lagern nicht bereits seit Jahrzehnten Tausende von solchen Gesuchen, ohne nur für eine Minute die schützenden Kartons der rumänischen Kammern zu verlassen und die neuen Gesuche werden nur den Papierhaufen vermehren. Hern Carp jedoch kann in die Welt hinausposaunen: „Ein Erlaß des Ministers an die Präfekten fordert die Juden auf, die Bürgerrechte nachzusuchen".