Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 47 (23.11.1900)
- Date
- 1900-11-23
- Page
- Seite 737 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 47. Israelitische Wochenschrift. Seite 737. welchem er hervorhob, daß schon um die Zeit 1820—24 einflußreiche Juden einen Verein zur Föderung der Landwirtschaft unter den Juden in der Provinz Posen begründet haben, wie es Herr Rabbiner Bloch-Posen aus den Archiven festgestellt hat. Aus diesen Ausführungen ist zu ersehen, daß die Idee der Rückkehr der Juden zur Landwirtschaft nicht neu ist, und daß daher dieses Neuheits-Moment zur Entschuldigung der geringen Erfolge des Vereins nicht angeführt werden kann. Vielmehr hat der Verein seit seinem Bestehen viele Freunde dieserJdee vor denKopf gestoßen dadurch, daß er Ahlem nicht jenes Wohlwollen angedeihen ließ, das ihm von rechtswegen gebührt. Ahlem und der Bodenkulturverein verfolgen fast dieselben Ziele, wenigstens liegt beiden dieselbe Idee zu Grunde und dennoch gelten sie nach außen als Gegensätze, als Konkurrenzunternehmungen zweier Gesellschaften. Ahlem wird nicht nur in den Versammlungen des Bodenkulturvereins teils grundlos kritisiert, sondern auch in Privatgesprächen wird von Männern über diese Anstalt abfällig geurteilt, die sie nie gesehen, und die von der ganzen Bodenkultur-Bewegung keine blaße Ahnung haben; dem hochherzigen Stifter Herrn Konsul Simon werden, was ich zu meiner Betrübnis und der aller Gutgesinnten erwähnen muß, Motive unterschoben, die ihm weltenfern sind; mit scheelen Augen steht man auf die ziemlich großen Einnahmen und Spenden, die Ahlem jetzt erreicht hat. So lange dieses Mißverhältnis bestehen wird, dürste der Bodenkulturverein, wie ich befürchte, kaum nennenswerte Fortschritte machen. Ahlem hat einmal seinen Kreis von Freunden und Gönnern, die in Liebe und Treue zu ihm halten und die nur dann in dem Bodenkulturverein mit Hingabe und Eifer Mitwirken dürsten, wenn der Verein gegen ihre Lieblingsanstalt anders verfahren würde. Nach meinem Dafürhalten könnte die Propaganda für den Verein zur Förderung der Bodenkultur nur dann die erstrebten Erfolge erzielen, wenn sein Verhältnis zu Ahlem geklärt sein wird. Der Bodenkulturverein dürste sich nicht damit begnügen, wie Herr Rosenstiel meinte, „dieser Anstalt selbst, insbesondere aber den dort ausgebildeten Lehrlingen auf ihrem ferneren Lebensweg förderlich zu sein", vielmehr müßte er Ahlem ganz in seine Obhut nehmen. Ahlem mit seinen Komites, Beiträgen, Einnahmen rc. müßte der Leitung des Vereins unterstellt werden. Der Bodenkulturverein müßte nach meiner unmaßgeblichen Meinung die Centrale sein, wohin die Beiträge und Spenden aller Gönnerder Landwirtschaftsidee fließen, müßte das Reservoir bilden, aus dem Ahlem und die zum Zwecke der Förderung der Bodenkultur noch zu gründenden ähnlichen Anstalten und Kolonien gespeist werden. Dem Vorstande des Bodenkulturvereins müßte das Verfügungsrecht zustehen, zu bestimmen, ob Ahlem weiter ausgebaut werden soll, um eventuell noch eine größere Zahl von Zöglingen aufnehmen zu können, oder aber dasselbe auf der erreichten Höhe zu erhalten und mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln ähnliche Institute in anderen Gegenden zu errichten. Jedenfalls müßte Ahlem von dem Verein als „erstgeborener Sohn" betrachtet, wenngleich diese Anstalt vor der Gründung des Bodenkulturvereins entstanden ist, nicht aber, wie es leider bislang geschah, als „uneheliches Kind" behandelt werden. Ob die Verwaltung, wie Kuratorium und Vorstand, in Ahlem weiter bestehen soll, darüber könnte sich die Generalversammlung des Bodenkulturvereins schlüssig werden. Immerhin müßte ein engererer Zusammenschluß herbeigeführt werden; ein Zusammengehen Ahlems mit dem Verein könnte zweifelsohne beide fördern, ein Nebeneinandergehen aber wird beiden bei der Propaganda, wie bisher, hinderlich und hemmend sein. Denn schließlich sind es ja doch immer dieselben Personen, an die man sich wendet und die ganz wirr werden, wenn sie bald eine Flugschrift von Ahlem, bald eine solche von dem Bodenkulturverein bekommen. Freilich denkt niemand daran, daß der Verein seine Thätigkeit ausschließlich auf Ahlem beschränken soll, wie Herr Katz-Rybnik aus den Worten des Herrn Rosenstiel herauslesen wollte (Zettg. des Judentums Nr. 43), das wäre in der That sehr reichlich, oder wie Herr Katz sich ausdrückte „total verkehrt". Aber ebenso für total verkehrt halte ich seinen Vorschlag, „an allen Seiten zu beginnen, in jeder Provinz". Gesetzt den Fall, wir gründeten in jeder Provinz eine landwirtschaftliche Schule — nota bene wenn wir den nervus rerum dazu hätten — und was wäre dann? Die einzelnen Anstalten würden sich dann gegenseitig in der Entwickelung hemmen, fortwährend mit finanziellen Nöten operieren und Zwerg- und Krüppelanstalten bleiben, mit lokalem Charakter, deren Leistungen zu dem Aufwand von Kraft und Geld in gar keinem Verhältnis stehen würden. Wir würden dann mit unseren edlen Bestrebungen Fiasko machen und den Judenfeinden Stoff zum Schimpfen geben, indem sie darauf Hinweisen und sagen würden: „Seht mit großem Lärm sind von den Juden landwirtschaftliche Schulen gegründet worden, die aber leisten nichts und können nichts leisten — weil eben der Jude kein Interesse und keinen Sinn für körperliche Arbeit besitzt". — Nein, so schnell wie Herr Katz es will, kann die Idee der Hinüberleitung der Juden zur Bodenkultur nicht verwirklicht werden, wenn auch die Synagogenverbände, auf deren Mitarbeiterschaft wir selbstverständlich mit Bestimmtheit rechnen, uns kräftig unterstützen würden. Denn „gut Ding will Weil haben". Nach meiner Ansicht müssen wir langsam vorwärts schreiten; eine neue Anstalt darf nicht ins Leben gerufen werden, so lange die alte noch nicht gut fundiert ist, keine zweite Kolonie darf angelegt werden, so lange die erste nicht auf eigenen Füßen steht. Das hohe Ziel, dem wir hinstreben, kann nur durch ein einheitliches Zusammengehen, nicht aber durch ein partikularistisches Nebeneinandergehen erreicht werden. Aus einer Centrale muß alles geleitet werden und diese Centrale soll der Bodenkulturverein sein. Dieser soll gleichsam den Brenn- und Sammelpunkt bilden für alle Elemente im Judentum, die sich für diese „zeitgemäße Frage" interessieren, die Sonne sein, die ihre heilbringenden und wärmenden Strahlen nach allen Enden und Richtungen unseres Vaterlandes aussendet. Mögen unsere Glaubensgenossen, die dieser heiligen Sache in selbstloser Weise dienen wollen, des alten lateinischen Sprichwortes eingedenk sein: „Concordia parvae res crescunt, discordia maximae dilabuntur!“