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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-11-23 · 47 (23.11.1900) · p. Seite 736

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
47 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
Seite 736 (sequence 4)
Language
German
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.-V -i m &Cr Seite 736. Israelitische Wochenschrift. Nr. 47 geworfen, das zum Glück keinen Schaden anrichtete. In der antisemitischen „Schlesischen Zeitung" erzählt ein Herr G., daß er die Frau alsbald ergriffen und sie gefragt habe, wie^ste sich habe unterstehen können, nach unferm Kaiser und König zu werfen. Die Frau antwortete, sie sei in Berlin gewesen, und dort habe ihr der Kaiser gesagt, sie solle sich ums Leben bringen. Auf eine weitere Frage des Herrn G. erwiderte sie: „Das geht Sie gar nichts an, Sie sind ja Jude!" Die Frau ist verrückt. Die Frau ist, wie ihre Rede bekundet, Antisemitin. Sie würde sich wahrscheinlich weigern, vor einem jüdischen Richter einen Eid abzulegen. So sind sie Alle — Alle ohne Ausnahme. * * * (Deutsche Patrioten.) In dem Reichstags - Wahlkreis Bomst-Meseritz ist der antisemitische Kandidat Bruhn durchgefallen, der konservative Bewerber ist mit dem sozialdemokratischen zur engeren Wahl gekommen. Die Partei des Unterlegenen wird in ihrem Mejeritzer Organ aufgefordert, bei der Stichwahl dem konservativen Kandidaten die Stimme nicht zu geben, d. h. das Mandat dem Polen zu überantworten. In demselben Wahlkreis hat ein katholischer Geistlicher sich um die Stimmen der deutschen Katholiken beworben. Dem Erzbischof gegenüber hat er, seine Bewerbung rechtfertigend, hervorgehoben, daß er die deutschen Katholiken „vor den Antisemiten und Sozialdemokraten, die hier fast identisch sind", gewarnt habe. Hier ist ein doppeltes wahrheitsgemäßes Zeugnis für den sittlichen, politischen und patriotischen Wert der Antisemiten: Sie sind Anarchisten, denn ihr Sozialismus ist der der „dummen Kerle", und sie sind bereit, vaterländische Interessen für nichts zu achten, wo sie persönlich verärgert sind. So sind sie Alle — Alle ohne Ausnahme. * * * (Ein Geständnis.) In der französischen Deputiertenkammer haben die als Nationalisten verkleideten Antisemiten nach dem Vorgang der antisemitischen Presse einen Verleumdungsfeldzug gegen das Ministerium Waldeck-Rousseau eingeleitet. Sie sind damit kläglich gescheitert. Bei der Gelegenheit legte der Hauptschreier Drumond das naive Geständnis ab, ein Journalist dürfe üble Nachrede verbreiten, ohne Beweise für die Richtigkeit zu haben, denn seine Aufgabe sei es, die öffentliche Meinung, das Gerücht, zum Ausdruck zu bringen. — Diese antisemitische Auffassung vom journalistischen Beruf ist nicht neu, aber das Eingeständnis ist es. Die publizistische Handlangerschast der Verleumdung, das ist das antisemitische Preßgewerbe. Ahlem und der Amin m Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands. Von Rabbiner Dr. E. Finkel-Pasewalk. Vor einiger Zeit hat Herr Eugen Rosenstiel-Berlin, dessen edle Bemühungen um das Wohl unser Glaubensgenossen hinlänglich bekannt sind, wieder einmal die „zeitgemäße" Frage der Hinüberleitung der Juden zur Bodenkultur in den jüdischen Zeitungen erörtert. Alles, was Herr Rosenstiel vorgebracht, ist so überzeugend, daß ein jeder Unbefangene ihm beipflichten muß. Wir können uns der Thatsache nicht verschließen, daß dem Streben jüdischer Eltern, ihre Kinder Lebensstellungen zuzuführen, die ihnen einige Gewähr für ein gesichertes Auskommen bieten, in unserer Zeit Hindernisse entgegenstehen, mit denen die Angehörigen anderer Bekenntnisse nicht zu kämpfen haben; wir wissen, daß trotz der gesetzlichen Gleichberechtigung die Juden von allen Staats- und Kommunalämtern fast gänzlich ausgeschlossen sind. Die Ueberproduktion auf dem Gebiet des Studiums, die Uebersüllung der gelehrten Berufsarten ist jedermann bekannt. Daß auch Handel und Industrie, infolge der veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse nur noch geringe Aussichten zur Erlangung einer materiell gesicherten Position bieten, ist jedem Einsichtigen klar. Neue Wege zu finden, neue Möglichkeiten zur Begründung einer achtbaren bürgerlichen Existenz unserer Heranwachsenden Jugend zu schaffen, ihr neue Erwerbszweige zu erschließen, ist daher, wie jetzt allgemein zugegeben wird, eine unabweisbare Pflicht für die Juden in unserer Zeit. Diese neuen Quellen des Erwerbs zu eröffnen, hat sich der „Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands" zur Aufgabe gestellt, indem er unsere Glaubensgenossen zur Landwirtschaft und Gärtnerei hinüberleiten will, und zwar thut er dies, wie Herr Rosenstiel ausführte, aus sozialen, ethischen und hygienischen Gründen. Dieser Verein besteht schon seit einigen Jahren, hat aber bis jetzt fast noch keine Erfolge aufzuweisen. Die Mitgliederzahl ist noch sehr gering, die bisherigen Leistungen sind fast gleich Null. Die Ursache dieser betrübenden Erscheinung ist vor Allem in der Art der Propaganda zu suchen. Dabei ist die Idee der Hinüberleitung der Juden zur Bodenkultur nicht so neu, wie vielleicht manche Vereinsmitglieder in Ueberhebung glauben dürften; „sie ist schon längst gewesen in Zeiten, die vor uns gewesen sind". Bereits der am 7. November 1819 in Berlin gegründete „Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums", an dessen Spitze Leopold Zunz, Eduard Gans und Moses Moser standen und dem später auch Heinrich Heine angehörte, hatte unter anderem in seinem Programm ausgenommen: die Unterdrückung der einseitigen Neigung unsrer Glaubensgenossen zum Handel durch Hinleitung der aufblühenden Generation zu Gewerben, Künsten und Ackerbau; im Jahre 1822 beabsichtigte dieser Verein eine Ackerbau-Kommisston einzusetzen und war bemüht, sich eine Liste aller jüdischen Oekonomen anzulegen, ähnlich wie dies jetzt der Fall ist. Auch viele Vereine zur Förderung des Handwerks unter den Juden, die im Lauf des letzten Jahrhunderts entstanden sind, haben zum großen Teil auch die Förderung der Bodenkultur unter unfern Glaubensgenossen mit in den Kreis ihrer Wirksamkeit gezogen. In manchen Provinzen Deutschlands sind sogar Stipendien und Legate für jüdische Zöglinge der Landwirtschaft vorhanden, wie ich auf meiner Vortragsreise im Interesse Ahlems in Würzburg von Herrn Baron Hirsch, einem Vetter des verstorbenen Baron Hirsch-Paris, erfahren habe. Ich erinnere schließlich an den Vortrag des Herrn Rosenthal aus Posen, den er am 27. Mai d. Js. in der Generalversammlung des Vereins zur Förderung der Bodenkultur gehalten und in

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