Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- Seite 695 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 44. Israelitische Wochenschrift. Seite 695. gekennzeichnet, von der Bevölkerung als solche gehaßt und verachtet und in der Möglichkeit des Erwerbs nach wie vor geschädigt sind. Solange ihnen nicht das durch den Berliner Vertrag verbriefte Recht auf vollständige Anerkennung ihres Staaatsbürgertums gewährt wird, solange man den von der Regierung durch Jahrzehnte geforderten und genährten Vorurteilen der Bevölkerung nachgiebt und ihr immer neue Opfer bringt, solange dauert das Elend fort. Es bleibt ein schleichendes Nebel, dem jahraus jahrein Tausende zum Opfer fallen müssen. Die Sache der rumänischen Juden ist die Sache des Rechts und der Menschlichkeit. Würde das rumänische Ministerium mit starker Hand dem Recht zum Sieg verhelfen, dann würde den rumänischen Juden geholfen sein. Wir könnten sie dann ruhig, da sie eine tapfere, arbeitsame, ihr Vaterland, trotz aller Verfolgung, liebende Bevölkerung bilden, ihrem Schicksal überlassen; sie würden sich selber aufhelfen können und im freien Wettbewerb der Kräfte würden sie ihrem Vaterland und dem allgemeinen Wohl die größten Dienste erweisen und einen nützlichen Teil der Bevölkerung bilden. Solange dies aber nicht der Fall ist, muß die Hilfsthätigkeit fortdauern; das ist allen, die mit dieser Frage sich beschäftigen, vollkommen klar, und deswegen müssen die Komites unausgesetzt die begonnene Thätigkeit fortentfalten. An erster Stelle gebührt dem europäischen Zentral-Komite Le^varmste Dank für sein unausgesetzt mutiges Eintreten für ^^^Mmlichen. Diesem Zentral-Komite, welches in einer Ende Juni dieses Jahres stattgehabten Versammlung von den Delegierten der größeren europäischen jüdischen Wohlthätigkeits- Jnstitutionen gebildet wurde, gehören Männer aus Deutschland. England, Frankreich, Italien, Oesterreich - Ungarn, Belgien und Holland an, und alle wirken harmonisch für das gemeinsame Werk der Menschlichkeit zusammen. Das Zentral-Komite hat mehrere Delegierte in Rumänien, welche die Ortschaften bereisen und die augenblickliche Not zu stillen suchen! — Viele, viele Tausende sind thatsächlich dem Verhungern ausgesetzt. — Man errichtet, wo es nur möglich ist, Volksküchen, beschafft die notwendigsten Kleider und ein Lager für die Nacht; man gründet Leihkaffen, um dem arbeitenden Handwerker, dem kleinen Krämer die Mittel zum weiteren Erwerb zu gewähren, man sorgt für Handwerkszeug; man gründet in den Gemeinden Komites für Wohlfahrtseinrichtungen; man sucht ihr Selbstbewußtsein und ihr Vertrauen zu stärken. Rührend ist bei allem Elend die tapfere Treue, welche die Aermsten ihrem Glauben bewahren. Nur selten lassen sich einige Wenige unter dem Druck der Not zum Abfall bewegen; das Bewußtsein, für ihre Ueberzeugung, für Wahrheit und Recht zu leiden, stützt die Unglücklichen und erhebt sie weit über das Niveau derer, die um materieller Vorteile willen, um Ehrensteüen und um äußeren Glanz das Opfer ihrer Ueberzeugung bringen. Die Versuche, die rumänische Regierung selbst zur Besserung der Lage zu bewegen, an ihre Einsicht und an ihre Menschlichkeit zu appellieren, werden fortgesetzt. Unser Vertrauen, daß das Recht schließlich siegen, der die Unglücklichen aufrecht haltende Optimismus, daß die Kultur trotz aller Rückschläge vorwärts gehen wird, verläßt auch uns nicht, und wir schreiten auf dieser Ba n unentwegt fort. Der erste Ansturm der großen jüdischen Auswanderungsmassen hat nach und nach aufgehört. Die ungeregelten Auswandererzüge, welche den Anfang der Bewegung charakterisierten, hatten das Unglück nur verschärft; das planlose Aufsuchen von Ländern, welche zur Aufnahme nicht geeignet waren, hat die schlimmsten Folgen gehabt. Etwa 2000, welche nach Anatolien gezogen waren, ließen sich in ungesunden Gegenden nieder; sie hatten gegen heftige Fieber und schwere Krankheiten zu kämpfen und mußten leider erkennen, daß Anatolien keine Zukunft für sie bietet, sie müssen von dort wegziehen und suchen wirtlichere Gegenden auf. Die Züge nach Canada fanden daselbst wenig gastliche Aufnahme. Das Land eignet sich gegenwärtig nur zur Kolonisation für Ackerbauer, aber nicht für Industrielle. Die Hinwandernden aber waren keine Landwirte, und deshalb wird auch dort ihres Bleibens nicht sein; sie werden sich von dort wieder zerstreuen müssen. Diese und ähnliche Erfahrungen haben den Zurückgebliebenen bald gezeigt, daß es nicht genügt, den Wanderstab zu ergreifen und dem Elend zu entfliehen, sondern daß ruhige Erwägung auch in der schrecklichen Not eingreifen muß, und daß nur eine richtige Organisation wirklich helfen kann. Man hat einen Teil der rumänischen Auswanderer in Argentinien untergebracht; man bemüht sich, ihnen in Australien Heimstätten zu gründen, und namentlich haben die Vereinigten Staaten von Amerika ihnen eine neue Heimat eröffnet. Jetzt wie vor 10 Jahren bewährt sich Amerika als das Land der Freiheit und der Hoffnung für alle Unterdrückten. Zögerten auch zunächst die Hafenbehörden von New-Hork, als das Schiff „Phönizia" die ersten Gruppen landen wollte, so war der Widerstand bald nach Klarstellung der Verhältnisse gewichen. Unsere Freunde dort nahmen mutig die große Bürde auf, die Scharen, welche den gastlichen Hasen aufsuchten, zu empfangen, ihnen dort eine neue Heimat zu begründen und sie neuem Leben zuzuführen. Die zunächst wegen der Besorgnis einer Einwanderung von Armen etwas ängstliche Regierung der Vereinigten Staaten zog an Ort und Stelle in Rumänien Erkundigungen ein, um sich über den Grund und den Umfang des Elends der dortigen Juden zu informieren. Wenn, wie wir hoffen, die Wahrheit durchdringt, so wird, trotzdem die rumänische Regierung in offiziellen und offiziösen Kommuniques ihrer Beamten das Elend und die planmäßige Unterdrückung der Juden zu leugnen suchte, bald aller Welt klar werden, daß in der That in Rumänien die Juden bis aus den heutigen Tag die unschuldigen Opfer von Haß und Verfolgung sind. Wird dies aber sestgesteüt, so wird Amerika seinem Prinzip der Menschlichkeit treu bleiben und seine Häfen den Hilfesuchenden nicht verschließen. Den europäischen Komites aber erwächst daraus die doppelte Veranwortung, die Bürde unserer amerikanischen Freunde nicht zu vergrößern und dem guten Willen der Vereinigten Staaten nicht zu viel zuzumuten. Die europäischen Komites müssen verhindern, daß Schwache, Kranke, hilflose Menschen hinüber wandern, das würde das Hilfswerk zerstören! Wir müssen ferner verhindern, daß die Auswanderung