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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-11-02 · 44 (2.11.1900) · p. Seite 693

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
44 (2.11.1900)
Date
1900-11-02
Page
Seite 693 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 44. Israelitische Wochenschrift. Seite 693. Ich stehe nicht an, zu erklären, daß diese Bemerkungen, wie B. L. sich so schön ausdrückt, „heidnisch, barbarisch und widerwärtig" sind. Heidnisch, weil ein Gott, der die Sünden der Väter an den Nachkommen bestraft, ein heidnischer Gott ist, (vgl. Deut. 24, 16; Jeremia 31, 28; Ezechiel, Kap. 18) barbarisch, weil den Stamm für die Thaten der Einzelnen verantwortlich zu machen, ein Merkmal der Barbarei ist, und widerwärtig, weil sie von einem Juden herrühren. Die Kreuzigung Jesu war kein Rechtsbruch, denn die Mitglieder des Synedrium hatten nicht vom Standpunkt der christlichen Welt und nicht auf Grund der Rechtsvorstellungen des 19. Jahrhunderts, sondern nach den Gesetzen der Thora zu urteilen, und wer da verlangt, daß die jüdischen Zeitgenossen Jesu hätten verstehen und anerkennen sollen, was noch Ritschl und Harnack als Geheimnis betrachten, dem fehlt es an dem Minimum von geschichtlicher Einsicht, das man bei jedem Gebildeten voraussetzen darf. Ich will auch bemerken, daß, wenn christliche Theologen in volkstümlichen Vorträgen sagen, das „jüdische Volk", oder gar das „ganze Volk" hätte Jesum verworfen, sie es verabsäumt haben, sich zu vergegenwärtigen, daß in Jerusalem zur Zeit Jesu Hunderttausende von Juden (nach Josephus sollen einmal 280000 Pesachlämmer gezählt worden sein) anwesend waren, da wird es doch etliche Juden gegeben haben, die beim Prozeß nicht zugegen waren. „Die Juden haben Jesum gekreuzigt", das ist eine mittelalterliche Redensart. Wenn Benedictus Levita, der seine Kinder im Christen- MM^rrziehen will, ein wissenschaftliches Werk über das Leben ^Fcsu gelesen hätte, so hätte er auch erfahren, daß der „frevelhafte Ruf unserer Vorfahren" ebensowenig ausgestoßen worden ist, wie Pontius Pilatus sich der Vorschrift der Thora entsprechend seine Hände gewaschen hat. Und bei dieser Gedankenlosigkeit wagen es die „Ueberreifen", sich zu den „denkenden Juden" zu zählen und die Mißachtung unserer Einrichtungen auf ihr „Denken" zurückzuführen, während die Ursache in Wahrheit nur ihre Trägheit, Bequemlichkeit und Unkenntnis ist. Benedictus Levita und der ganze Kreis, den er vertritt, mögen sich darum auch nicht einbilden, daß sie etwa gegenüber der „unreifen Masse des jüdischen Proletariats" den vornehmsten, einsichtigsten und besten Teil der Judenheit bilden, sie sind nur eine pathologische Erscheinung am Körper des Judentums. Die „Ueberreisen", sie sind ausgewachsen ohne Ehrfurcht, „ohne Scheu und Zartheit vor allem Altverehrten und Würdigen, ohne Dankbarkeit für den Boden, aus dem sie wuchsen, für die Hand, die sie führte, für die Heiligtümer des Judentums, wo sie nicht anbeten gelernt haben." Sie sind hypnotisiert durch die europäische Kultur, ihre Unwissenheit, und die Suggestion dex Außenwelt blendet sie immer mehr und mehr. Schmach und Schande, daß wir nun seit Mendelssohn ein zweites Mal solchen Erscheinnngen gegenüberstehen, obwohl die Lehrer der Synagoge im 19. Jahrhundert die europäische Kultur innerlich längst überwunden haben, so wie die griechische durch Philo, die muhammedanische durch die jüdischen Philosophen des Mittelalters überwunden worden ist. (Schluß folgt.) Penßons- und iifliclnikalTe für die Mliincr in Preußen. Ein Aufruf an die Reichen in Israel. Durch lange Jahrhunderte sind die Rabbiner der Stolz des Judentums und der Juden gewesen. Sie waren uns Richter und Lehrer, Mahner und Freunde, und allezeit unsere Vorbilder. Die Tugenden, die den Erbschatz unserer Gemeinschaft bilden — unsere Rabbinen waren ihre Hüter und Mehrer. Ist es uns vergönnt gewesen, den Aufgaben unserer Gemeinschaft irgend gerecht zu werden- — unseren Rabbinen haben wir es zu danken, den gesetzeskundigen Frommen, die das heilige Feuer der Lehre vor dem Erlöschen wahrten, und von Geschlecht zu Geschlecht in der Jugend Herz die Liebe zu der Religion der Väter pflanzten, die Begeisterung für eine unvergleichliche Ueberlieferung lebendig erhielten. Vorbilder sind sie uns gewesen, da wo wir ihnen nacheifern konnten, und da wo wir ihnen nachzueifern verzagen mußten. Ihre Anspruchslosigkeit war so groß wie ihre Frömmigkeit, und ihre Frömmigkeit war ohne Grenzen. Ohne Lohn haben sie ihres heiligen Amtes gewaltet, mit bescheidenster Lebensführung sich begnügend. Es wäre jedoch weit gefehlt, wollte man glauben, daß unsere weltkundigen Väter vorausgesetzt hätten, der Gelehrte könne ohne Nahrung auskommen, das Studium könne ihm Speise und Trank ersetzen. Nur nach der Unsicherheit der eigenen Lebenshaltung, nach der Armseligkeit der eigenen Mittel bemaßen sie notgedrungen und zu ihrem Kummer die Spenden für den Rabbi, der inmitten einer dürftigen Gemeinde nicht reich sein konnte und nicht reich sein wollte. Die Zeiten haben sich geändert, sie haben sich, wir erkennen es mit innigem Dank an, in manchem Betracht zum Besseren gewendet. Im nichtasiatischen Europa wenigstens genießen wir leidliche Sicherheit, und unserer Hände Fleiß ist mit Ertrag gesegnet. Die Kärglichkeit der vorigen Tage ist fast bis auf die Erinnerung geschwunden.. In einem Punkt jedoch haben sich die Verhältnisse nicht oder nur wenig geändert: Die Rabbinen, die heute wie ehedem Meister der Gelehrsamkeit, Muster an Frömmigkeit, Vorbilder in allen Tugenden sein sollen, die heute wie ehedem die Aufgabe haben, die Jugend zu bilden und die Erwachsenen zu erbauen, sie werden nicht nach Maßgabe der vorhandenen reicheren Mittel besser gehalten. Die wenigen gutdotierten Rabbinate in den Großgemeinden bilden Ausnahmen. Für die Hunderte und Hunderte von Rabbinen in den kleineren Gemeinden Preußens ist unzureichend, für ihre Hinterbliebenen ist gar nicht gesorgt. Der einzelnen kleinen Gemeinde ist daraus kaum ein Vorwurf zu machen, denn die einzelne Gemeinde ist entweder arm oder lebt in Bezug auf ihren Bestand in einer Unsicherheit, die ihr verbietet, dauernde Ausgabenverpflichtungen über das notwendigste Maß hinaus auf sich zu nehmen. Denn wer bürgt ihr dafür, daß ihre steuerkräftigften Mitglieder binnen wenigen Jahren nicht nach der Provinzial- oder Landeshauptl stadt verzogen sein werden! Und an eine Gemein-Organisation,

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