Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- Seite 692 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 692. Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. der sittlichen That das Hauptgewicht legt, während dem Christentum das Gefühl der Erlösung die Hauptsache ist, daß im Judentum die Herstellung von Gerechtigkeit auf Erden, also die unbedingte Erfüllung des Gesetzes, im Christentum aber die Heilsgennßheit im Vordergründe steht. Was die „Endlichkeit" der Forderungen der jüdischen Moral betrifft, die Benedictus Levtta dem Judentum zum Vorwurf macht, so beruht sie auf einer falschen Annahme. Das Gegenteil ist wahr. „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott" heißt es in der Thora, „so wie Gott gnädig genannt wird, so sei auch du gnädig, so wie er barmherzig genannt wird, so sei auch du barmherzig". Gott ist das Heiligkeitsideal im Judentum, welches eben deshalb das Chrtstusideal abgelehnt hat, weil es darin eine Verendlichung der ethischen Forderungen gesehen hat. Wohl haben die maßgebenden Lehrer der Synagoge das asketische Heiligkeitsideal abgelehnt; das ist aber kein Nachteil, sondern ein Vorzug der jüdischen Ethik. Das Judentum bedarf also nicht der Ratschläge des Benedictus Levita, und der Rat, das Christenideal in die jüdische Religion einzuführen, ist so über alle Maßen naiv, daß er nur aus der Unkenntnis des Verfassers zu erklären ist. Mit den oben erwähnten Zugeständnissen führender Gelehrten aus dem Gebiete der Bibelkritik und der evangelischen Theologie mag hier die Frage erledigt sein. Benedictus Levita begiebt sich auch auf das Gebiet der neutestamentlichen Theologie und erklärt schlechtweg: „Schon deshalb, weil er ein Jude war, kann Jesus sich nicht als Gottessohn bezeichnet haben, und hätte er es gethan: kein einziger Jude wäre ihm gefolgt." Nun ist eben dieses der Punkt, der nach dem Berichte der Evangelien zur Verurteilung Jesu geführt hat, und Benedictus Levita nimmt den nämlichen Standpunkt ein, den die Mitglieder des Synedriums eingegenommen haben. Wir haben gezeigt, daß die Behauptungen Benedictus Levita's über die jüdische Sittenlehre und über unsere Einrichtungen nur auf seiner Unkenntnis und aus seiner Entfremdung vom jüdischen Leben beruhen. Er hat aber auch von dem Grundcharakter des Judentums falsche Vorstellungen. „Zu dieser nationalen Ausschließlichkeit tritt eine gewisse Rückständigkeit, ja Barbarei der kirchlichen Formen! Freilich muß der dem Deutschen ein Fremdling erscheinen, der, anstatt nach den Schätzen deutscher Kirchenmusik zu greifen, noch immer das Geplapper und Geplärr in seinen Synagogen duldet, der die fröhliche Taufe durch die widerwärtige Beschneidung, der die Blumen und Farben des christlichen Begräbnisses durch das düstere Schwarz seiner vier Bretter ersetzt, dem der Weihnachtsbaum mcht leuchtet, dem die Osterglocken nicht klingen. Wir können nicht heimisch werden im deutschen Volke, wenn wir nicht eins mit ihm werden in den Grundelementen seines religiösen Fühlens." Wir wollen diese Behauptungen Satz für Satz prüfen. Wenn die Synagoge noch nichts Aehnliches wie die Schätze der deutschen Kirchenmusik besitzt, so sind daran die jüdischen Komponisten schuld, die aus dem Kreise der „Ueberreisen" hervorgegangen sind und nicht so viel Herz und Gemüt gehabt haben, ihre Fähigkeit wenigstens zuweilen in den Dienst der jüdischen religiösen Ideen zu stellen, und den Gläuben Israels, sein tausendjähriges Martyrium, durch ihre Kunst zum Ausdruck zu bringen. Aber was hat das Alles eigentlich im religiösen Leben zu bedeuten? Das ästhetische Anempfinden steht im umgekehrten Verhältnis zu dem ernsten religiösen Denken und Fühlen, und das Judentum ist von einer höheren Stufe auf eine niedrigere herabgestiegen, indem es das, was es im religiösen Leben verloren hat, durch die Mittel der Kunst zu ersetzen sucht. Der Glaube des Muslim ist nicht weniger stark, seine Ideen nicht weniger erhaben, weil sein Gottesdienst die Musik überhaupt nicht kennt. Die „Blumen und Farben des christlichen Begräbnisses" und das „düstere Schwarz der vier Bretter" erinnern mich an einen der vielen religionsgeschichtlichen Fehler, den das Judentum des 19. Jahrhunderts begangen hat. In großartiger Folgerichtigkeit sind die Sitten des Judentums vom monotheistischen Gedanken beeinflußt worden, und demzufolge kam es dazu, daß alle Ueberlebsel des Ahnen- und Toten- Kultus beseitigt worden sind. Für den wahren Monotheisten der am Grabe seines Toten die erhabenen Worte zu sprechen die Kraft hat: „Der Hort, vollkommen ist sein Walten, denn alle seine Wege sind recht, gerecht und gerade ist er," hat der Tod das Grauenhafte verloren, für ihn ist im Leben wie im Tode jedermann gleich, nur das Maß des Gehorsams gegen den Willen Gottes begründet einen Unterschied zwischen den Menschen, für ihn ersetzt Alles, was die Kunst bieten kann, das Gedächtnis der guten Werke und das LMndig^dWort der Gotteslehre, das sich in dieser und jener Welt bewährt. Pros. Steinthal sel. A. hat wenige Grundsätze ausgesprochen, die in solch hohem Maße zeigten, wie sehr er von jüdischen Ideen erfüllt war, wie der, daß für die Wertschätzung religiöser Sitten nicht das ästhetische Moment, sondern die Tiefe der Bedeutsamkeit entscheidend ist. Und so sinden wir, daß die alte jüdische Sitte bei der Bestattung der Toten einen übermäßigen Ausdruck der Trauer mit der Begründung verbietet, daß zu den übermäßig Trauernden Gott sagt: „ Ihr seid nicht mehr barmherzig gegenüber euren Toten, als ich mein Geschöpf lieb habe"; andererseits ging die alte Sitte auch von der Vorstellung aus, daß die Güter des Lebens für die Lebenden da sind, die Trauer hat aber dadurch zum Ausdruck zu kommen, daß die Hinterbliebenen persönlich eine gewisse Zeit dem Andenken des Verstorbenen widmen sollen. Das ist eine viel tiefsinnigere und die Familienbande viel mehr festigende Sitte, als sich der unbequemen persönlichen Pflichten zu entschlagen und als Aequivalent dafür dem Toten um so mehr Kränze als Opjer darzubringen. Ein einsichtigeres Geschlecht wird die Pflicht haben, unsere Sitten nicht nach dem Geschmack des Bildungsphrliftertums zu beurteilen und zu unseren alten Sitten zurückzukehren. Doch das dicke Ende kommt noch nach. S. 140 sagt B. L.: „Und wir sind müde, ach, so müde unseres Judentums, das uns von unserem Volk trennt, ohne uns religiöse Erhebung zu gewähren." „Der große Rechtsbruch der Kreuzigung wird heimgesucht am tausendsten Glied." Furchtbar erfüllt sich an uns der frevelhafte Ruf unserer Vorfahren: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder."