Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- Seite 691 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 44. Israelitische Wochenschrift. Seite 691. Was die Beschneidung bei anderen, mit den Israeliten verwandten, Völkern bedeutet hat, das geht uns garnicht an, sondern nur, was sie in der Thora bedeutet; darum ist es ein Mißbrauch, eine Einrichtung heidnisch zu nennen, weil sie auch bei andern Völkern und im vorprophetischen Israel vorkommt. Man möge zusehen, wenn man bei christlichen und islamischen Glaubenseinrichtungen alle diejenigen, die heidnischen Ursprunges sind, beseitigen würde, was übrig bleiben wird. Wir aber fragen, wie die „Ueberreifen" dazu kommen, dasjenige als „barbarisch" zu bezeichnen, was das alte „kinderfrohe Judentum" mit seiner, tiefen Liebe zu den Kindern nicht als barbarisch empfunden hat? So. kann die Einrichtung nur von demjenigen beurteilt werden, der dem Judentum entfremdet ist. Von wem der heilige Ernst des jüdischen Lebens selbst, seiner Nachkommenschaft und der ganzen Gemeinschaft zum Verderben, gewichen ist, dem kann das Bundeszeichen der Zucht und Entsagung, der Enthaltsamkeit und Selbstheiligung nichts bedeuten. Von dieser Einrichtung gilt es am meisten, daß man sie nur dann begreift, wenn man vom Gedankenkreise unserer Urkunden ausgeht; wir leugnen aber, daß man an sie mit dem Maßstabe des hellenischen Geistes herantreten darf. Hier heißt es, wie auf der Schranke im Heiligtum zu Jerusalem, die kein Nichtjude übertreten durfte, daß kein Fremder eintreten darf. Laßt den Hellenen draußen, wenn ihr unsere Ein- ^rjchtungen verstehen wollet, denn eben die großartige Mnseitigkeit^mkr^wAcher das Judentum seine Bekenner zum Arnheitsbekenntnis, zur Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Heiligkeit erziehen und erhalten will, begründet seine weltgeschichtliche Bedeutung. Wie wollet ihr es sonst rechtfertigen, daß ihr in den Synagogen keine Bildsäulen aufstellt? Darum denke ich, was uns die wissenschaftliche Erkenntnis unserer Zeit an Wahrheiten bietet, haben wir wohl in der Feststellung des Lehrinhaltes unserer religiösen Urkunden zu berücksichtigen und zu verwerten, aber von einer ästhetischen Beurteilung unserer Einrichtungen, wo ihre Bedeutsamkeit feststeht, wollen wir verschont bleiben. Wie man gut und fromm sein und sich selbst heiligen solle, das haben unsere Väter besser verstanden, als die Hellenen. Die Sabbatgesetze ins Christliche zu übertragen sind eben jetzt manche Staaten eifrig bemüht; und was das Speisegesetz betrifft, so hatte es wichtige historische Wirkungen. Nicht die letzte ist die, daß es die unterdrückten Juden vor der Erniedrigung in der Lebensweise bewahrte. Von all diesen Einrichtungen sagt der „Ueberreife": „Selbst wenn wir wollten, so könnten wir, bei unserer Erziehung, die Bräuche unserer Vorväter nicht halten, weil uns die dazu nötigen Kenntnisse fehlen, die nur durch tägliche Uebung von Jugend auf erworben werden können. Aber wir wollen auch nicht, weil diese Bräuche für uns keine religiöse Bedeutung mehr haben". Dies ist ein Zirkelschluß, denn ein religiöser Brauch kann nur für den etwas bedeuten, der ihn kennt, der ihn von Jugend auf geübt hat, so daß er sich in seinem Empfinden verankern konnte. II. Nach Benedictus Levita ist das sittliche Ideal des Christentums ein Höheres als das jüdische, weshalb wir genötigt sind, das sittliche Ideal Jesu anzuerkennen; wer aber das thut, ist ein Christ. Demgegenüber kann ich mich kurz fassen, da hervorragende evangelische Theologen schon anerkannt haben, daß das ganze Evangelium nicht nur in unserer Bibel, sondern auch in der pharisäischen Tradition enthalten ist; nur fügen sie hinzu, daß der Mangel der Sittenlehre des Judentums zur Zeit Jesu darin bestanden habe, daß die Gesetzeslehrer vieles Nebensächliche und Wertlose auf die gleiche Linie gestellt haben wie etwa die Barmherzigkeit und das Gericht. Das ist aber nicht der Fall. Denn so heißt es in den ältesten Urkunden der jüdischen Tradition: „Hüte dich davor, daß du anderen die Barmherzigkeit entziehest; denn wer solches thut, ist wie der Götzendiener und hat das Joch des Gottesreiches abgeworfen". „Wohlthätigkeit und Liebeswerke sind so viel wert, wie alle anderen Gebote der Thora". „Wer sich der Pflicht der Wohlthätigkeit entzieht, ist wie der Götzendiener". „Die Thora sagt den Israeliten: Nehmet auf euch das Joch des Gottesreiches, überbietet einander an Gottesfurcht und handelt mit einander liebevoll". Von Hillel wurde vor Jesus das Gebot der Nächstenliebe als der Inbegriff der Thora und von R. Akiba als ein großes Gebot bezeichnet. Nach einer alten Bestimmung war es die Pflicht des Beleidigten, für den Beleidiger zu beten, so wie der Erzvater Abraham für Abimelech und Hiob für seine ungerechten Freunde gebetet hat. Wer also die jüdische Sittenlehre verwirft, verwirft damit auch das Evangelium. Christliche Gelehrte haben aber auch den Satz aufgestellt, daß der Talmud wohl alles enthalte, was Jesus gesagt habe, doch noch viel mehr. „Wie hat er es nur angefangen, aus diesem Wüste von Gesetzesgelehrsamkeit das Wahre und Ewige herauszuheben?" Das wäre richtig, wenn die ganze talmudische Literatur oder ihr Inhalt zur Zeit Jesu schon vorhanden gewesen wäre. Der Talmud ist aber erst 5 Jahrhunderte später niedergeschrieben worden, und darum darf ihm nicht das Evangelium, sondern nur die Literatur der Kirchenväter gegenübergestellt werden. Und die Werke des Augustinus oder des Hieronymus enhalten nicht nur die Bergpredigt, sondern „noch vielmehr". Für die Vergleichung der Lehre Jesu und der Anschauungen der zeitgenössischen Gesetzeslehrer kommt nur die Literatur aus' den ersten zwei Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung in Betracht, in denen ja auch die Schriften des Neuen Testaments niedergeschrieben worden sind. Und eine solche Vergleichung führt uns zu dem Ergebnis, daß die Vorstellungen vom Gottesreich, von Gott, dem Vater im Himmel, das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe, von der sittlichen Verantwortung vor Gott, von den jüdischen Gesetzeslehrern allgemein hervorgehoben worden sind. Das ist auch durch Jesus geschehen. Die Mißbräuche, gegen die er sich wendet, wurden auch von den Gesetzeslehrern verdammt. Es ist also eine Fabel, daß das Judentum das Evangelium in negativer Weise vorbereitet habe. Wohl aber scheidet das Judentum vom Christentum die jüdische Lehre von der ursprünglichen Reinheit der menschlichen Seele, ferner der Umstand, daß das Judentum auf den unendlichen Wert