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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-11-02 · 44 (2.11.1900) · p. Seite 690

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
44 (2.11.1900)
Date
1900-11-02
Page
Seite 690 (sequence 6)
Language
German
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Seite 690. Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. 9. Ab nicht nur der Trauertag der Zerstörung Jerusalems, sondern auch ein Fest des tausendjährigen Martyriums der Juden ist. Freuen wir uns aber am Schabuot-Fest der religiösen Wahrheit, die uns geoffenbart worden, am Chanukka- Fest dessen, daß diese die griechische Kultur überwunden hat, weil die Religion der Gerechtigkeit, Liebe und Heiligkeit für das Menschengeschlecht wertvoller ist, als Kunst und Wissenschaft, so müssen wir auch trauern ob der Niederlagen, welche sie erlitten, wenn sie auch nach ihnen immer wieder sich erhoben hat. — Wie hat es nur ein Teil der deutschen Judenheit zu Stande gebracht, das Gedächtnis ihrer Märtyrer, von denen die Memorbücher so vieler Gemeinden erzählen, zu verwischen? Ein anderes Beispiel: Reisende, die in Mekka waren, beschreiben den erschütternden Eindruck, den die Menge der Gläubigen bei manchen Wallfahrtszeremonien auf sie machten. Etwas ähnliches, aber viel Bedeutsameres, muß es gewesen sein, als die Juden im Tempel zu Jerusalem am Hosianatage mit den Palmenzweigen in der Hand mit Hosianarufen den Brandopferaltar umkreisten. Was war das aber für ein Gedanke, den Brandopferaltar in der Synagoge durch die Thorarollen zu symbolisieren! Die Thora, das ewige Feuer am Altar des Ewigen, aus dem Israel seit Jahrtausenden seine Opfer darbringt, der Dank der Umkreisenden an den segenspendenden, hilfreichen Gott, die Bitte um die Ankunft des Gottesreiches — das ist eine Poesie ergreifendster Art. Es ist unmöglich, von den hier behandelten Gegenständen zu sprechen, ohne den Sabbat, dieses Schmerzenskind des religiösen Lebens der Gegenwart, zu berühren, da neuerdings unter uns sich Bestrebungen gezeigt haben, die zum Weg der Ueberreifen führen. Unter den gegenwärtigen geschichtlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen scheint die große Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in den Staaten, welche die Sonntagsruhe eingeführt haben, verhindert zu sein, den Sabbat in der vom Gesetz geforderten Weise zu feiern. Der Undank in der Geschichte! Diejenige Religion, welche diese erhabene Institution geschaffen, wird schwer geschädigt in dem Augenblick, wo die Völker, der Weisheit des Judentums huldigend, mit der Institution Ernst machen. Gegen das Beginnen, den Sabbat auf Sonntag zu verlegen, sowie gegen jedes Kompromiß in dieser Beziehung wird stets jedermann Stellung nehmen müssen, der von Religionsgeschichte etwas versteht. An sich ist aber vom gegenwärtigen Zustand eine ernste Gefahr für das Judentum nicht zu befürchten, wenn anderweitig zur Stärkung des jüdischen religiösen Bewußtseins Maßregeln getroffen werden. Kennt doch der Islam für den Freitag kein Arbeitsverbot und befindet sich ganz wohl dabei. Es können wohl Vorträge über die Lehre, die Institutionen und Geschichte des Judentums abgphalten werden, aber jede Veranstaltung, die irgendwie einen gottesdienstlichen Charakter trägt, liegt auf dem Weg, der zu den „Ueberreifen" führt. Das 19. Jahrhundert hat Bestrebungen gesehen, die lebhaft an die lächerlichen Religionsmischungen der Zeit nach Abschluß des Talmuds, an jene Sekten einer Zeit der Gährung erinnern. Esist wohl möglich, daß zeitweilig die unvernünftigsten Strömungen die Oberhand gewinnen. Aber wenn auch im Judentum die Bedeutung des Wissens so weit gesunken ist, daß der Laie über alle Institutionen zu Gericht zu sitzen vermag, so sollten doch unsere Gemeinden zur Einficht gelangen und es ihren Führern nachdrücklich zu verstehen geben, daß sie nimmermehr gewillt sind, zu gestatten, daß in ihrem religiösen Leben fürderhin ein solch selbstmörderisches Treiben stattfinde, wie das im ablaufenden Jahrhundert der Fall war. Diese Experimente der Vorstände, samt und sonders auf Gedankengänge aufgebaut, die wohl ein jeder Laie versteht, die aber im Licht der Religionswissenschaft nur Erscheinungen eines Verwesungsprozesses sind, sollten endlich aushören. Ein jüdischer Sonntagsgottesdienst ist ein reltgionsgeschichtliches Monstrum, und der Plan, einen solchen einzuführen, sollte nebst anderen Plänen begraben werden, daß, wie der Prophet sagt, „ihrer nicht gedacht werde, daß man sich ihrer nicht erinnere, und daß sie niemandem mehr einsallen." Wir sehen, um die Erinnerungen des Judentums ist es nicht so schlimm bestellt, wie B. Levita uns glauben machen will. Ich bestreite aber auch, daß seine Kritik am Speisegesetz und an der Beschneidung berechtigt sei. Wir müssen hier einige allgemeine Bemerkungen vorausschicken, ehe wir aus die Einwürfe Benedictus Levita's eingehen. Für den Strenggläubigen bedürfen die Gebote der Thora keiner Begründung. Demjenigen, der ihnen vollständig entfremdet und historisch zu denken unfähig ist, nützt eine solche nicht viel. Wir wollen aber für die historisch Denkenden unter uns darüber Einiges bemerken. Unsere 'reliMsim EÄk^ richtungen sind notwendige Aeußerungen des religiösen Denkens. Keine religiöse Idee vermag sich ohne Institutionen zu halten, und keine Institution besitzt einen Wert ohne eine Idee, welche in ihr zum Ausdruck kommt. Aber eine Institution kann nur für den eine Bedeutung haben, der die Idee anerkennt, der eben durch dies Heilighalten der Institution von seinem Glauben Zeugnis ablegt, und dem sie auch als Erinnerungszeichen dient. Wer eine Sprache nicht kennt, dem wird sie nichts sagen und der wird sie auch nicht gebrauchen. Bewiesen kann nur werden, daß eine Sprache notwendig sei, es kann auch gezeigt werden, welche Bedeutung ein Wort gehabt habe und gegenwärtig besitzt, ebenso kann gezeigt werden, daß unsere Einrichtungen, die Schöpfungen desselben heiligen Geistes, der die Lehren unserer Propheten geschaffen, psychologische und historische Notwendigkeiten sind, — welche Bedeutung sie früher hatten und heute besitzen, ihren Wert muß Jedermann an sich selber erfahren. Ueber die Beschneidung sagt ein evangelischer Theologe, „sie könne im Sinne des Gesetzes gar nicht ohne Beziehung zu der Herzensbeschnetdung gedacht werden, die die Propheten fordern." „Zeichen heißt auch die Beschneidung, die jedem Einzelnen schon beim Eintritt ins Leben den Charakter des gesetzestreuen Juden aufprägt. In diesem Sinne bedeutet sie: wandle vor mir und sei untadelig." Im Laufe der späteren Zeit ist sie das Zeichen des Bündnisses der Enthaltsamkeit, der Heiligkeit, und der Blutzeugenschaft. Sogar Spinoza hat die große Bedeutung der Einrichtung anerkannt, indem er bemerkte, daß diese allein genügen würde, das Judentum zu erhalten.

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