Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- Seite 689 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 44. Israelitische Wochenschrift. Seite 689. Und ist es redlich von Benedietus Levita, vom Offenbarungsfest zu schweigen? — Unsere Weisen sagen unzählige Mal: wenn wir uns am Schabuothfest in der Synagoge versammeln, so ist es, als ob wir uns vor den Berg Sinai hinstellten. Und so hören wir auch heute die Botschaft Gottes durch unseren treuen Hirten, Mofcheh Rabbenu: „Also sprich zum Haus Jakobs und sage den Kindern Israels. Ihr habet gesehenwas ich Egypten gethan habe, und ich trug euch auf Adlerflügeln und brachte euch zu mir. Wenn ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund beobachten werdet, so werdet ihr mein Eigentum sein von allen Völkern, denn mein ist die Erde und ihr werdet mir ein Reich von Priestern, und ein heiliges Volk sein". Wir, die heutigen Einheitsbekenner, haben viel mehr gesehen, als unsere Väter in der Wüste, wir haben es erfahren, wie sich die Lehre unserer Propheten bewahrheitet hat, daß eine Kultur ohne Gottesfurcht, ohne Gerechtigkeit und Heiligkeit nur ein Misthaufen sei, wir haben den Sturz Egyptens, Babylons, Griechenlands und Roms gesehen — darum glauben wir auch, daß es so ist, als ob wir vor dem Sinai ständen und dies Sittengesetz, die Offenbarung des Unerkennbaren und Unerforschlichen hörten, wenn wir in der Synagoge die Zehnworte verlesen hören. Und wir haben auch keine Veranlassung, daran zu zweifeln, daß, wenn wir unsere heiligen Urkunden auf uns einwirken lassen und den alten Eifer für unsere Lehre besitzen, 8äs ideale Israel in unserer Mitte bestehen wird. Unsere ganze Bibel beruht nämlich auf der Voraussetzung, daß Gott —JjJjpel-jetn Bündnis geschloffen hat, das niemals aufgelöst werden kann. Unsere Weifen haben dann-auf Grund der Schrift gelehrtdaß Gott Himmel und Erde nur um der Thora und um Israel willen geschaffen hat. Das ist der bare Unsinn für die Ueberreifen; in Wahrheit aber ist der Gedanke so groß, daß er ihnen Schrecken einflößen sollte. Unsere Vorfahren, die die Welt unter dem Gesichtspunkt der Thora betrachtet haben, meinten, diese Welt habe schlechterdings keinen Sinn, wenn in ihr nicht die Erkenntnis des einen Gottes, keine Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Heiligkeit zu finden, wenn das Walten der Gottesherrschaft in ihr nicht vorhanden wäre. Wo giebt es aber in der Welt eine geistige Macht, die mehr geleistet hätte für die Verbreitung der Gotteserkenntnis, als die Thora, durch deren Einwirkung unter den Gesetzeslehrern die Vorstellungen entstanden sind, die das Wesen des Evangeliums und den Hauptinhalt der Verkündigung Muhammeds ausmachen? Die Gesetzeslehrer sagen, so wie die Welt ohne Winde nicht bestehen könnte, also könne sie auch Israel nicht entbehren. Es scheint wirklich so. Vom Judentum ist die christliche Lehre ausgegangen, von ihm die Lehre des Jslüms, ein Begründer der wissenschaftlichen Bewegung im Mittelalter ist ein Jude, Avicebron, ebenso einer der ersten Philosophen der Neuzeit. Wir werden aber am Schluß dieser Arbeit noch andere Thatsachen ansühren, aus denen hervorgehen wird, daß es kein leerer Wahn sei, daß mit dem Gehorsam gegen die Gebote Gottes die Auserwählung Israels gegeben sei. Und so lassen wir uns die Verheißung der Thora auch heute nicht nehmen. Die Auserwählung Israels ist eine historische Thatsache, eine durch eine jede Generation zu verwirklichende Idee und der Ausdruck des geschichtlichen Berufs unserer Gemeinschaft. Wer aber hebräisch versteht und beim Verlesen der zehn Gebote und beim Einheitsbekenntnis der Gemeinde nie den Schauer des Erhabenen empfunden hat, und behauptet, die jüdische Religion erhebe ihn nicht, der legt nur von der Verödung seines eigenen Empfindungslebens und von seiner Geistesleere Zeugnis ab. „Siehe, die Hand des Ewigen ist nicht zu kurz, um euch zu Helsen, und sein Ohr ist nicht harthörig, daß er euch nicht erhört. Eure Sünden sind die Scheidewand zwischen euch und eurem Gott, und eure Vergehen haben sein Antlitz verdeckt, daß er euch nicht erhört." (Jesaia 59,1—2.) Nur die „Ueberreifen" selber sind schuld daran, wenn unsere Einrichtungen nicht das Gefühl der Gottesnähe in ihnen erwecken. Und das Hüttenfest war stets nicht nur ein Naturfest, es erinnerte nicht nur an die Wanderung in der Wüste, sondern auch an die viel böseren tausendjährigen Wanderungen im Exil, in dem die schützende Macht Gottes uns erhalten hat, so daß unsere Väter, unter Hütten wohnend, fröhliche Feste feiern konnten, während die Herrlichkeit Egyptens und Assyriens, Roms und Griechenlands, von denen Israel geknechtet worden war, in den Staub gesunken ist. Damit ist aber der historisch gegebene Gedankenkreis dieser Feste noch lange nicht erschöpft. Ueber das Neujahrsfest will ich nur die treffenden Worte Geigers hierhersetzen: „Der geschichtliche Verlauf hat dem Judentum, wie sonst Konflikte, hier eine Teilung zugeführt,^ die der Religion aufs Vortrefflichste zu statten kommt, sie von aller Beimischung des weltlichen Dranges befreit; der Jude macht für seine Berufsthättgkeit einen Abschluß mit dem bürgerlichen Neujahr, für sein inneres Gemütsleben mit dem religiösen. Wohl greifen beide ineinander, aber es zeigt sich in der Erfahrung nur zu augenscheinlich, daß die bürgerlichen und Gewerbeinteressen der religiösen Vertiefung fast allen Boden für das bürgerliche Neujahr entziehen, und wir wollen uns freuen, daß nur an unserem religiösen Neujahr keine kaufmännische und eine ähnliche Bilanz zu ziehen haben." Das Neujahrsfest und der Versöhnungstag, die Feste des Gerichts und der sittlichen Verantwortung vor Gott, sind einzigartige Einrichtungen des Judentums, an denen die Unmittelbarkeit des religiösen Verhältnisses, und wie schon jüdische Mystiker sagten, die Gerechtigkeit Gottes sich darin offenbart, daß unser Gewissen unsere Sünden verdammt, und seine Gnade darin, daß der Vater im Himmel die Sünden dem Bekehrten vergiebt. Ich will aber weitergehen und an einem verfänglichen Beispiel zeigen, mit welcher Gedankenlosigkeit die „Reifen und Ueberreifen" unsere Erinnerungen beurteilen. Ich denke an den 9. Ab, den Tag der Zerstörung Jerusalems. Es hat nicht an Stimmen gefehlt, welche für die Abschaffung des Trauertages eingetreten sind, und es ist ihnen auch gelungen, die Bedeutung des Tages im religiösen Leben zu untergraben. Man braucht aber nicht einmal Zionist'zu sein, um dieses Werk als ein verderbliches zu betrachten. Ein Blick in die für diesen Tag bestimmten Gedichte — daß nicht alle unserem Geschmack entsprechen, will ich zugeben — zeigt, daß der