Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 44 (2.11.1900)
- Date
- 1900-11-02
- Page
- Seite 688 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 688. Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. Das Ergebnis der Verhandlungen ist ferner insofern von Bedeutung, als sich herausgestellt hat, daß die Behauptung, mit der die Antisemiten agitierten, die Leiche des Gymnasiasten Winter sei auffallend blutleer gewesen, Lug und Trug ist. Die Sachverständigen haben das Gegenteil bekundet. Für uns ist das selbstverständlich ohne Belang, denn wir sind mit Mördergewohnheiten nicht so vertraut, wie die Antisemiten zu sein vorgeben oder bekennen. Wir sind nur in der Ueberzeugung bestärkt worden, daß ein Mörder seinem Opfer das Messer blos in den Hals zu stoßen braucht, um der Eideshelferschaft aller Antisemiten, daß er die That nicht gethan, sicher zu sein. Die Sachverständigen haben ausgesagt, daß der Gymnasiast Winter entweder den Tod durch Erwürgen gestorben, oder daß er wenigstens halb erwürgt war, als das Messer ihn traf. Erinnern wir uns recht, so hat der Gymnastalprofessor Prätorius in Könitz, der in der Nähe des Schlächtermeister Hoffmannschen und des Schlächtermeister Levyschen Hauses wohnt, in der kritischen Zeit einen Angstschrei gehört. Aus dem Levyschen Haus ist der Schrei nicht gedrungen, wie die nächsten Nachbarn, die ihn hätten hören müssen, eidlich bekundet haben. Nichts liegt uns ferner als die Absicht, mit dieser Erwähnung einen Verdacht auf die Person des Schlächtermeisters ' Hoffmann oder seiner Angehörigen zu richten. Nur auf den Thatort wollen wir Hinweisen, der hiernach mit einiger Wahrscheinlichkeit vermutet werden kann, namentlich im Zusammenhang mit den Aussagen des Seminaristen Speisiger, daß ein Fleischergeseüe in dem Hoffmannschen Haus gegen den Gymnasiasten Winter wegen seines „Poussterens" schwere Drohungen ausgestoßen habe. Vielleicht gelingt es dem Gymnasiasten Speisiger, sein Gedächtnis zu schärfen und den Urheber jener Drohungen ausfindig zu machen. Damit wäre freilich noch kein Beweis erbracht, bei weitem nicht, denn glücklicherweise folgt nicht jeder Bedrohung die That. Aber es wäre doch eine greifbare Spur gewonnen, und das ist mehr, als der Witz der Kriminalpolizei bisher zu eruieren vermocht hat. Die Ueberreisen. Von B. A. I. Entgegnung auf Benedietus Levita's „Erlösung des Judentums" (Preußische Jahrbücher, Bd. 102, Heft 1, S. 131). I. Von Zeit zu Zeit fühlen jüdische Schriftsteller oder Männer eines Gelehrtenberufs das Bedürfnis, ihre Ansichten über Juden und Judentum öffentlich auszusprechen. Wer nun weiß, daß es nicht Jedermanns Sache ist, über alle möglichen religionsphilosophischen, ethischen und religionsgeschichtlichen Fragen zu urteilen, wird über den Wert solcher Erzeugnisse von vornherein im Klaren sein. Aber unter unseren gegenwärtigen Verhältnissen erheischen diese Herzensergüsse, die unter uns schon so viel Unheil gestiftet haben, eine besondere Aufmerksamkeit. Im Oktoberheft 1900 der „Preußischen Jahrbücher" hat Benedietus Levita einen Aufsatz über die „Erlösung des Judentums" veröffentlicht, der uns veranlaßt, seine Erörterungen auf ihren Wert zu prüfen. Was dieser Levite ist und wer die„Ueberreifen" sind, um die es sich hier handelt, das wird tm Aufsatz mit folgenden Worten gesagt: „Reif, überreif sind diejenigen Schichten, die religiös und national vom Judentum losgelöst, in ihm nur eine schwere, unnütze Last sehen und nichts wünschen, als unterzusinken im Strome deutschen Volkstums. Zu ihnen gehöre ich und in ihrem Namen rede ich." Der Levite schildert dann die Schmerzen der Ueberreifen, daß sie niemals Reserveleutnants werden können, daß der jüdische Student, der früher in Burschenschaften und Korps harmlos mitsang, zechte und paukte, nun auf jüdische Studentenverbindungen angewiesen (!) sei, und daß Christen ihnen das „connubium“ hartnäckig verweigern. Deshalb tönt von Zeit zu Zeit diese Klage zu uns, zur „unreifen Masse des jüdischen Proletariats" und die es mit ihm halten, herüber. Nun erzählt er, was er von derjüdischen „Dogmatik", von unseren Erinnerungen und von unserer Sittenlehre hält, um am Ende zu dem Ergebnis zu gelangen, daß wir unsere Kinder im Christentum erziehen sollen. Mit dem jüdischen Monotheismus wäre er schon zufrieden. Ganz anders verhält es sich mit den Erinnerungen. „Es hat wirklich keinen Zweck mehr, den Auszug aus Egypten, den Aufenthalt in der Wüste durch besondere Feste zu feiern, die, eben darum, weil sie in Wirklichkeit weltliche zum Teil in burleske^ Späße auslaufen. Es hat AMck, den jüdischen Neujahrstag, überhaupt die jüdische Zeitrechnung für den kirchlichen Gebrauch sestzuhalten." Diese Vorwürfe hat schon Geiger vor nahezu vier Jahrzehnten (Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben, Bd. I, S. 75 ff.) widerlegt. Heute können wir es aber auch von anderen Gesichtspunkten aus thun, weshalb hier Folgendes bemerkt sei: Der ursprüngliche Sinn eines Festes und einer religiösen Einrichtung überhaupt erschöpft keineswegs ihre Bedeutung in der Gegenwart. Das wäre nur dann der Fall, wenn unser Stamm seit der Zerstörung des Tempels während der zweitausendjährigen Geschichte der Diaspora keine religiösen Erlebnisse gehabt hätte. Nach diesem Grundsatz haben unsere Erinnerungen eine typische Bedeutung, deren Wert sogar von der Geschichtlichkeit der in der Bibel erzählten Vorgänge unabhängig ist. Thatsächlich erzählt uns das Peßachsest nicht nur vom Auszug aus Egypten, es ist auch das Fest, das in unseren unterdrückten Vätern das Bewußtsein vom Wert der Freiheit und die Sehnsucht nach ihr erhalten hat, es ist das Fest des Eintritts unseres Stammes in die Geschichte, in der er eine weltbewegende Bedeutung erlangen sollte, es ist das Fest der Erlösung aus der Knechtschaft, und eine solche hat in unserer Geschichte nicht nur einmal, sondern vielmal stattgefunden. „Alle Reiche, die Israel unterdrücken, heißen Mizrajim", lautet ein alter haggadischer Ausspruch. „Nicht nur Einer, heißt es in der Peßach-Haggada, hat sich gegen uns erhoben, um uns zu vertilgen; in einem jeden Geschlecht erhebt man sich, uns zu vernichten, aber der Heilige, gelobt sei Er, rettet uns aus ihrer Hand".