Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- Seite 650 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607559--7912-9607573- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 650. Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. sehr verdient gemacht hat, indem er in mehreren jüdischen Kolonien die Tabakskultur einführte. — Unter dem Namen „Century Concert Company" hat sich in London ein Verein gebildet, der sich die Aufgabe stellt, den Insassen der Armenhäuser und Altenheime aller Konfessionen durch häufige Konzerte ein Vergnügen zu bereiten und außerdem Wohlthätigkeitskonzerte zu arrangieren. — Zur Erinnerung an den kürzlich verstorbenen Rabbiner der Reformgemeinde in Manchester, L. M. Simmons, hat der Vorsteher A. Saalfeld der Synagoge, in der der Verstorbene gewirkt, zwei prächtige Glasfenster geschenkt. Vakanzen: Paderborn. Elem.-L. u. K. Meld. an Israel. Waisenhaus. — Gumbinnen. Rel.-L., Vorb., Balk., Sch., 1500 M. Anfangsgeh. Meld. an Vorst. Feuilleton. Das „SiticlicMiillml“. Von C. Berg. (Fortsetzung.) „Ein Schammes ist, soviel mir bekannt, ein Tempeldiener," erklärte der Amtsrichter, „meines Wissens ist Perez aber mit den Funktionen des hiesigen Synagogendienstes gar nicht betraut, man benutzt ihn nur zu Aushilfeleistungen, z. B. Gemeindemitglieder zu wecken." „So, so," sagte der Staatsanwalt, „und was bekommen Sie dafür?" „Ein Geschrei, wenn ich einen zu spät rufe." Perez war wieder im richtigen Fahrwasser. Der Bürgermeister sah es mit großem Verdruß und drängte: „Ich bitte die Herren nochmals, den rituellen Standpunkt nicht außer Acht lassen zu wollen." „Schon gut, schon gut!" rief der Amtsrichter bündig. „Wir kommen jetzt zu den Aussagen der Frau Schmula. Die Frau des Schuhmacher Franz Xaver Schmula, Amalie, Michaeline, sagt aus, daß sie den Perez am Abend nach der That, Sonntag den siebenten, schwer betrunken gesehen habe, ihn wüst schreien und schimpfen hörte." „Ich war im ganzen Leben noch nicht betrunken," rief Perez empört, „nicht mal an Purim, wo es doch eine Mizwe ist." „Was meint er damit?" „Purim ist ein Freudenfest der Juden, an dem ein guter Trunk obligatorisch ist," erklärte der Amtsrichter dem Staatsanwalt und fuhr fort: „Bedenke, Perez» die Schmula hat beeidet, daß Du furchtbar betrunken warft!" „Herr Amtsrichter," bemerkte Hartmann eifrig, „die Schmula hat sogar erst heut in der Stube des Perez eine angefangene Weinflasche gefunden." „Meinetwegen hätte sie ihr Ende finden können," brummte Perez ärgerlich, „was hat das Weib in meiner Stube herumzukramen? Den Wein hatte mir der Doktor für meine kranke Mutter geschickt." „Hast Du davon getrunken?" „Ja, ein Glas." „Weshalb thatest Du es?" „Meine Mutter hieß mich trinken, weil ich mich schwach fühlte in der Nacht." „Aha," schrie der Bürgermeister triumphirend, „und was war dann in der Nacht?" „Finster!" erwiderte Perez, gemütlich mit den Augen blinzelnd. „Herr Bürgermeister," sprach der Amtsrichter ernst, „ich muß Sie bitten, keine Zwischenfragen mehr an den Angeklagten zu stellen. Zu meinem Bedauern mangelt es Perez an jedem Respekt vor Ihrer Person. Perez, ich rate Dir streng. Dich geziemend zu betragen! Deine Sache steht schlimm genug, mithin sollten Dir die Späße vergehen. Passe auf! Die Schmula hat ausgesagt, Du habest Dich geäußert, Du wolltest den Julek totschlagen, wie einen Hund." „Sie lügt, Herr Amtsrichter," fuhr Perez auf, „ich habe nur einmal gesagt: Der Julek verdiene, daß es ihm im Leben gehörig schlecht ginge." „Ei, ei, das klingt freilich ganz anders," sagte der fremde Beamte zu dem Amtsrichter und fuhr, zu Perez gewendet, freundlich fort: „Der Julek hat Dir wohl manchmal etwas zu Leid gethan? Hat er Dich geschlagen oder Dich öfters gemißhandelt, wie?" „Gott behüte, Herr Doktor, wo werd' ick einem Toten eine Lüge Nachreden! Nein, der Julek hat mir niemals Leides gethan, dazu war er ein viel zu gutmütiger Mensch." Der Staatsanwalt nickte. „Das ist brav, Perez, daß Du die Wahrheit sprichst. Nun aber, sage mir doch, wenn Dich der Julek nicht geschlagen oder beleidigt hat, warum hast Du selbst ihm Böses gegönnt?" „Ich bin dem Menschen so gram geworden." „Aber warum denn, mein Sohn?" „Weil -" Wie der Blitz spürte Perez die Falle, in der er saß. Verwünscht! Er merkte, er hatte in seiner Offenheit, ermuntert durch des vornehmen Herrn freundliches Wesen, eine riesengroße Dummheit gesagt. Und rechts und links saß je einer, der jedes Wort aus seinem Munde festhielt und notierte! Nun konnte dem Lustigsten der Spaß vergehen. Das Blut stieg ihm ins Gesicht, er richtete sich auf und sprach trotzig: „Warum, werd' ich Ihnen nicht sagen, Herr Doktor." „Nicht?" fragte der Beamte schneidend; „ist auch nicht nötig, wir brauchen Sie nicht länger darum zu bemühen." „Ich will es Ihnen sagen" — der Blick des Staatsanwalts bohrte sich wie ein Dolch in das Antlitz des zitternden Wasserträgers — „Sie haßten den Julek, weil Sie eifersüchtig aus ihn waren, weil Sie seine Geliebte, die Pelagia, lieb hätten." Perez hätte in den Boden sinken mögen vor Scham. Was er bei seiner keuschen, schüchternen Verschlossenheit sich nie getraut hätte, sich selbst einzugestehen, das pfiffen nun die Spatzen vom Dache, das sagte ihm hier ein stockfremder Mann laut ins Gesicht. „Antworte Perez, ob es anders ist!" „Was soll ich da antworten?" begann er stockend. „Daß man mich so etwas fragt, hier vor dem jungen Herrn und dem Herrn Amtsrichter, ist mir Schande und Buße genug.