Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- Seite 649 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 41. Israelitische Wochenschrift. Seite 649. Körperschaft anerkannt, die das Recht hat, giltige Heiraten zu schließen, Ehescheidungen auszusprechen und ein eigenes Siegel zu führen, das die vom jeweiligen Haupt der Gemeinde abgeschlossenen Formalitäten legalisiert. Die Petition war erst dem Staatsrat und durch diesen dem Sultan zugegangen, der vor Kurzem in einem Jrade den Wunsch der karäischen Gemeinde erfüllt hat. — Die Nachrichten aus den jüdischen Kolonien in Klein-Asien lauten fortgesetzt recht trübe. In der Kolonie Beylik Ahir fordern die Krankheiten immer neue Opfer. Der Boden ist unfruchtbar, das Klima ungesund. Wenn die Lage sich nicht bald bessert, wird von der aus 600 Rumänen bestehenden Kolonie auch nicht mehr übrig bleiben, als von der türkischen Kolonie, die an der gleichen Stelle vor etlichen Jahren bestanden hat: ein Friedhof. Das einzige Hilfsmittel besteht darin, die armen Rumänen von hier weg an einen gesünderen Ort zu bringen. Dazu ist die Genehmigung des Sultans nötig, und die Vertreter der Alliance Jsraelite haben bereits Schritte gethan, diese Genehmigung zu erlangen. Der Oberrabbiner der Türkei ist ebenfalls angegangen worden, seinen Einfluß beim Sultan nach dieser Richtung geltend zu machen. In der Kolonie Kefken wohnen 255 rumänische Juden, die alle ihre Mittel zum Bau ihrer kleinen Häuschen verwendet haben und nun ohne Brot sind. Vor einigen Tagen sind drei dieser Ansiedler nach Konstantinopel gekommen, um etwas Geld zum Ankauf von Mehl zu sammeln. Bisher ist für diese armen Leute noch nicht das Geringste gethan. Mit einer Beihilfe von 2000 Francs hoffen sie über den Winter zu kommen, danach wird das Land ihnen die nötigen Lebensmittel bringen. In Kefken ist das Klima gut, der Boden fruchtbar, das Wasser reichlich und vorzüglich. Die Kolonie liegt am Ufer des Schwarzen Meers, nur acht Stunden von Konstantinopel, was die Verwertung der ländlichen Produkte sehr erleichtert. Johannesburgs im September. (Die Juden und der Krieg.) Als im Herbst vorigen Jahres der Krieg ausgebrochen war, begann eine unaufhaltsame Flucht aus unserer Stadt. Ueber einen Monat lang hat die Niederländische Eisenbahngesellschaft alles rollende Material aufbieten müssen, um die Abreisenden wegzusühren. Bis zum 12. Oktober hatten 200 000 Personen Johannesburg und seine nähere Umgebung verlassen, und nach diesem Termin sind noch vierzehn Tage lang täglich Boote mit Flüchtlingen nach der Delagoa-Bay expediert worden. Die im Rand-Gebiet zurückgebliebene Bevölkerung ist auf ungefähr 45 000 Seelen geschätzt worden, darunter etwa 1.500 Juden. Gleich zu Beginn des Krieges ist die hiesige Chewra Kedischa in eine Ambulanz umgewandelt worden. Als äußeres Kennzeichen wurde statt des Genfer roten Kreuzes ein roter „Mögen David" an dem Haus der jüdischen Ambulanz angebracht, die sich durch ihre ausgezeichneten Leistungen und ihre nimmermüde Hilfsbereitschaft den Dank und die Anerkennung von Buren und Engländern, Juden und Andersgläubigen erwarb. Die nicht zur Pflege von Kranken und Verwundeten gebrauchten jüdischen Mitbürger wurden als Mitglieder der „Spezial-Polizei" verwendet. Im Allgemeinen ist die Ordnung in der Stadt nicht viel gestört worden. Während des ganzen Feldzugs ist nur (!) ein Mord vorgekommen, dafür fanden wiederholt Plünderungen verlassener Häuser statt. Diese Plünderungen sind, wie so manche andere Unregelmäßigkeiten, dem allgemeinen Sündenbock, dem „russischen Juden" zur Last gelegt worden. In Wirklichkeit ist der russische Jude dafür nicht mehr verantwortlich als jeder andere hiesige Einwohner; vielleicht könnten gewisse vormalige Beamten der Buren einigen Aufschluß geben, von denen man sagt, sie behielten nach dem Vorbild des Attila das Eisen für ihre Feinde und das Gold für sich. Die Nachrichten von außen waren hier sehr knapp. Die einzige zugängliche Zeitung war von der Censur so zusammengestrichen, daß nicht viel übrig blieb. Dafür brachten die in die Hospitäler eingelieferten Verwundeten einige Kunde von außen mit. Die Juden, die in den Reihen der Buren kämpften, waren zumeist Deutsche und Holländer; eine Anzahl von ihnen ist gefallen, andere befinden sich noch mit den Mannschaften des General Cronje auf der Insel St. Helena. Den Gefechten am Klipfluß und Doornkop am 27. und 29. Mai hat das jüdische Ambulanzkorps beigewohnt und mit Kaltblütigkeit und Selbstlosigkeit seine Pflicht erfüllt. Die hiesige jüdische Gemeinde hat, soviel irgend möglich, ihre gewohnte Ordnung beibehalten. Seit Beginn des Feldzugs sind unter den hier zurückgebliebenen Juden fünf Hochzeiten gefeiert worden und haben mehrere Konzerte zu wohlthätigen Zwecken stattgefunden. Eines dieser Konzerte fand zum Besten der bei der Begbie- Exploston Verwundeten statt, und bei dieser Gelegenheit mag festgestellt werden, daß Herr Grünberg, der Direktor der Begbier Munitionsfabrik, dem große Schuld an dem Unglück zugeschrieben wird, entgegen der Behauptung verschiedener Blätter kein Jude ist. Die zu Beginn des Krieges geschlossene alte Witwaterrand-Synagoge war kurz vor Purim wieder eröffnet worden; seitdem ist an allen Sabbaten und Festtagen Gottesdienst abgehalten worden. Der neuerdings auf weitere drei Jahre wiedergewählte Rabbiner dieser Gemeinde Dr. D. Wasserzug hat während des ganzen letzten Jahres nicht aufgehört, seines Amtes zu walten und die etwa 30 Kinder zu unterrichten. Als das jüdische Schulgebäude von den Engländern zu Hospitalzwecken requiriert wurde, hat Dr. Wasserzug den Unterricht in seiner eigenen Wohnung fortgesetzt. Für die bevorstehenden Feiertage haben die jüdischen Soldaten zur Teilnahme am Gottesdienst den gewünschten Urlaub erhalten; auch schon während des vergangenen Sommers sind an den Sabbaten wiederholt jüdische englische Soldaten — im Ganzen ungefähr fünfzig — in der alten Synagoge erschienen. Auch für die in den Forts internierten jüdischen Kriegsgefangenen wird für die hohen Feiertage mit Genehmigung der zuständigen Behörden ein Festgottesdienst eingerichtet werden. _ Personen ach richten und kleine Mitteilungen. Der Sekretär der portugiesischen Gemeinde in Amsterdam, I. Mendes da Costa, hat am 6. Oktober das fünfzigjährige Amtsjubiläum gefeiert. — Bei dem in der vergangenen Woche in Paris stättgehabten internationalen Eisenbahnkongreß hat Baron Alphons von Rothschild den Vorsitz geführt. — Der Sultan der Türkei hat den beiden Inhabern der Tabaksfirma Johnston und Mayer in London den Kommandeurrang des Medschidjo- Ordens verliehen. Herr N. Mayer ist ein aus Rumänien in London eingewanderter Jude, der sich um die Kolonisation von Palästina