Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- Seite 642 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607559--7904-9607565- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 642. Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. fördert, und wenn auch der Anfang noch nicht groß ist, so hoffen wir, daß diese Idee sich nach und nach ausbretten wird. Die ferneren Vorschläge, die zur Förderung gemacht werden, sind verschiedenartig; so empfiehlt der Vorsitzende des Vorstandes Herr Oberamtmann Ludwig Cohn, Rentengüter etnzurichten und sie den in Ahlem oder sonst ausgebildeten Landwirten zu überlassen, das Angeld soll ihnen auf Abzahlung oder Amortisation kreditiert werden. Andere Vorstandsmitglieder empfehlen, auf genossenschaftlicher Basis errichtete jüdische Kolonien mit tüchtigen Dirigenten an der Spitze zu begründen, und beantragen, daß die Mittel dazu vorläufig von mtldthätigen Glaubensgenossen aufgebracht werden. Das Vorstandsmitglied Herr Mühlenbefitzer Rosenthal ist auch für geschlossene Kolonisation und empfiehlt die Erwerbung von Gütern in der Nähe großer Städte, deren Aufteilung er nach bestimmtem von ihm vorgeschlagenen System für sehr vorteilhaft und geeignet hält. Auch er setzt die Beteiligung privater Wohlthätigkeit, wenn schon nur in beschränktem Maß voraus. Das Vorstandsmitglied Herr Konsul Simon hält Kolonien nicht für unbedingt nötig, hofft aber, daß seinen früheren armen Zöglingen das zum Erwerb von Gütern nötige Kapital zu 1 % bis 2 °/0 Verzinsung von wohlwollenden Glaubensgenossen hergeliehen werde. Wenn ich auch in allen diesen Gedanken, Vorschlägen und Maßnahmen einen nicht zu unterschätzenden Kern erblicke, so nehme ich doch zu der ganzen Frage einen so abweichenden Standpunkt ein, daß ich es für notwendig halte, ihn zu präzisieren, damit er einer Würdigung unterzogen werde: Wie wir aus vorstehenden Ausführungen ersehen, ist der Gesichtswinkel, unter dem der Vorstand des Vereins zur Förderung der Bodenkultur sich zu bethätigen sucht, der der Wohlthätigkeitspflege. Erst soll mit Hilfe von Stipendien der Lehrling ausgebildet werden, dann soll der Ausgebtldete durch Vereinsvermögen in eine Position gebracht werden, später soll das zum Besitzerwerb nötige Kapital geliehen oder hergegeben werden. Es werden somit fast ausschließlich armer Leute Kinder ins Auge gefaßt. Ich aber bin der Meinung, daß auf der Basis der Wohlthätigkeit nie etwas rechtes aus der ganzen Sache werden könnte, selbst dann nicht, wenn sehr beträchtliche Beträge von edlen Glaubensgenossen dazu hergegeben würden; denn sie wären wie ein Tropfen auf einem heißen Stein, was eine einfache Bauernrechnung uns vergegenwärtigt. Fassen wir nur die Ueberleitung von 1000 Familien ins Auge, denen der geringe Betrag von nur 5000 Mk. pro Familie hergegeben würde, so beträgt dies schon 5 Millionen Mark. Ich bin dagegen der Ansicht, daß der Verein die Basis seiner Thätigkeit zum größten Teil abseits der Wohlthätigkeitspflege errichten sollte, daß seine Aufgabe in erster Reihe in einer zeitgemäßen und intensiven Propaganda in Wort und Schrift bestehen müsse, die sich an die beffer situierten Israeliten zu richten habe, um vor allem diesen das Interesse dafür einzuflößen. Nicht nur den Vätern, sondern auch den Müttern muß die Notwendigkeit vor Augen geführt werden, in Zukunft eine Aenderung in der Standeswahl vorzunehmen, sie daraus hinzuweisen, welche Chancen die Landwirtschaft und Gärtnerei gegenüber anderen Berufen bietet, und ihnen zu empfehlen, ihre Kinder dazu zu erziehen. Es muß erklärt werden, daß es leichter ist, sich als Landwirt mit einem Grundkapital von 10 000 bis 30 000 Mk. zu ernähren, denn als Kaufmann oder Gewerbetreibender mit solchem Kapital, und daß die Anlage des Kapitals nirgends so sicher sei, wie in Grund und Boden, der bet gutem Betrieb stets wertvoller in sich selbst werde, wogegen Waren unmodern und entwertet, Maschinen abgenützt und veraltet werden, und daß nichts unsicherer sei, als ein Geschäft, das auf Kredit-Nehmen und -Geben basiert sei. Es muß hervorgehoben werden, daß der Aufenthalt aus dem Land gesundheitlich wett vorzuziehen sei und kräftigen Nachwuchs erzeuge. Aber auch die Etnwände, die gegen die Zuführung zur Landwirtschaft erhoben zu werden pflegen, und die sich zumeist auf die Klagen der Agrarier stützen, müssen entkräftet werden durch den Hinweis daraus, daß hier zumeist viel zu teuerer Erwerb oder große Ueberschuldung, oft zu großer Bedarf oder zu geringe Thätigkeit und Fürsorge, oft auch zu geringe Intelligenz u. s. w. die Notlage erzeuge. Neben solcher mündlichen und schriftlichen Propaganda muß der Verein eine Auskunstsstelle einrichten, an der Jeder Rat und Förderung erhält, und zugleich einen Stellennachweis. Meiner Ansicht nach muß es die Hauptaufgabe des Vereins sein, in erster Reihe die beffer situierten Kreise, den sos genannten Mittelstand zu interessieren und ihn zu veranlassen, selbst praktisch ans Werk zu gehen. Denn die Landwirtschaft und Gärtnerei ist nur ein lohnender Beruf für den gut fundierten Besitzer. Ein solcher wird mit seiner Familie stets seine gesicherte und angenehme Existenz haben und sich bei Intelligenz und Fleiß ebenso wie in allen andern Berufen emporarbeiten. Arme Kinder aber zur Landwirtschaft und Gärtnerei mit Hilfe der öffentlichen Wohlthätigkeit auszubilden, halte ich für absolut unratsam, denn nach den von mir gemachten jahrelangen eingehenden Erfahrungen, kann sich mit Schaufel und Hacke ein Jude in Deutschland als ländlicher Tagelöhner nur kümmerlich selbst, absolut aber keine Familie ernähren. Ich halte daher das ausgewendete Stipendium für irrationell ausgegeben und jede andere Karriere für ein armes Kind für hoffnungsvoller. Wenn aus den niederen Schichten trotzdem Kinder hierzu erzogen werden sollen, so muß das betreffende Individuum besonders und hervorragend geeignet sein. Mit solchem Material ländliche Kolonien zu errichten, wäre doch wohl ein kümmerlich Ding. Soll ein frischer und gesunder Zug in die Sache kommen, so muß sie vom kräftigen Mittelstand, mit eigenem Kapital unternommen werden. Der Erfolg in der Landwirtschaft hängt mehr als in irgend einem andern Berus von der Tüchtigkeit und dem Fleiß ab; der Name „Oekonomie" besagt alles. Wenn befähigt und solid erzogene Glaubensgenossen sich der Landwirtschaft zuwenden, werden sie sich bald ebenso den Vorrang erringen, wie ihnen dies im Handelsstand oder anderen städtischen Berufen gelungen ist.