Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 41 (12.10.1900)
- Date
- 1900-10-12
- Page
- Seite 641 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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/ J Nr. 41. Israelitische Wochenschrift. ©eite 641. Ihren Einfluß geltend machen, um die wohlwollende Aufmerksamkeit der Regierung Ihrer Majestät auf die zionistische Bewegung zu lenken und ihre guten Dienste zu Gunsten der zionistischen Bestrebungen in Anspruch zu nehmen, sobald diese guten Dienste mit denen der anderen in Palästina und Syrien interessierten Mächte angerufen werden. Wenn Sie unserer Bewegung freundliche Beachtung schenken und Ihre gütige Zustimmung zu meiner Kenntnis bringen, so werde ich glücklich sein, die Freunde unserer Sache in dem Bezirk, in dem Sie sich um ein Mandat bewerben, anzuweisen, daß sie Ihre Kandidatur mit aller ihrer Kraft unterstützen." Von etwa 90 bis 100 Parlamentskandidaten sind Antworten eingegangen, deren größter Teil dem Zionismus günstig - lauten soll. Das ist ein mageres Ergebnis, denn die Mehrzahl der Adressaten dürfte vom Zionismus kaum mehr wissen, als was der oben wiedergegebene Brief sagt, dessen philanthropischem Inhalt nicht zuzustimmen kaum möglich ist. Im Uebrigen pflegen englische Parlamentskandidaten so allgemeine Fragen nach dem Wunsch der Fragesteller zu beantworten, ganz besonders, wenn damit eine positive Verbindlichkeit nicht eingegangen wird. Bei Wahlen wird überall viel in „europäischen Redensarten" gemacht — es liegt kein Grund vor, europäische Redensarten mit zionistischem Anstrich auszuschließen. Selbstverständlich, und das ist der Humor davon, haben sich mit besonderem Nachdruck d i e Kandidaten zu Gunsten des Zionismus erklärt, denen jüdische Bewerber nichtztonistischer Gesinnung gegenüberstehen. — Das Ganze ist eitel Schaumschlägerei. 8i»e Mmäße Frage für die deutsche« Jude«. Von Eugen Rosenstiel-Berlin. Die Erwerbsverhältntsse der mittleren und niederen jüdischen Klassen in Deutschland find im letzten Dezennium einer dauernden Veränderung unterworfen, sie werden von Tag zu Tag schwieriger. Es ist nicht nur der Antisemitismus mit seinem leider allzuwirkungsvollen Ruf: „Kauft nicht bei Juden" und sein unleugbarer Einfluß, der den Juden alle Aemter vom Minister bis zum Nachtwächter, vom General bis zum Unteroffizier, vom Geheimrat bis zum Büreauassistenten verschließt; es sind noch mehr die allgemeinen Verhältnisse, wie sie sich in unserer Zeit entwickeln und zuspitzen. Der Kampf der Agrarier gegen Handel, Industrie, Börse und Hausierhandel einerseits, die lautlose, aber um so gigantischere Monopolisierung des Detailhandels durch die großen Waarenhäuser andererseits, sind es, die den jüdischen mittleren und kleineren Geschäftsmann dem sicheren Ruin zuführen. Der Zwischenhandel, meist von Juden ausgeübt, wird auf den Aussterbe-Etat gesetzt, denn mit der Erleichterung der Verkehrsverhältnisse wird der Vertrieb vom Produzenten zum Konsumenten immer direkter. Einkaufsgenossenschaften, Beamten- und Offizier-Vereine, der Uebergang des Bankgeschäfts an die großen Banken, die Veränderungen im Getreidehandel u. s. w. untergraben geradezu die Eristenzmöglichkeit der jüdischen Bevölkerung, denn diese wird am meisten dabei betroffen. Ueberfüllt und daher zum größten Teil schlecht ernährend sind auch die Gelehrtenstände der Aerzte, Rechtsanwälte re. Eine Besserung in diesen Verhältnissen ist in Zukunft nicht zu erwarten; im Gegenteil läßt die an sich gerechtfertigte wirtschaftliche Entwickelung sowie die Strömung der Majorität der gesetzgebenden Faktoren eine Verschlimmerung befürchten. Daher ist es zeitgemäß, sich mit der Frage zu beschäftigen, welche Wege wir einzuschlagen haben, um der jüdischen Bevölkerung neue Quellen des Erwerbs zu eröffnen. Naturgemäß richten sich unsere Blicke aus die Landwirtschaft, die in Deutschland fast der Hälfte der Bewohner Unterhalt gewährt, und die von den Juden, obgleich ihre Ausübung ihnen ungehindert gestattet ist, doch nur in geringer Zahl betrieben wird. Nach der Statistik beschäftigen sich damit in ganz Deutschland ca. 3000 jüdische Familien, während sich im Verhältnis zur christlichen Bevölkerung damit 75 000 Familien beschäftigen müßten. Aber nicht nur die oben dargelegten mißlichen Ernährungs- Verhältnisse drängen die Juden zur Landwirtschaft und Gärtnerei; es gebieten dies auch die sozialen, ethischen und nicht zuletzt die hygienischen Verhältnisse. Es ist kaum zu leugnen, daß die Juden im Allgemeinen schwächlich und nervös sind und daß die Nervosität ihren Nährboden in den Städten und den dort betriebenen Beschäftigungen findet. Eine Stärkung der künftigen Generation ist einzig durch das Leben auf dem Land und durch Beschäftigung in Gottes freier Natur zu erwarten. Diese Gesichtspunkte und viele andere haben zur Begründung des Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands geführt. Zwei Grundfragen kommen für uns zuvörderst in Betracht: 1. Auf welche Weise muß die Ueberleitung erfolgen? 2. Was kann und muß der Verein zu ihrer Förderung thun? Wir sind im Vorstand des Bodenkulturvereins und mit den sich mit diesen Fragen eingehend Beschäftigenden darüber einig, daß zur Ausübung landwirtschaftlicher und gärtnerischer Gewerbe Fachkenntniffe gehören und sonstige Qualifikationen erforderlich sind, die anerzogen und gelernt werden müssen. Dies alles findet man in Deutschland nur bei sehr wenigen Juden. Wir können daher gegenwärtig jüdische Landwirte und Gärtner nicht aus der Erde stampfen, sondern müssen in erster Reihe dafür agitieren, daß jüdische Knaben dazu erzogen werden. Daher begrüßten wir von Anfang an freudig die für diese Zwecke von Konsul Simon errichtete jüdische Erziehungsanstalt in Ahlem. Es sind dort gegenwärtig ca. 80 Knaben, meist aus armen jüdischen Familien kommend, die auf Kosten mildthätiger jüdischer Glaubensgenossen und besonders der Jewish-Colonisation-Association (Baron Hirsch-Stiftung) ausgebildet werden. Wir haben es in unser Programm ausgenommen, der Anstalt selbst, insbesondere aber den dort ausgebildeten Lehrlingen, auf ihrem ferneren Lebensweg förderlich zu sein. Um schon die Liebe zur Natur in früher Jugend zu erwecken, haben wir ferner die Errichtung von Schulgärten gc-