Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1900-10-12 · 41 (12.10.1900) · p. Seite 640

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
41 (12.10.1900)
Date
1900-10-12
Page
Seite 640 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9607256-9607559--7902-9607563
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 640. Israelitische Wochenschrift. Nr. 41. schaft eine Reihe ganz anderer Leute, die als Typen ihrer Gattung angesehen werden können, obwohl sie mit den sittlichen und christlichen Idealen der Gegenwart in schärfstem Widerspruch stehen, wie z. B. die kleinen und die großen Börsenjobber, die Konfektionäre, die Glücksspieler im Frack, die Theater- und Konzertagenten und ähnliche Vermittler, sämtlich nicht einzelne Erscheinungen, sondern Typen, die jedermann kennt. . . . Weshalb werden diese Typen nicht gezeigt? Weshalb erscheinen sie niemals, selbst nicht nur in der allerleisesten Andeutung, in den modernen Stücken, weshalb nicht einmal in denjenigen, die allermodernste Zustände widerspiegeln wollen? Die Antwort ist: weil hier schon eine höhere Macht als die Zensur selbst vorbeugend und verhindernd eingreift. Alle Welt weiß nachgerade, was unter dieser geheimen Oberzensur zu verstehen ist, die mit beispielloser Rigorosität darüber wacht, daß nicht ein einziger jener modernen jüdischen Typen auf dem Theater erscheint. Da gegenwärtig in erster Reihe jüdische Blätter die Berliner Theaterzensur so erbittert angreifen, so erscheint es an der Zeit, darauf hinzuweisen, daß in jener geheimen Oberzensur noch eine andere Instanz besieht, die viel einseitiger, gemeinschädlicher und rücksichtsloser wirkt." Was die „Kreuzzeitung" zu vermissen vorgiebt, das ist in der dramatischen Literatur — von der anderen gar nicht zu reden — in reichster und ungerechtester Fülle vorhanden. Die Gerechtigkeit, die angeblich nur aus der Bühne herrschen soll, hat für die Juden nie existiert; sie sind dort mit ungleichem Maß gemessen worden, fast wie im Leben selbst, und sie haben sich gegen die poetische Unbill noch weniger aufgelehnt, als gegen die politische Unbill. Auch die modernen Dichter, die von allen überlieferten Anschauungen sich mit oft recht gedankenloser Begeisterung freigemacht haben, sind in einer Beziehung der bequemen Tradition treu geblieben: das jüdische Karikatur-Gliche haben sie behalten und ausgenutzt, und ihre magere Phantasie war fruchtbar einzig in der Richtung, daß sie Zerrbildern krumme Nasen gaben und sie ein Deutsch reden ließen, das beinahe so schlecht war, wie das der „Kreuzzeitung" und jüdisch-deutsch sein sollte. Die Verkörperungen politischer und sittlicher Heuchelei, die die „Kreuzzeitung" aus verwandtschaftlichen und sonstigen Rücksichten nicht aus der Bühne sehen will, die hat uns nicht die moderne Szene, sondern das moderne Tribunal gezeigt. Wir können begreifen, daß die „Kreuzzeitung" hierüber klagt, denn dieser Neuerung hat sie den Verlust ihres revolvergewaltigen Freiherrn v. Hammerstein-Woßu zuzuschreiben. Den Dichtern aber die Inden-Karikatur zu empfehlen, dazu fehlt in der That der Anlaß; diesen ererbten Besitz haben die Modernsten sich nicht nehmen lassen — die Umwertung aller Werte so weit zu treiben, das gab ihre eigene Wertlosigkeit nicht zu. * * * (Weshalb die Aufregung?) In der „Staatsbürgerzeitung" finden wir folgenden Weheruf: „Der neue Bürgermeister hat in seiner in mancher Beziehung recht sonderbaren Programmrede eine Lanze für die Selbstverwaltung gebrochen. Wie es mit dieser in Berlin in Wirklichkeit aussieht, ist aus folgendem ersichtlich: Auf der Tagesordnung der letzten Stadtverordneten-Bersammlung standen die Wahlen je eines Mitgliedes 1) in das Kuratorium der Verwaltung der Heimstätten, 2) in die Schuldeputation und 3) eines Bürger-Deputierten in die Deputation für die städtische Jrrenpflege. Hierzu lagen folgende Meldungen vor: ad 1 Stadtverordneten Dr. Freudenberg uud i Louis Sachs I, ad 2 Stadtverordneten Dr. Bütow, Dr. Nathan j und — Singer, ad 3 Sanitätsrat Dr. Schlesinger und prakt. Arzt Dr. Zadeck. Lauter Juden! — So sieht es in der Selbstverwaltung Berlins aus. Nur Juden werden in den einzelnen Fraktionen vorgeschlagen, und dann ist es selbstverständlich, daß niemand von den Freisinnigen es wagt, noch einen anderen Vorschlag zu machen oder gar ein Mandat anzunehmen. So liegt die Selbstverwaltung thatsächlich in Judenhänden und wird zur Judenverwaltung. Michel, Michel, Berliner Michel, wann werden dir die Augen aufgehen?" Wir machen, bemerkt hierzu die „Welt am Montag", die „Staatsbürgerzeitung" höflichst darauf aufmerksam, daß für die Verwaltung der vorstehend angeführten Aemter nichts gezahlt wird. Das ist also nichts für ihre Parteigänger. Weshalb die Aufregung? * * * (Ein Oberlandesgericht gegen den Geschästsantisemitismus.) Das Oberlandesgericht in Prag hat eine interessante Entscheidung gegen den Geschästsantisemitismus gefällt. Am 29. Juli d. I. wurde die „Nationale Zeitung", ein deutschnationales Antisemitenblatt in Saaz, wegen eines Aufrufs, der sich gegen die jüdischen Kaufleute richtete, konfisziert. Das Blatt erhob Einspruch gegen die Konfiskation; bei der am 29. August vor dem Brüxer Kreisgericht stattgehabten Einspcuchsverhandlung wurde dem Einspruch Folge gegeben. Gegen dieses kreisgerichtliche Erkenntnis führte die Staatsanwaltschaft Beschwerde an das Oberlandesgericht, das die Konfiskation bestätigte. In den Gründen der Entscheidung heißt es: Der Beschwerde der Staatsanwaltschaft war Folge zu geben, weil der in Rede stehende Aufruf im Widerspruch mit dem jedem redlichen Geschäftsverkehr gebührenden Schutz zweifellos auf die materielle Schädigung der Gewerbetreibenden anderer Nationalität und Religion somit auf Feindseligkeiten gegen diese abzielt und damit den Thatbestand des im § 302 St.-G. bezeichneten Vergehens gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung begründet. Es giebt noch Richter in — Oesterreich! 4- -I« * (Die Zionisten in England.) Der englische Zionistenbund hat durch seinen Vorsitzenden Herrn Joseph Cowen an alle Bewerber um einen Sitz im englischen Unterhaus folgendes Schreiben gerichtet: „Geehrter Herr! Die Frage des Zionismus bewegt gegenwärtig die Gemüter der jüdischen Wähler im vereinigten Königreich. Ziel des Zionismus ist, den Juden, die in ihren Geburtsländern verfolgt werden, beizustehen, daß sie in Palästina eine öffentlich - rechtlich gesicherte Heimstätte und unter der Suzeränität des Sultans dort Ansiedlungsrecht erlangen. Es bedarf kaum der Betonung, daß die Verwirklichung des Zionismus eine praktische Lösung der stetig wachsenden Judenfrage in Europa darstellt und eine Ablenkung der Auswanderungsflut bildet, die jetzt nach den westlichen Ländern gerichtet ist. Im Interesse der Menschlichkeit und der Freiheit und in Uebereinstimmung mit den rühmlichen Ueberlieferungen Englands möchte ich Namens des englischen Zionistenbundes die Aufforderung an Sie richten, daß Sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.